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Das neue „VZ“ : Der Traum vom deutschen Facebook

Witzige Gruppennamen gibt es auch im neuen VZ-Netzwerk. Bild: Screenshot

Kennt noch jemand Studi-VZ? Mit „VZ“ gibt es wieder ein deutsches soziales Netzwerk. Statt Selbstdarstellung soll hier der Austausch in Gruppen im Vordergrund stehen. Geldgeber ist ein alter Bekannter.

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          Erinnern Sie sich noch an die bernsteinfarbene Schrift auf schwarzem Hintergrund, die der alte Dos-Computer hatte? Oder an den Moment, als es Tetris auf einmal in Farbe gab? Mit ähnlichen Reminiszenzen dürften sich viele Menschen, die heute zwischen 25 und 35 sind, an Studi-VZ und Schüler-VZ zurückerinnern. Die beiden Online-Portale, später erweitert um das auf Erwachsene ausgerichtete Mein-VZ, waren unter den ersten sozialen Netzwerken in Deutschland.

          Bastian Benrath
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Gedanke, sich online mit seinen Freunden zu vernetzen und sich Nachrichten hin und her schicken zu können, war damals, Mitte der 2000er, noch völlig neu. Zahllose Studenten luden damals ihre Unifotos hoch und traten um die Wette Gruppen bei, die Namen trugen wie: „Wenn ich alt bin, werde ich nur nörgeln. Das wird ein Spaß.“ War man Mitglied einer Gruppe geworden, erschien ihr Name auf dem eigenen Profil: Selbstvermarktung anno 2006.

          Witzige Gruppennamen gibt es wieder

          Dann kam Facebook nach Deutschland, und die „VZs“ verschwanden ziemlich sang- und klanglos von der Bildfläche. Die Mediengruppe Holtzbrinck, die sie damals betrieben hatte, verkaufte sie schließlich an einen Investor, 2017 ging das Unternehmen in die Insolvenz. Aus dieser heraus kaufte sie vor zwei Jahren der Gründer des Essenslieferdienstes Lieferando, Jörg Gerbig. Er selbst, inzwischen im Vorstand des Lieferkonzerns Takeaway.com, möchte sein privates Investment nicht kommentieren. Doch Agneta Binninger, Geschäftsführerin der neuen VZ Networks, sagt der F.A.Z.: „Seit Jahren meckern die Leute über Facebook. Und wir bieten jetzt einfach mal eine Alternative an.“

          Das neue „VZ“ – jetzt gibt es nur noch eins – sei ein komplett neu konstruiertes Netzwerk, das bis auf die transportierten Retro-Funktionen mit den alten Portalen nicht mehr viel zu tun habe, sagt sie. Vor allem liege der Fokus auf Austausch in Gruppen und nicht – wie bei Facebook – auf Selbstdarstellung über eine Timeline und das Profil. „Es gibt zurzeit noch kein voll auf Gruppen ausgerichtetes soziales Netzwerk“, sagt Binninger. Diese Gruppen könnten sich um alles bilden: Gemeinsame Interessen, Orte oder Freundeskreise.

          Und, ja, auch witzige Gruppen gibt es wieder: Öffnet man die neue VZ-Seite, werden einem allerlei Gruppennamen von einfallslos bis originell („Rabenmutter 2020 – Vor welche Serie setzt Du Dein Kind?“) angeboten. Der Fokus auf Gruppenkommunikation birgt den Nachteil, dass er Influencern, die von Natur aus möglichst viele Adressaten erreichen wollen, nur eingeschränkt eine Bühne bietet. Das sei eine Abwägung gewesen, sagt Binninger.

          „Wir hoffen, dass wir dadurch hochqualitativere, themenbezogene Unterhaltungen erreichen können.“ Menschen, die viele Inhalte in das Netzwerk posten, will VZ stattdessen auf andere Weise locken: Die Plattform stellt eine Beteiligung an den Werbeerlösen in Aussicht, ähnlich wie es sie für populäre Youtuber gibt. „Wir wollen am Anfang alle Umsätze zurück an die Nutzer ausschütten, nach dem Motto: Eure Daten, Euer Geld“, sagt Binninger. „Langfristig können wir uns vorstellen, vielleicht 30 Prozent der Gesamtumsätze so an die Nutzer zurückzugeben.“

          Durch Werbung finanziert

          Zudem stellt das Netzwerk den „Respekt vor den Nutzerdaten“, wie sie es nennt, in den Mittelpunkt. Sie verspricht, dass die Chats von Nutzern in keiner Weise ausgewertet und die Daten des Netzwerks ausschließlich in Deutschland gespeichert würden. Zudem verfolge das Netzwerk nicht, welche Seiten Nutzer außerhalb von VZ besuchen – eine Funktion, auf die Facebook setzt. Binninger stellt aber klar, dass auch VZ sich durch Werbung finanziere. Man lege nur Alter, Geschlecht und die Interessen zugrunde, die ein Nutzer von sich aus angebe.

          VZ ist am Montag in Deutschland gestartet. Wie viele Nutzer sich zum Start auf der Plattform angemeldet haben, möchte Binninger nicht genau sagen, es seien aber „mehrere tausend“ gewesen. In der Startphase setze VZ darauf, viele alte Studi-VZ-Nutzer zurückzugewinnen. Die können sich ihre alten Studentenfotos in die neue Plattform importieren – 8 Millionen Nutzerprofile und 300 Millionen Fotos lägen noch in der Datenbank, bereit zum Abruf.

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