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Facebook, TikTok & Co : Die Wandlungsfähigkeit von Social Media in der Krise

  • -Aktualisiert am

Wettkampf um Aufmerksamkeit Bild: AFP

Aufgrund der Pandemie nutzen viele Menschen das Internet noch intensiver. Was sich in der Krise geändert hat und nun wichtig ist, beschreibt Social-Media-Fachmann Torben Platzer.

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          Social Media ist nahezu überall angekommen, wer das bis heute bezweifelt hat, muss sich eines Besseren belehren lassen: Knapp die Hälfte der Weltbevölkerung nutzt Social Media. Das sind 3,8 Milliarden Menschen rund um den Globus, 321 Millionen Menschen mehr als im Jahr 2019 – das ist ein Anstieg von neun Prozent. Das meldete Hootsuite Anfang dieses Jahres. Und auch die Nutzungsdauer dieser Netzwerke wächst stetig und liegt im Durchschnitt bei fast zweieinhalb Stunden täglich.

          Seither sind die Zahlen weiter gewachsen.  Denn gerade in der aktuellen Lage zeigt sich, dass Menschen nicht nur fernsehen, sondern vermehrt ihre News über Social Media konsumieren und sich von TikTok, Instagram, YouTube und Co. unterhalten lassen.

          Viele Unternehmen haben ihr Werbebudget gestrichen und kehren zu den Basics zurück. Es werden vermehrt organische Posts mit Inhalten kreiert und gezeigt wie in der Anfangszeit der sozialen Netzwerke – als diese noch nicht überschwemmt waren mit Werbebotschaften.

          Auch Messaging-Apps und Live-Streaming-Portale wie Twitch erfahren gerade einen regelrechten Boom, weil sie abrufbares Entertainment bieten, bei dem sogar mitgewirkt werden kann. Der Zuschauer bestimmt das Programm, das zu Hause neben allen „to dos“ konsumiert werden kann, und nutzt gerne die Möglichkeit der direkten Feedbackkultur.

          Was ist ethisch und moralisch verwerflich?

          Da die Kommunikation über die sozialen Netzwerke und Messaging-Apps schneller ist als auf den altbekannten Wegen, waren Fake News, die sich rasant verbreiteten und Verwirrung stifteten, ein präsentes Thema seit der Präsidentenwahl von Donald Trump. In Zeiten von Corona wurde man anfangs öfter mit Verschwörungstheorien konfrontiert, die geteilt und kommentiert worden sind. Facebook hat auf die andauernde Kritik reagiert und bietet Nutzern die Möglichkeit, einen Beitrag als Falschmeldung zu melden, der dann geprüft wird. Positiv ist auch, dass immer mehr Fachleute in Online-Diskussionen über diese Themen einsteigen.

          Dieser Austausch ist sehr wertvoll für die wachsende Akzeptanz von Social Media. Die Menschen sind aufgrund der weniger gewordenen persönlichen Begegnungen kommunikativer denn je, und das Internet und die sozialen Netzwerke befriedigen diese Bedürfnisse, in dem sie einen virtuellen Raum für Gespräche bieten, die außerhalb dessen nicht stattfinden würden. Jeder kann zu jeder Zeit zu Wort kommen, die Relevanz wird allein durch den Leser oder Zuschauer bestimmt – ein faires System, so lange kein Werbegeld für Reichweite fließt.

          Beobachten konnte man das vor allem auch an der Influencer-Diskussion, die entfacht ist: Darf man Profit aus der Krise schlagen oder überhaupt werben wie bisher? Was ist ethisch und moralisch verwerflich und was wird akzeptiert?

          Diese transparente und vor allem direkte Kommunikation ist ein positiver und wichtiger Trend, der die Aufklärungsrate aller nachhaltig erhöhen wird und zeigt, dass das Internet bei Problemstellungen überraschenderweise eigene Lösungen bereithält – seit dem Bashing von Oliver Pocher gegen Influencer haben mit großer Sicherheit viele Influencer überlegt, ob sie das, was sie gerade tun, für richtig halten oder nicht. Auch eine dadurch entstandene Diskussion um Doppelmoral zeigt, dass Influencer als Sender angreifbar sind und keine Immunität genießen.

          Wer Haltung zeigt, wird profitieren

          Unternehmen und Personenmarken kommunizieren mehr mir ihrer Community, haben ein offenes Ohr (Social Listening) für diese und gaben und geben Halt in Zeiten, in denen viele alleine zu Hause sind. Die vermehrte Kommunikation und auch Live-Streams verstärken die Nähe zum Follower, Interessenten und Kunden und sorgen für einen deutlichen Anstieg in der sogenannten Brand-Awareness.

          Wer jetzt auf Social Media aktiv ist, sowohl Haltung zeigt als auch Stellung bezieht und sich nicht versteckt, wird auch nach der Krise davon profitieren. Denn genau darin zeigt sich jetzt, wer nur online geht, um zu werben und zu verkaufen – oder wer wirkliches Interesse an den Empfängern der eigenen Message hat. Nun kommt es neben Werbestatements und Verkaufsversprechen vor allem auf spontane und emphatische Kommunikation an. Und das stellt den ursprünglichen Gedanken der sozialen Netzwerke endlich wieder in den Vordergrund.

          Die Coronakrise ist für viele eine Chance der Rückbesinnung und Neuausrichtung: Wer die native Sprache einer Plattform versteht, wie Nachrichten zu senden und vom Empfänger verstanden werden, der ist sich seiner Verantwortung bewusst. Der wird auch in diesem Jahr seine Reichweite ausbauen, denn die Relevanz der eigenen Message und die ehrliche Intention wird entscheidend sein.

          Besonders Personenmarken können zeigen, dass sie eigenverantwortlich handeln und versuchen, die Probleme ihrer Community ernst zu nehmen, zu lösen und für sie da sind. Das erst lässt eine starke Bindung entstehen, die über die Krise hinaus andauern wird. Diesen Stellenwert und Einfluss spüren gerade auch Unternehmen, die bisher aufgrund guter Offline-Umsätze das Thema Digitalisierung nur halbherzig oder noch nicht ernsthaft angegangen sind.

          Sie müssen jetzt verstehen lernen, wo sich ihr Kunde gerade aufhält und wie sie diesen am besten und vor allem schnellsten erreichen können, um überhaupt wieder in Kontakt zu kommen miteinander. Für viele kommt diese Erkenntnis leider schon zu spät, andere sollten diesen letzten Warnschuss ernst nehmen und sich besser heute als morgen mit den sozialen Netzwerken auseinandersetzten und handeln. Sonst werden sie in Zukunft von den immer relevanteren Kommunikationskanälen abgeschnitten werden.

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