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Open-RAN : Diese Mobilfunk-Hoffnung ist trügerisch

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Wer soll wie das 5G-Netz aufbauen und betreiben? Bild: mauritius images / Marlon Trottm

Wer darf an den 5G-Netzen mitbauen – und welche Risiken drohen? Hinter dem vielerorts propagierten Open-RAN-Ansatz verbirgt sich eher ein geopolitisches Instrument als ein handfestes technisches Konzept. Ein Gastbeitrag.

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          Seit mehreren Jahren wird darüber gestritten, inwiefern es politisch vertretbar ist, wenn Netzbetreiber von Industrienationen Komponenten für Mobilfunknetze der vierten oder fünften Generation nutzen, also für 4/5G, die von chinesischen Ausrüstern wie Huawei oder ZTE hergestellt werden. Aktuell hat die Diskussion infolge von Hinweisen litauischer Behörden auf mögliche Zensurfunktionen und Sicherheitslücken in Smartphones von Huawei und Xiaomi wieder an Intensität zugenommen.

          Die letzte Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel hat aufgrund der Debatte etliche Maßnahmen getroffen, von denen zwei herausragen: Erstens wurde im Mai 2021 das Gesetz über das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geändert. Das Regelwerk ermächtigt nun das Bundesinnenministerium, Netzbetreibern die Verwendung „kritischer (IT-)Komponenten“ zu untersagen, „wenn der Einsatz die öffentliche Ordnung oder Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland voraussichtlich beeinträchtigt“, so steht es im Paragrafen 9b. Zweitens wurden als Teil des Corona-Konjunkturpakets zwei Milliarden Euro bereitgestellt, mit denen Projekte gefördert werden sollen zur Entwicklung einer offenen Architektur für 4/5G-Funkzugangsnetze, im Branchenjargon Open Radio Access Networks (O-RAN).

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          Der O-RAN-Ansatz strebt die Modularisierung und primär softwaregestützte bessere Steuerung von 4/5G-Zugangsnetzen an, die Nutzerendgeräte wie Smartphones, Tablets oder Laptops über Antennen mit Basisstationen als Eingangstoren zum 4/5G-Kernnetz verknüpfen. Hierzu sollen herstellerübergreifend technische Spezifikationen für Schnittstellen zwischen den Modulen veröffentlicht werden, sodass sich Funkkomponenten und Software verschiedener Ausrüster miteinander kombinieren lassen.

          Davon erhoffen sich Betreiber von 4/5G-Netzen, weniger abhängig von einzelnen Herstellern wie Huawei zu werden – und den Wettbewerb so zu intensivieren, dass die RAN-Preise fallen und Innovationen schneller entwickelt werden. Sie versuchen deshalb seit dem Jahr 2016 in verbandsähnlichen Projektgruppen wie dem xRAN Forum und der Cloud RAN Alliance, die wiederum seit dem Jahr 2018 als „O-RAN Alliance e. V.“ firmieren, den O-RAN-Ansatz möglichst gemeinsam mit Ausrüstern und auf der ganzen Welt voranzubringen.

          Politische Entscheider und Publikumsmedien vermitteln ihrerseits nun häufig den Eindruck, dass der O-RAN-Ansatz der Königsweg sei, um über die Austauschbarkeit von Ausrüstern insbesondere chinesischer Provenienz die digitale Souveränität oder gar Autarkie von heimischen 4/5G-Netzbetreibern deutlich zu steigern. Technische und empirische Fakten sprechen jedoch dafür, dass sie einer Schimäre aufsitzen.

          Marktweite Standards wären erforderlich

          In technischer Hinsicht kann eine O-RAN-Architektur zwar mehr Transparenz für die Schnittstellen verschiedener 4/5G-Zugangsnetzmodule (Antennen, Signalumwandlung und Signalverarbeitung) schaffen. Dadurch ändert sich die unzureichende Transparenz der Technik in den Modulen, also ihr „Black Box“-Charakter, selbst jedoch nicht.

          Hierzu wäre es erforderlich, nur noch auf sogenannte „White Box“-Hardware zurückzugreifen, also auf Module mit Komponenten wie Antennensubsystemen oder vorkonfektionierten Logikschaltkreisen (Gate-Arrays), die einheitlich nach marktweit genutzten Standards gebaut werden. Außerdem müssten die modulspezifischen Softwarepakete veröffentlicht werden.

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