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Gegen Corona-Fake-News : Virologen beschweren sich über Facebook, Twitter und Google

In der Krise häufiger genutzt: Über Social-Media-Anbieter wie Twitter verbreiten sich neue Nachrichten und Theorien rund um das Virus schnell. Bild: Reuters

Noch schneller als das Virus verbreiten sich Falschnachrichten, klagen mehr als hundert Ärzte und Virologen in einem offenen Brief. Und fordern strengere Maßnahmen von den Tech-Unternehmen.

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          Die Informationslage rund um das Coronavirus ist nicht immer einfach: Helfen Masken nun oder nicht? Ist die Verdopplungszahl die wichtigste Kennziffer oder doch die sogenannte Reproduktionsrate R? Sind die Infektions- und Todeszahlen aus verschiedenen Ländern vergleichbar? Wie viele klinische Tests werden eigentlich gerade durchgeführt? Und verbreiten Kinder das Virus nun oder doch nicht?

          Gustav Theile
          (guth.), Wirtschaft

          Einige dieser Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Diese Unsicherheit trägt dazu bei, dass gleichzeitig viel Unsinn und viele Verschwörungstheorien in den Sozialen Netzwerken kursieren: Sei es nun das Spritzen von Desinfektionsmitteln als Schutz gegen das Virus oder angebliche Verwicklungen des Microsoft-Mitgründers Bill Gates in die Verbreitung der Pandemie.

          Virologen und Ärzte aus aller Welt fordern die Technologie-Unternehmen Facebook, Twitter und Google deshalb nun dazu auf, entschiedener gegen die Verbreitung von Falschinformationen vorzugehen: Sie sollten „sofort und systematisch“ aktiv werden, „um die Flut an medizinischen Fehlinformationen sowie die dadurch ausgelöst Gesundheitskrise zu stoppen“. Es gebe einen „Tsunami an falschen und irreführenden Inhalten über das Coronavirus“, heißt es in dem offenen Brief, der unter anderem von Christian Drosten, dem Leiter der Virologie an der Charité in Berlin, und Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, unterzeichnet wurde und als ganzseitige Anzeige in der „New York Times“ erscheint.

          Die mehr als 100 Ärzte aus aller Welt schreiben, sie würden in ihrer Arbeit mit den „tatsächlichen Auswirkungen dieser Infodemie“ konfrontiert. Als „Infodemie“ bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein „Übermaß an Informationen, einige korrekt und andere nicht, das es für die Menschen schwierig macht, verlässliche Quellen zu finden“.

          „Algorithmen entgiften“

          Die Virologen klagen in dem Brief, dass sich Berichte, die behaupteten, dass Kokain ein Heilmittel oder dass das Coronavirus als biologische Waffe entwickelt worden sei, schneller verbreiteten als das Virus selbst. Die bisherigen Maßnahmen der Konzerne, gemeldete Inhalte zu löschen und der WHO kostenlose Anzeigenplätze zur Verfügung zu stellen, würden nicht ausreichen.

          Stattdessen stellen sie zwei konkrete Forderungen auf: Die Tech-Konzerne sollten „Richtigstellungen zu den Gesundheits-Fehlinformationen veröffentlichen“. Wer immer diese auf den Plattformen gesehen habe, solle diese Korrekturen rückwirkend angezeigt bekommen. Zudem sollten sie ihre „Algorithmen entgiften“. Diese würden dazu beitragen, dass sich Lügen schnell verbreiteten, und seien eher darauf ausgelegt, „die Benutzer online zu halten, als ihre Gesundheit zu schützen“. Insgesamt sollten „die Tech-Giganten aufhören, die Lügen, Verdrehungen und Fantasien, die uns alle bedrohen, weiter anzufachen“.

          Der Brief wurde auch auf der Kampagnenplattform Avaaz veröffentlicht, die zudem die Pressearbeit für die Verbreitung des Briefes übernommen hat. Avaaz hat in der Vergangenheit immer wieder strengere Maßnahmen gegen Falschnachrichten in den sozialen Netzwerken gefordert, darunter auch seit langem die Richtigstellungen, die nun in dem Brief erwähnt werden.

          „Gehen aggressiv gegen Falschinformation vor“

          Die Digitalkonzerne haben in der Corona-Krise deutlich strengere Maßnahmen gegen Falschnachrichten ergriffen als vor der Pandemie. Nach Ansicht der Unterzeichner des Briefes gehen diese jedoch nicht weit genug.

          Konfrontiert mit den Forderungen der Virologen erklärte ein Twitter-Sprecher gegenüber der F.A.Z.: „Angestellte im Gesundheitswesen stehen an der vordersten Front dieses Kampfes und wir haben tiefen Respekt vor ihren Ansichten.“

          Man stimme mit den Autoren des Briefes überein, dass die Menschen verlässliche Informationen benötigten. Dann verweist das der Sprecher auf schon ergriffene Maßnahmen: Man habe zum Beispiel mehr als 2400 Tweets gelöscht, die gefährlich sein können.

          Der Google-Konzern reagierte bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht auf eine Nachfrage der F.A.Z. Auch er geht jedoch gegen Corona-Falschinformationen vor: In Suchergebnissen auf Google mit Corona-Bezug werden fast ausschließlich Inhalte von Behörden oder seriösen Medien ausgespielt und unter Youtube-Videos großflächig Links zu offiziellen Informationen angezeigt.

          Ein Facebook-Sprecher teilte mit: „Wir gehen aggressiv gegen Falschinformationen über Covid-19 vor.“ Man habe zusätzliche Teams eingerichtet, markiere Falschinformationen und entferne Inhalte, die gefährlich seien. „Wir haben außerdem mehr als 2 Milliarden Menschen auf Materialien von Gesundheitsbehörden hingewiesen.“

          Vor allem Facebook weicht mit seinen Maßnahmen deutlich von seiner Haltung von vor der Pandemie ab, auch Lügen und Falschnachrichten zuzulassen. Mitte April teilte der Social-Media-Konzern mit, denjenigen Nutzern in Zukunft Korrekturhinweise anzuzeigen, die „gefährliche Falschinformationen über Covid-19 geliked, darauf reagiert oder kommentiert haben, die wir seitdem entfernt haben“.

          Auch diese Maßnahme war in Zusammenarbeit mit Avaaz ergriffen worden, teilte das Unternehmen der F.A.Z. mit. Gefährliche Informationen sind nach Facebook-Ansicht solche, die direkt die Gesundheit von Menschen schädigen können. Auf seinen Plattformen hat der Konzern zudem Informationszentren eingerichtet, in denen vertrauenswürdige Mitteilungen gesammelt werden, auf Whatsapp das Weiterleiten von Kettenbriefen ausgebremst und einen Faktenprüfungs-Chatbot eingerichtet.

          Unternehmensgründer und Vorstandschef Mark Zuckerberg begründete diese veränderte Haltung damit, dass es bei Corona um Gesundheitsrisiken gehe, mit denen man schon immer anders umgegangen sei als mit politischen Falschnachrichten: „Wir hatten immer die Regel, dass wir Gefahren für das körperliche Wohlergehen nicht erlauben. Das ist der Grundpfeiler unseres Vorgehens gegen Hassrede und Gewalt.“ Man erlebe in der Pandemie, dass Leute ermuntert würden, sich nicht behandeln zu lassen. „Das ist eine andere Liga als das Hin und Her zwischen Kandidaten vor einer Wahl.“ Berichten zufolge hat Zuckerberg die Corona-Maßnahmen zur Chef-Sache gemacht.

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