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Aufstieg digitaler Assistenten : „Das Smartphone wird in vielen Situationen ersetzt“

  • Aktualisiert am

Amazon ist bislang der Marktführer bei digitalen Helfern. Bild: AP

Internetfähige Mobiltelefone haben das Leben revolutioniert. Nun konkurrieren Amazon, Google und Co um das nächste große Ding.

          3 Min.

          Alexa? Ok Google? Siri? Hi Bixby? – so werden die  digitalen Assistenten der Welt zum Leben erweckt. Entsprechend aktiviert und vernetzt, geben sie auf Zuruf Auskunft über das Wetter, spielen Musik ab, schalten Lampen ein und aus oder kaufen ein. Sprachbefehle gelten in der Unterhaltungsbranche als das neue Non-Plus-Ultra: Entsprechend viel Geld stecken die größten Technologiekonzerne Amazon, Google, Apple sowie Samsung in das Ringen um die Vorherrschaft in dem Wachstumsmarkt. Bisher macht der Onlinehändler Amazon das Rennen, er bringt dem Marktforschungsinstitut Canalys zufolge rund die Hälfte aller verkauften Sprachassistenten an den Kunden.

          Die Canalys-Analysten gehen davon aus, dass die Zahl der Sprachassistenten bis Ende des Jahres auf 100 Millionen steigt und sich damit im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Ende des Jahres 2020 sollen in Haushalten rund um den Globus dann bereits 225 Millionen Assistenten stehen.

          Allerdings will nicht jeder den Großen das Spielfeld überlassen. So plant die Deutsche Telekom ebenfalls einen Assistenten, dessen Markteinführung sich allerdings verzögert. Startups wie Gigaaa, Snips und Sherpa haben Plattform-Lösungen für verschiedene Geräte im Angebot. Viele der Anbieter sind auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin, die den Trend zur Sprachsteuerung in den Mittelpunkt stellt. So kommt ein Bosch-Rasenmäher jetzt mit Alexa daher und kann per Befehl gestartet, gestoppt oder geparkt werden. Der dänische Spezialist Bang & Olufsen vertraut hingegen auf den Google Assistant bei seinen vernetzten Lautsprechern.

          Assistent an der Windschutzscheibe

          „Ich bin überzeugt, dass die IFA den Durchbruch für die Sprachsteuerung bringt“, sagt Hans-Joachim Kamp, Aufsichtsratschef der Gesellschaft für Unterhaltungselektronik (gfu), die die IFA ausrichtet. Christopher Meinecke, Leiter für Digitale Transformation des IT-Branchenverbandes Bitkom, nennt Zahlen: „Inzwischen nutzen ungefähr 13 Prozent aller Bundesbürger einen Sprachassistenten im Haushalt.“

          Auch die qualitative Nutzung nehme zu und die Assistenten dienten häufig bereits als Schaltzentrale für das vernetzte Zuhause, das Smart Home. In solchen Haushalten kämen Sprachassistenten schon so häufig zum Einsatz wie die Fernbedienung.

          Die Verbindung von Sprachassistenten und Smart Home werde für weiteren Schub sorgen. Im Auto sind Alexa und Co. inzwischen in der Oberklasse an Bord. Auf der IFA zeigt das deutsche Start-up German Autolab einen digitalen Assistenten, der an der Windschutzscheibe angebracht wird.

          „Wenn das Gerät mitdenkt“

          „Sprachsteuerung wird für Verbraucher in dem Moment interessant, wenn das Gerät nicht mehr nur Kommandos entgegennimmt, sondern mitdenkt. Wir haben so viel in unserem Leben zu tun, dass wir Hilfe wirklich gut gebrauchen können“, sagt der Experte für Sprachassistenten, John Grotting, von der Innovations- und Designberatung Fjord. Gerade die Großen der Branche stecken viel Geld in die Verbesserung der Software hinter den meist ovalen und nicht allzu großen digitalen Lautsprechern.

          Dabei basiert alles auf der Künstlichen Intelligenz, die es mit Hilfe selbstlernender Algorithmen erst möglich macht, dass die Geräte überhaupt Konversation betreiben können. So kann Googles Assistant inzwischen Anrufe übernehmen und Friseurtermine vereinbaren.

          Eher als charmante Ablenkung und Entspannung haben die Amerikaner kürzlich das neue Feature „Tell me something good“ (Teile mir etwas Gutes mit) eingeführt. Nach entsprechender Aufforderung gibt es eine Zusammenfassung ausschließlich guter Nachrichten. Wie viele andere ist sich Gartner-Expertin Annette Zimmermann sicher, dass es sich bei der Sprachsteuerung um eine Welle handelt, die erst anläuft und nun immer stärker wird. „In vielen Situationen, in denen wir heute noch das Smartphone benutzen, werden wir in Zukunft Sprache einsetzen“, sagt Zimmermann.

          Ein Abgesang auf die Multifunktions-Minicomputer ist trotzdem nicht angebracht. Bis Sprachassistenten dem Smartphone weitere Aufgaben abnehmen können, muss noch einiges geschehen. Grotting sagt, dass sich viele Anwendungen – „Skills“ – noch nicht durchgesetzt haben: „Hier sind die Geschäftsmodelle noch unklar.“ Während beispielsweise viele Menschen bereits regelmäßig übers Smartphone einkaufen, bleiben sie vor dem Sprachassistenten stumm. Nach Angabe des Onlinedienstes „The Information“ haben von ungefähr 50 Millionen Alexa-Nutzern nur ungefähr 100.000 jemals ein Produkt per Sprachbefehl geordert.

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