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Corona-Pandemie : Lügenwebsites haben Hochkonjunktur

Ein Mitarbeiter nimmt einen Abstrich von einer Reiserückkehrerin am Flughafen Hannover-Langenhagen Bild: dpa

Facebook bekommt die vielen Falschnachrichten nicht in den Griff: Das Netzwerk wird in der Corona-Pandemie mit unseriösen Gesundheitsinformationen geradezu überflutet, zeigt eine neue Analyse. Offizielle Institutionen haben es schwer.

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          Facebooks Maßnahmen gegen die Verbreitung von Gesundheits-Falschnachrichten sind kaum wirksam. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse, die der F.A.Z. vorab vorliegt. Die Inhalte der zehn Websites, die mit Falschnachrichten zu Gesundheitsthemen am meisten Menschen erreichen, wurden demnach knapp viermal so häufig angesehen wie die Informationen von 10 offiziellen Websites wie der WHO und den Gesundheitsministerien in Deutschland, Frankreich, Italien, Amerika und Großbritannien.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Besonders groß war die Reichweite der Seiten, die Falschinformationen verbreiten, demnach im April, also mitten in der Corona-Pandemie. 460 Millionen Mal sind deren Inhalte dem Bericht zufolge im April angezeigt worden. Die zehn Websites mit falschen Informationen, die am meisten Menschen erreichen, seien knapp 300 Millionen Mal aufgerufen worden, während die Inhalte der offiziellen Seiten nur etwa 70 Millionen Mal angeschaut worden seien. Zu den Seiten, die besonders erfolgreich Falschinformationen verbreiten, zählt der Report realfarmacy.com, globalresearch.ca oder collective-evolution.com.

          Erstellt wurde der Report von der Kampagnenplattform Avaaz, die regelmäßig die Verbreitung von Falschnachrichten auf Facebook untersucht und mit dem Sozialen Netzwerk gelegentlich auch zusammenarbeitet. Zur Einschätzung, ob eine Seite Falschnachrichten verbreitet, griffen die Autoren auf die Einschätzung von Newsguard zurück, einem unabhängigen Projekt von etablierten Journalisten, das Falschnachrichten und ihre Verbreiter im Internet aufspürt.

          Facebook hält dagegen

          Zur Ehrenrettung der Internetriesen muss man sagen, dass sie in der Corona-Krise so starke Maßnahmen gegen die Verbreitung von Falschinformationen ergriffen hat wie nie zuvor. Wer auf Google Suchbegriffe eingibt, die mit dem Coronavirus zu tun haben, dem werden vor allem Links zu offiziellen Seiten angezeigt. Facebook hat eigens ein Informationszentrum eingerichtet und dieses den Nutzern immer wieder prominent angezeigt.

          Allerdings sei die Maßnahme von Facebook, Falschinformationen mit Warnhinweisen zu versehen, nicht wirklich erfolgreich gewesen, sagt Christoph Schott, Deutschland-Chef von Avaaz. Er berichtet: „Ein Artikel mit neun Fehlinformationen über Bill Gates wurde auf Facebook geschätzt 3,7 Millionen Mal angesehen.“ Facebook habe diese mit einer Warnung versehen. Doch 29 andere Akteure hätten den Artikel kopiert, leicht angepasst oder übersetzt. „Und so hat er nochmal geschätzt 4,7 Millionen Aufrufe erreicht. Da war die Faktenprüfung und der Algorithmus nicht schlau genug.“

          Facebook lässt die Kritik auf Anfrage nicht auf sich sitzen. Ein Sprecher nimmt gegenüber der F.A.Z. wie folgt Stellung: „Die Ergebnisse reflektieren nicht die Schritte, die wir unternommen haben, um die Verbreitung von Fehlinformationen auf unseren Diensten einzuschränken.“ Man habe 98 Millionen Inhalte mit Covid-19-Fehlinformationen mit Warnungen versehen und 7 Millionen Inhalte, die Menschen hätten gefährden können. „Wir haben mehr als 2 Milliarden Menschen auf Ressourcen von Gesundheitsinstitutionen hingewiesen und wenn jemand einen Link über Covid-19 teilen will, zeigen wir dem ein Pop-up-Fenster an, um sie mit verlässlichen Gesundheitsinformationen in Verbindung zu bringen.“ Zudem weist das Unternehmen darauf hin, dass man allein im April 50 Millionen Posts zu Covid-19 mit Warnungen versehen habe.

          „Während der Coronakrise hat Facebook sehr starke Maßnahmen ergriffen“, stimmt Schott zu. Doch diese Maßnahmen würden vom Algorithmus, der entscheidet, welche Inhalte Nutzer sehen, untergraben.

          „Ich werde immer noch als Kronzeuge der Anti-Masken-Bewegung angeführt“

          Auch Ärzte schließen sich der Kritik an der Plattform an. „Facebook wird seiner Verantwortung nicht gerecht“, sagt Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, der F.A.Z. „Überall dort kann man frei den größten Unsinn verbreiten. Das kriegen sie so gut wie nie wieder aus der Welt. Sie haben keine Chance, das durch saubere Evidenz zu ersetzen.“ Zwar hätten Menschen das gute Recht, sich unvernünftig zu äußern. „Aber dieses Recht hört dort auf, wo es andere Menschen ins Verderben zieht.“

          Er schlägt vor: „Facebook bräuchte Wissenschaftler, die bewerten können, ob das, was da steht, vernünftig ist. Und müsste das, was unvernünftig ist, schnell entfernen.“ Er selbst habe erlebt, wie schwierig es sei, Informationen zu korrigieren: „Ich habe mich am Anfang der Pandemie gegen Masken ausgesprochen. Es gab Evidenz, dass das nicht gut ist. Inzwischen weiß ich, dass eine selbstgenähte Maske besser ist als keine.“ Der wissenschaftliche Kenntnisstand habe sich geändert und er seine Meinung daraufhin revidiert. „Viele Leute verstehen nicht, dass Wissenschaftler vor drei, vier Wochen noch etwas anderes gesagt haben. Das kriegen sie auf Facebook nicht rübergebracht.“ Für ihn selbst heißt das: „Ich werde immer noch als Kronzeuge der Anti-Masken-Bewegung angeführt.“

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