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Dank Streaming : Deutscher Musikmarkt legt deutlich zu

Casper (links) und Marteria beim Lollapalooza Festival Berlin Bild: dpa

Es geht wieder aufwärts auf dem deutschen Musikmarkt. Das liegt vor allem an den Einnahmen durch Spotify & Co. Die CD ist aber noch längst nicht tot.

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          Der deutsche Musikmarkt ist 2019 wieder gewachsen. Nach Rückgängen in den beiden Jahren zuvor wurde mit Musikaufnahmen ein Umsatz von 1,62 Milliarden Euro erzielt, wie der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) am Donnerstag mitteilte. „Wir sehen das größte Umsatzplus seit langer Zeit, was verdeutlicht, in welch dynamischem Markt sich die Branche derzeit befindet“, kommentierte der BVMI-Vorstandsvorsitzende Florian Drücke das Wachstum von 8,2 Prozent.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Maßgeblich verantwortlich dafür war das Audio-Streaming: Die Einkünfte über Dienste wie Marktführer Spotify, Apple Music, Amazon oder Deezer standen 2019 für 55,1 Prozent des Branchenumsatzes. 2018 waren es noch 46,4 Prozent gewesen, was auch damals schon dem größten Einzelposten entsprach.

          Mit Downloads (6,2 Prozent) und den Einkünften beispielsweise aus dem Video-Streaming (3,1 Prozent) sorgte das digitale Geschäft im vergangenen Jahr damit für 64,4 Prozent des Gesamtumsatzes. Demgegenüber steht die sinkende Bedeutung der physischen Tonträger. Der Verkauf von CDs machte 2019 noch 29 Prozent des Umsatzes der Musikindustrie aus, ein Minus von 10,5 Prozent im Vergleich zu 2018.

          Das Geschäft mit Schallplatten lief nach einem Minus im vergangenen Jahr dagegen besser (plus 13,3 Prozent), wobei Vinyl mit Blick auf den Gesamtmarkt mit einem Anteil von 4,9 Prozent weiterhin kein allzu großer Posten ist. Insgesamt wurden aus dem Verkauf von physischen Tonträgern 2019 noch 35,6 Prozent der 1,62 Milliarden Euro generiert.

          20-Milliarden-Marke wieder in Sicht

          Deutschland ist hinter Großbritannien, Japan, und der Nummer eins, den Vereinigten Staaten, der viertgrößte Musikmarkt der Welt. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten kommt gerade der CD hierzulande weiterhin eine vergleichsweise hohe Bedeutung zu. Laut dem Jahresbericht des amerikanischen Musikverbandes RIAA steht in Amerika die Schallplatte sogar kurz davor, die CD im Umsatz zu überholen: Während mit CDs 2019 615 Millionen Dollar (minus 12 Prozent) umgesetzt worden seien, kam das Vinyl-Geschäft auf 504 Millionen Dollar, ein Plus von 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Schallplatten sind tendenziell teurer als CDs, gerade limitierte Auflagen mit besonderen Farben und Mustern. Aufwendig gestaltete Sondereditionen von CD-Alben kämen allerdings ebenfalls gut an, sagte der Europa-Chef des größten Plattenlabels der Welt, Universal Music, Frank Briegmann jüngst der F.A.Z.

          Die größte Bedeutung hat aber ohne Zweifel das Streaming-Geschäft. Fachleute sehen hier für Deutschland noch einiges an Potential, während das Wachstum in Märkten wie Großbritannien oder den Vereinigten Staaten langsamer werden dürfte. Auf satte 79,5 Prozent belief sich der Anteil der Einnahmen aus dem Streaming in den Vereinigten Staaten laut RIAA 2019.

          Auch auf dem globalen Markt für Musikaufnahmen, der im Gegensatz zum deutschen seit vier Jahren durchgehend wächst, sorgt vor allem das Streaming für Aufwind. Nach einem Umsatz 19,1 Milliarden Dollar in 2018 erwarten Branchenbeobachter, dass 2019 die 20 Milliarden Dollar-Marke überschritten wurde. Dies ist das letzte Mal 2003 gelungen, als die CD noch ihre Glanzzeit hatte. Die internationalen Marktzahlen werden Ende März veröffentlicht.

          Hip-Hop überholt Rock

          Von der Künstler-Seite gab es vor dem Hintergrund des Streaming-Booms immer wieder Kritik an der aus ihrer Sicht zu geringen Vergütung von Streams einerseits und der Verteilung der Einnahmen andererseits. Die Plattenlabels behielten einen überproportionalen Teil der Einnahmen für sich, obwohl in der digitalen Welt etwa die Vertriebskosten deutlich gesunken wären, lautet ein Kritikpunkt.

          In Deutschland sorgt derweil eine Initiative von Vertretern diverser Pop-Stars wie Helene Fischer, Rammstein oder Herbert Grönemeyer für Aufsehen. Diese fordert eine Umstellung des Abrechnungsmodells der Streamingdienste nach dem die Auszahlungen an die Rechteinhaber vorgenommen werden. Bislang werden die Einnahmen etwa aus den Abo-Gebühren aller Nutzer gesammelt und nach einem internen Verteilungsschlüssel der Dienste gemäß den Streamingzahlen der einzelnen Künstler ausgezahlt.  Für die am häufigsten gestreamten Künstler fielen so „satte Zuschläge“ ab, kritisiert die Initiative.

          Die Initiative fordert dagegen, dass die 9,99 Euro, die ein Premium-Nutzer etwa bei Spotify zahlt, nur noch unter den von ihm auch gehörten Interpreten verteilt werden sollen. Der kleinere französische Dienst Deezer will ein solches nutzerbasiertes System im Laufe des Jahres zunächst in Frankreich und dann auch in Deutschland einführen. Hierfür müssen aber zunächst sämtliche Rechteinhaber zustimmen. Von den großen Diensten wie Spotify, Apple oder Amazon gibt es derzeit keinerlei derartige Bestrebungen.

          Ein Grund für den Vorstoß der Künstlervertreter dürfte auch die Hip-Hop-Dominanz in den Charts sein und die tendenziell jüngere, streamingaffinere Hörerschaft dieses Genres. Die Beliebtheit der Rapper zeigt sich auch in den aktuellen BVMI-Zahlen. Zwar bleibt das weite Feld Pop in Deutschland die nach Umsatz stärkste Musikrichtung, doch hat Hip-Hop zum ersten Mal den Rock von Platz zwei verdrängt.

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