https://www.faz.net/-gqe-9ynnv

Chancen in der Pandemie : Die positive Seite dieser Krise

  • -Aktualisiert am

In Kontakt mit anderen trotz Kontaktsperren: Technik wie das Smartphone machen das möglich. Bild: EPA

Durch das Coronavirus beschleunigt sich die Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft. Das ist eine Chance, die wir nutzen sollten. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Das Thema Digitalisierung steht schon lange auf der Agenda. Seit Jahren. Für Tausende Unternehmen und Hunderttausende Angestellte. Der Vorstandsvorsitzende startete zahlreiche Digitalisierungs-Initiativen, der Technik-Vorstand ebenfalls. Beratertrupps entsandten Teams für agiles Management. Ein bisschen digital wurden wir alle, aber ganz langsam.

          Dann brach das neuartige Coronavirus über uns herein. „Social Distancing“ ist jetzt das Gebot der Stunde. Viele Deutsche arbeiten nun von Zuhause aus. Dies gelingt allerdings nur durch einen hohen Grad der Digitalisierung - so ist Corona auch das digitalisierende Virus.

          Unternehmen schränkten die Reisen ihrer Mitarbeiter ein, die Politik wünschte sich genügend Abstand nicht nur zwischen Angestellten, das bedeutete und bedeutet: Kein Großraumbüro, keine Kollegenkaffeemaschine, kein Pendeln in der überfüllten S-Bahn. Parallel dazu wurde die technische Infrastruktur aufgebaut, so das überhaupt digital gearbeitet werden konnte. Es wurden VPN-Tunnel eingerichtet, Bürotelefone datenschutzkonform auf Handys umgeleitet, die Internet-Kapazität vergrößert. Es fanden Schulungen für Videokonferenz-Tools statt. Innerhalb von Wochen wurde erzwungen, dass deutsche Büros digital arbeiten konnten. Und auch mussten.

          Und plötzlich arbeitet Bürodeutschland digital. Es holpert hier und da, aber grundsätzlich hat das Coronavirus geschafft, was viele Manager und Digitalisierungsberater nicht geschafft haben. Es ist wie eine Bewegung. Das Zwischenergebnis Stand heute: Es geht doch.

          Die Wirtschaft im 21. Jahrhundert

          Die Entwicklung der vergangenen Wochen ist durchaus beeindruckend: Zigtausende Angestellte und Büros kommunizieren digital miteinander. Durch Videokonferenzen sind geographische Distanzen auf ein Minimum geschrumpft. Im Januar noch musste man von Köln nach München für einen Geschäftstermine zwei Mal fünf Stunden Fahrtzeit einplanen, möglicherweise sogar noch eine Hotelübernachtung. Inzwischen sind es von Köln nach München ein paar Sekunden bis sich das Videokonferenz-Fenster am PC öffnet. Und es funktioniert.

          Das deutsche Unternehmensrecht wurde ebenso von einem Digitalisierungs-Schub erfasst. Alle Gesellschafter- und Hauptversammlungen können nach den beschlossenen Notfallgesetzen elektronisch organisiert und virtuell abgehalten werden, ohne dass – wie bisher – eine spezifisch ausgestaltete Satzung vorhanden sein muss.

          Verpassen Sie keinen Moment

          Sichern Sie sich F+ 3 Monate lang für 1 Euro je Woche und lesen Sie alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Seit dem Jahrtausendwechsel wird die „Virtuelle Hauptversammlung“ diskutiert. Nun ging alles ganz schnell.

          Doch schon kurz nach Bekanntwerden der geplanten Gesetzesänderungen kam der erhobene Zeigefinger. Der Verlust von Aktionärsrechten wurde angemahnt und die baldige Rückkehr zum Urzustand eingefordert. Doch das Rad sollte nicht zurückgedreht werden. Vielmehr gilt es, die möglichen Erfahrungen zu sammeln, auszuwerten und in ein stimmiges Gesamtkonzept von physischen und virtuellen Versammlungen einfließen zu lassen. Das darf die Wirtschaft im 21. Jahrhundert erwarten.

          Handeln muss der deutsche Gesetzgeber in Sachen Digitalisierung des Unternehmensrechts ohnehin: Bis August 2021 sind nach einer im letzten Sommer in Kraft getretenen europäischen Richtlinie insbesondere Online-Gründungen von Kapitalgesellschaften sowie die Online-Registrierung von Zweigniederlassungen zu ermöglichen.

          Viel ist noch zu tun. Hier kommen einige Dinge, die unserer Ansicht nach dringend als nächstes dem Digitalisierungs-Sturm ausgesetzt werden sollten:

          1. E-Justiz: Staatsanwälte und Richter können noch nicht digital arbeiten, weil Akten in Papierform vorliegen und anscheinend auch vorliegen müssen. Es fehlt an Ausstattung und es fehlt an IT-Fachpersonal. Möglicherweise fehlt es auch noch am Wollen.
          2. E-Notariat: Papier ist geduldig und gesetzliche Formerfordernisse sind wichtig. Aber das Notariatswesen muss digital werden. Die Kernkompetenz des Notars liegt nicht im Beglaubigen von höchst-persönlichen Unterschriften, sondern in der Beratung und Aufklärung. Für den Berufsstand des Notars bieten sich hierdurch viele Möglichkeiten.
          3. E-Government: Der Personalausweis, der Kfz-Schein und das Handelsregister haben sich gefühlt seit den siebziger Jahren nicht verändert - mit einer Ausnahme: Das Passfoto ist nicht mehr schwarzweiß sondern in Farbe. Nun aber muss die Unternehmens- und Bürgeridentität digitalisiert werden. Dies beginnt beim digitalen Personalausweis und geht über digitale Universitätszertifikate bis hin zur digitalen Fahrzeugakte. Dies beinhaltet auch die Digitalisierung der vielfältigen Register im Verwaltungswesen wie zum Beispiel das Handelsregister für Unternehmen. Dieses Mal aber richtig, mit Schwung und nicht so halbherzig wie in den vergangenen Jahren.
          4. E-Health: In Arztpraxen müssen Patienten weiterhin persönlich erscheinen, um ihre Versichertenkarte zu zeigen. Telefonische Beratung oder Videosprechstunden sollten nun verstärkt eingeführt werden. Auch die Versichertenkarte aus Plastik muss endlich digital werden. Und natürlich muss das rote Arztrezept auf Papierbasis eine Reinkarnation in einer digitalen Variante finden.
          5. Digitaler Euro: Die Vorteile eines auf der Blockchain notierendenden Euros sind inzwischen bekannt und verstanden worden. Zahlreiche deutsche Verbände fordern ihn, das Finanzministerium und die Bundesbank zeigen sich offen. Nun muss der nächste Schritt passieren: Die Europäische Zentralbank und die Geschäftsbanken müssen ihre Anstrengungen intensivieren. Ansonsten wird Facebooks Libra oder ein ähnliches Projekt aus dem Ausland zur Euro-Zahlungsinfrastruktur für deutsche Unternehmen und Bürger.
          6. Digitale Bildung: Schulen und staatliche Hochschulen sollten in der Fläche digitale Lehrangebote schaffen. Das Verschieben oder Ausfallenlassen von Semestern oder Schulstunden ist keine Alternative. Perspektivisch geht es um eine Erweiterung der Lehrangebote und das Kreieren neuer Weiterbildungsmöglichkeiten - alles in digitaler Form.

          Dorothee Bär sprach schon im November 2018 davon, dass Deutschland eine Krisenmentalität braucht, um die Digitalisierungs-Lücke zu schließen. Davon war bisher leider noch viel zu wenig zu spüren. Doch nun ist eine echte Krise da. Jetzt gilt es, mutig zu handeln und nicht im Klein-Klein-Modus weiter zu agieren.

          Der Staat hat einen sehr großen Hebel, indem er seine Infrastrukturen den digitalen Lösungen öffnet und damit den Unternehmen für deren neue Dienste einen Schub verpasst. So geht Public-Private-Partnership auch als langsamer Tanker mit einer ganzen Flotte von Schnellbooten.

          Klar ist, dass ein solcher Ansatz im Widerspruch zum klassischen Vorgehen mit komplizierter Gremienarbeit und langwierigen Ausschreibungsverfahren steht. Wenn man als Politiker mit Maßnahmen wie dem Lockdown begonnen hat, die Komfortzone des Tagesgeschäftes zu verlassen, dann kann man als Politiker mit derselben Courage auch den Turbo in der Digitalisierung zünden. Führt die Politik dann noch digitale Infrastrukturprogramme, digitale Identität und den digitalen Euro ein, so wie es die Amerikaner mit ihrem Stimulus-Programm vorgemacht haben, entstehen neuartige digitale Ökosysteme.

          Nicht zu vergessen: Am Ende geht es darum, auch später mit digitalen Lösungen nachhaltig Geld zu verdienen. Denn nur so erreichen wir mehr als nur das Heranzüchten digitaler Eintagsfliegen zur Lösung singulärer Probleme in der Corona-Krise.

          Die Corona-Pandemie bringt viel Leid über die Menschen. Aber es gibt auch Positives. Der Staat hat mit beeindruckender Wucht begonnen, die derzeitige Krise zu steuern. Bisher war dies notgedrungen reaktiv. Nun sollten proaktiv die entlegensten Winkel der Gesellschaft digital durchdrungen werden. Um digitale Inhalte, digitale Ausbildung, digitale Prozesse zu schaffen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Das Coronavirus war der Auslöser, wir sollten das Momentum in der Gesellschaft jetzt nutzen.

          Die Autoren

          Dr. Carsten Stöcker ist Physiker und Gründer der Spherity GmbH. Er entwickelt skalierbare, dezentrale Identitätslösungen, die Vertrauen zwischen Menschen, Dingen, Systemen und Unternehmen für Anwendungen in der Industrie 4.0 aufbauen. Er ist Mitglied des Global Future Council des World Economic Forums.

          Prof. Dr. Markus Büch arbeitet an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management Berlin als Hochschullehrer im Bereich Wirtschaftsrecht mit dem Forschungsschwerpunkt Digitalisierung des Gesellschaftsrechts und berät in der Praxis Unternehmen beim Aufbau digitaler sowie dezentraler Kooperationsstrukturen. Zudem ist er Vorstandsmitglied des Blockchain Bundesverbandes.

          Prof. Dr. Philipp Sandner leitet das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). 2018 und 2019 führte ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) als einen der „Top 30“ Ökonomen Deutschlands auf. Zu seinen Themengebieten gehören Kryptowährungen und der digitale Euro auf Blockchainbasis.

          Weitere Themen

          CureVac-Impfstoff floppt Video-Seite öffnen

          Geringe Wirksamkeit : CureVac-Impfstoff floppt

          Der Corona-Impfstoff hat Untersuchungen zufolge nur eine vorläufige Wirksamkeit von 47 Prozent. CureVac will die Studie aber bis zu ihrer finalen Auswertung mit weiteren Corona-Fällen fortsetzen.

          Topmeldungen

          Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja und der Kommissar für Erweiterung und Europäische Nachbarschaftspolitik Olivér Várhelyi  am Montag in Luxemburg

          EU-Sanktionen gegen Belarus : „Ich hoffe, dass dieses Regime in die Knie geht“

          Die EU-Außenminister haben das bisher größte Paket von Einreise- und Vermögenssperren gegen Belarus angenommen. Noch härter sollen das Regime aber Wirtschaftssanktionen treffen. Auch da zeichnet sich eine politische Einigung ab.
          Das Apple-Logo, in New York durch einen Sicherheitszaun hindurch gesehen.

          Verfahren eingeleitet : Kartellamt prüft Apples Marktmacht

          Das Bundeskartellamt zeigt Zähne: Nach Facebook, Google und Amazon nimmt die Behörde nun auch Apple ins Visier. Das Verfahren soll herausfinden, ob der Konzern eine „marktübergreifende Bedeutung“ hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.