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Deutsche Industrie unter Druck : Größer. Lauter. Digitaler.

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Die Brücken brannten nieder

Zum anderen gab es ein kulturelles Problem. Diese neuen Digitaleinheiten waren meist räumlich so weit von der Zentrale entfernt, dass eine gemeinsame Kultur und eine gemeinsame Vision mit dem Mutterkonzern nicht möglich war. Für das Headquarter waren es die Querulanten aus den hippen Spots wie Berlin, die einfach nicht verstehen wollten, wie der Laden nun einmal tickt. Auf der anderen Seite waren die Kolleginnen und Kollegen aus der Zentrale die „Verhinderer“ und Ewiggestrigen.

Die Brücken zwischen diesen beiden Welten brannten nach und nach nieder und beide arbeiteten aneinander vorbei. Das spiegelte sich auch in den überschaubaren Erfolgen.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass heute der Eigenanteil an der Softwareentwicklung in der Automobilindustrie gerade einmal zehn Prozent betrgät. Die restlichen 90 Prozent kommen von Zulieferern und externen Softwareunternehmen.

Aus dem Menetekel Digitalisierung ist im Jahr 2020 längst ernste Realität geworden. Nun setzt der Aktionismus ein. Fieberhaft überbieten sich die deutschen Industriegrößen damit, sogenannte „Softwarehäuser“ aus dem Boden zu stampfen. Volkswagen hat alle Kräfte in der sehr digital anmutenden Car.Software.Org zusammengesammelt. Bis zum Jahr 2025 sollen dort bis zu 11.000 Mitarbeiter arbeiten. Bosch hat jetzt eine Schippe draufgelegt – 17.000 sollen es dort werden.

Wie sieht zeitgemäße Software-Entwicklung aus?

Was im Kleinen schon kaum funktioniert hat, soll nun also im Großen umgesetzt werden. Gerade bei der hohen Anzahl der Mitarbeiter ist umso wichtiger, wie digital ein Konzern insgesamt aufgestellt ist.

Bei einem Blick auf die Führungsstruktur dieser neuen Einheiten wird schnell klar, dass auch hier wieder fast ausschließlich auf Konzernmitarbeiter gesetzt wird. Man kann es ihnen noch nicht einmal zum Vorwurf machen, dass diese ihre Software-Bereiche so planen wie eine neue Fabrik. Denn ihnen fehlt schlichtweg das notwendige Wissen darüber, wie eine zeitgemäße, internationale Software-Entwicklung aufgebaut werden muss.

Handwerker ist nicht gleich Handwerker. Niemand würde im Traum daran denken, einen Maler sein Bad fließen zu lassen. Man will ja Profis.

Warum werden die Positionen in Software-Bereichen dann nicht mit gestandenen Managern von Technologie-Unternehmen besetzt? Mit Top-Softwareingenieuren aus der Branche, die verstehen, welche Strukturen und Methoden notwendig sind, um ein nachhaltiges sowie effizientes Softwarehaus aufzubauen? Manager, für die beispielsweise auch eine hohe Fluktuation in der IT-Branche völlig normal ist und adäquat darauf reagieren können?

Mehr Wertschätzung für IT-Experten

Es ist eben auch eine Frage des Selbstwertgefühls von Softwareingenieuren bei einem Maschinenbau-, Automobil- oder Zulieferer-Unternehmen. Die internen IT Abteilungen werden seit Jahren einzig als Kostenfaktor gesehen mit dem Drang, möglichst viel einsparen zu können. IT-Spezialisten in den Fachabteilungen werden immer noch als Nerds belächelt und in den Medien auch so dargestellt – quasi die Jungs mit den Cola-Dosen und Pizza-Boxen.

So lange sich grundsätzlich an dieser Wahrnehmung und Wertschätzung in den Konzernen nichts ändert, werden die Leistungsträger im Software Umfeld auch weiterhin ihr Glück bei den Technologie Unternehmen suchen. Oder im Start-up Bereich.

Entwickler-Netzwerke sind unverzichtbar

Das kann sich die deutsche Industrie aber nicht leisten. Denn Jahr für Jahr verlassen in Deutschland gerade einmal knapp 50.000 Ingenieure der Informationstechnologie die Universitäten. Um den rasant steigenden Bedarf zu decken, sind zusätzlich internationale Entwickler-Netzwerke unverzichtbar.

Die große Herausforderung im Industrie-Umfeld ist es, nicht nur die richtigen Spezialisten für sich zu gewinnen, sondern die zunehmend hohe Komplexität der verschiedenen Technologien zu bewältigen. Die Synchronisation von Themen wie Künstlicher Intelligenz, Blockchain, Cloud oder verschiedener Betriebssysteme ist alles andere als trivial und erfordert eine tiefgreifende Expertise.

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