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Delivery Hero-Chef Porträt : Der Lieferheld

Östberg lässt die Zahlen sprechen. Der Kurs der Aktie klettert. Das vergangene Quartal lief sensationell. Der Wegfall des Deutschland-Geschäfts nach dem Verkauf ist schon wieder ausgeglichen. Gerade wieder hat Delivery Hero einen neuen Rekord geknackt: Zwei Millionen Bestellungen liefen an einem einzigen Tag über die Plattform. Ein Grund für den Chef, sich mit einer kurzen Videobotschaft bei den Mitarbeitern zu bedanken. Was die vor allem nett fanden, weil im Hintergrund seine beiden Kinder spielten. So privat sehen sie den Chef sonst nicht.

„Davon ist Amazon Fresh weit entfernt“

315 Millionen Euro hat Delivery Hero im vorigen Quartal eingenommen, auch das ein Rekord. Insgesamt rechnen sie mit 1,3 bis 1,4 Milliarden Euro Umsatz in diesem Jahr. Allerdings auch mit einem Rekordverlust von mehr als 300 Millionen Euro. Ja, ja, sagt er und nickt wohl wissend. „Das ist nicht sehr populär in Deutschland, aber Gewinne stehen bei uns aktuell nicht im Vordergrund.“ Bei Amazon und Co. sitzen die Milliarden locker, wer da mithalten will, darf nicht knausern. „Da müssen wir manchmal weniger deutsch, weniger europäisch denken.“

Kurz verschreckt hat Östberg die Börse, als er vor wenigen Tagen Aktien im Wert von zehn Millionen Euro verkauft hat. Macht das nicht nur, wer an das eigene Unternehmen nicht mehr glaubt? „Ganz und gar nicht“, beteuert Östberg. Den Großteil seiner Anteile halte er noch, er habe auch nicht vor, sich von diesen zu trennen. „Der Verkauf war aus rein privaten Gründen notwendig.“ Welcher Art diese Gründe waren, verrät er indes nicht.

Dafür redet er umso länger über neue Ideen. So wie die großen Plattformen im Silicon Valley ständig in neue Geschäftsfelder vordringen, weitet auch Delivery Hero seine Aktivitäten aus. Momentan versucht die Firma sich als Online-Supermarkt, als Blumen-Lieferant und Internetapotheke. Pizza Salami, eine Flasche Rotwein, dazu eine Packung Aspirin und eine Zahnpasta - solche Bestellungen sollen die Kunden künftig aufgeben und an die Tür gebracht bekommen können. „Wir liefern in der Regel innerhalb von 15 Minuten“, verspricht Östberg. „Davon ist Amazon Fresh weit entfernt.“

Herausforderung Plastik

Das Konzept testet er schon in etlichen Städten in Südamerika und in sechs Städten in der Türkei. In Istanbul sind dafür schon zwölf Warenhäuser bestückt, 52 sind bis Ende des Jahres geplant, um die Lieferzeit in der Millionenstadt flächendeckend zu garantieren. „In den Depots lagern wir alles, was es im Supermarkt gibt.“ Dazu kommen Medikamente und Blumen.

Logistisch klingt das anspruchsvoll, der Knackpunkt aber sind die Verpackungen. „Ein ganz schwieriges Thema", sagt Östberg. „Vielleicht das schwierigste überhaupt.“ Wenn alles öko, abbaubar und CO2-neutral ist, schön und gut. Es muss aber auch den Ansprüchen der Kunden gerecht werden. „Ist das Thai-Curry kalt, bestellen sie beim nächsten Mal bei einem anderen Lieferanten.“ Da kennt der Kunde nichts.

Deshalb testet Delivery Hero gerade neue, umweltschonende Verpackungen aus speziellen, abbaubaren, mehrfach verwendbaren Fasern. Schließlich kann es mit dem Plastikmüll so nicht weitergehen. Vorerst aber müssen die Mitarbeiter herausfinden, ob das Super-Material aus pflanzlichen Reststoffen auch den Praxistest besteht: Ob Pizza und Nudeln noch warm, die Pommes womöglich latschig sind, ob Suppe oder Soße ausgelaufen, die Behältnisse heil oder zerknautscht sind. All das wird auf Protokollbögen genau dokumentiert.

Östberg schaut nach seinem Mittagessen auf den Berg vor sich. Leere Plastiktüten, leere Styropor-Schälchen, drei Alu-Deckel, Kunststoffbesteck. „Das Essen war lecker“, sagt er. „Aber wenn ich das hier sehe: Bei dem Laden werde ich nicht mehr bestellen.“ Er räumt den Müll zusammen. „Gerade wir müssen kreative Lösungen für das Plastikproblem finden.“ Natürlich ist er sicher, das zu schaffen. „Ansonsten könnte ich nicht mehr gut schlafen.“

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