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Nazisymbole in Videospielen : Das Ende des Hakenkreuz-Verbots

  • -Aktualisiert am

Spielszene aus dem Strategiespiel „Through the Darkest of Times“ des Berliner Entwicklerstudios „Paintbucket Games“. Es ist das erste Spiel, das wieder Hakenkreuze zeigt. Bild: Paintbucket Games

Hakenkreuze in Videospielen waren in Deutschland bisher verboten. Das ändert sich nun. Und ein Berliner Spielestudio setzt sich an die Spitze der Bewegung.

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          Deutschland, 1933. Zwei grau gekleidete Nationalsozialisten kleben ein Plakat an die Wand: „Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden.“ Im Hintergrund ist ein Davidstern an die Wand geschmiert. Ein Mann beobachtet die Situation fassungslos.

          Die Spielszene stammt aus dem Computerspiel „Through the Darkest of Times“ vom Berliner Spieleentwickler „Pantbucket Games“ und lässt den Spieler eine Widerstandsbewegung während des Nationalsozialismus steuern. An sich nichts Besonders – und doch ist das Spiel ein absolutes Novum: Es zeigt offen Hakenkreuze. Das war in Deutschland bis vor kurzem verboten.

          Doch in der deutschen Spieleszene sorgte das in den vergangenen Jahren zunehmend für Ärger. Viele fühlten sich und Computerspiele als Medium nicht verstanden, denn während Filme Hakenkreuz und Hitlergruß zeigen durften, mussten Computerspiele weiter zensiert werden. Das ändert sich jetzt – nach 20 Jahren: Anfang August gab die Prüfstelle Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) allerdings eine Änderung ihrer Regeln bekannt. Unter bestimmten Voraussetzungen, etwa wenn die Verwendung „der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre“ diene, dürfen in Ausnahmefällen Hakenkreuze in Videospielen gezeigt werden.

          Der Weg dahin war mehr als steinig: Bis 1998 gab es keine offiziellen Richtlinien für Nazi-Symbole in Videospielen. Einige Hersteller zensierten sich selbst, andere wiederum zeigten offen Hakenkreuze im Spiel. Eine Gerichtsentscheidung des Oberlandesgericht Frankfurt 1998 brachte Klarheit: Bei einer abermaligen Bewertung des Ego-Shooters „Wolfenstein 3D“ befand der zuständige Richter, dass Videospiele keine verfassungsfeindlichen Symbole mehr zeigen dürfen.

          Im Strafgesetzbuch gab es schon damals allerdings eine „Sozialadäquanzklausel“, die besagte, dass zu Aufklärungszwecken verfassungsfeindliche Inhalte gezeigt dürfen. Diese wurde vom Richter damals nicht berücksichtigt, weshalb viele das Urteil für fragwürdig hielten. Die Folge: Während in Filmen und Büchern solche Symbole gezeigt werden durften, veröffentlichten viele Spieleentwickler für ihre Spiele zwei Versionen: Eine für den deutschen Markt und einen für den Rest der Welt.

          Schwarze Balken statt Nazi-Symbolen

          Außerdem sorgte das Urteil für einige kuriose Stilblüten: Im Ego-Shooter „Wolfenstein II: The New Colossus“ wurde aus Adolf Hitler wegen des Verbots kurzerhand Herr Heiler, der ohne Hitlerbart durch die Spielumgebung läuft. Der eigentliche Aufklärungsgedanke über die Zeit des Nazi-Regimes fiele damit weg und Hitler verkomme zur Witzfigur, befanden viele Spieler.

          Und auch die Entwicklungsstudios hatten mit dem Verbot zu kämpfen. Immer wieder mussten Spiele kurzzeitig zurückgerufen werden, weil Entwickler schlichtweg vergessen hatten, verfassungsfeindliche Symbole zu entfernen. Im Rollenspiel „South Park: Der Stab der Wahrheit“ hatten die Entwickler den Hitlergruß mit schwarzen Balken retuschiert. Weil sie vergaßen, ein verfassungsfeindliches Symbol zu retuschieren, musste die Auslieferung des Titels gestoppt werden. Ein Fiasko für die Entwickler.

          Entwickler reagieren verhalten

          Doch mit der Zeit änderte sich die Ansichten zu dem Thema. Zur Bundestagswahl 2017 ließ das Medienangebot Funk von ARD und ZDF im satirischen Browser-Spiel „Bundesfighter 2 Turbo“ den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland als besondere Angriffs-Attacke ein Hakenkreuz formen. Prompt wurde bei der Staatsanwaltschaft Berlin eine Strafanzeige eingereicht. Doch Ermittlungen wurden nie aufgenommen, der zuständige Oberstaatsanwalt nannte die Rechtslage sogar „überholt“. Wohl auch in Folge dessen wurde die geltende Praxis nun bei Videospielen geändert.

          Dass in Zukunft jedes Videospiel massenhaft verfassungsfeindliche Symbole zeigt, ist aber unwahrscheinlich. Zum einen muss jedes neue Spiel, das die Symbole zeigen möchte, die strengen Vorgaben erfüllen. Zum anderen scheuen wohl viele Entwickler und Publisher die Kosten, alte Spiele zu reformieren. Nach einer Umfrage der Branchen-Website GamesWirtschaft zeigen zwar einige Entwicklerstudios Interesse an der Änderung, konkrete Pläne hat aber noch kein größeres Studio. Einzelne Entwickler verzichten sogar ganz.

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