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Chancen in der Pandemie : Die positive Seite dieser Krise

  • -Aktualisiert am
  1. E-Justiz: Staatsanwälte und Richter können noch nicht digital arbeiten, weil Akten in Papierform vorliegen und anscheinend auch vorliegen müssen. Es fehlt an Ausstattung und es fehlt an IT-Fachpersonal. Möglicherweise fehlt es auch noch am Wollen.
  2. E-Notariat: Papier ist geduldig und gesetzliche Formerfordernisse sind wichtig. Aber das Notariatswesen muss digital werden. Die Kernkompetenz des Notars liegt nicht im Beglaubigen von höchst-persönlichen Unterschriften, sondern in der Beratung und Aufklärung. Für den Berufsstand des Notars bieten sich hierdurch viele Möglichkeiten.
  3. E-Government: Der Personalausweis, der Kfz-Schein und das Handelsregister haben sich gefühlt seit den siebziger Jahren nicht verändert - mit einer Ausnahme: Das Passfoto ist nicht mehr schwarzweiß sondern in Farbe. Nun aber muss die Unternehmens- und Bürgeridentität digitalisiert werden. Dies beginnt beim digitalen Personalausweis und geht über digitale Universitätszertifikate bis hin zur digitalen Fahrzeugakte. Dies beinhaltet auch die Digitalisierung der vielfältigen Register im Verwaltungswesen wie zum Beispiel das Handelsregister für Unternehmen. Dieses Mal aber richtig, mit Schwung und nicht so halbherzig wie in den vergangenen Jahren.
  4. E-Health: In Arztpraxen müssen Patienten weiterhin persönlich erscheinen, um ihre Versichertenkarte zu zeigen. Telefonische Beratung oder Videosprechstunden sollten nun verstärkt eingeführt werden. Auch die Versichertenkarte aus Plastik muss endlich digital werden. Und natürlich muss das rote Arztrezept auf Papierbasis eine Reinkarnation in einer digitalen Variante finden.
  5. Digitaler Euro: Die Vorteile eines auf der Blockchain notierendenden Euros sind inzwischen bekannt und verstanden worden. Zahlreiche deutsche Verbände fordern ihn, das Finanzministerium und die Bundesbank zeigen sich offen. Nun muss der nächste Schritt passieren: Die Europäische Zentralbank und die Geschäftsbanken müssen ihre Anstrengungen intensivieren. Ansonsten wird Facebooks Libra oder ein ähnliches Projekt aus dem Ausland zur Euro-Zahlungsinfrastruktur für deutsche Unternehmen und Bürger.
  6. Digitale Bildung: Schulen und staatliche Hochschulen sollten in der Fläche digitale Lehrangebote schaffen. Das Verschieben oder Ausfallenlassen von Semestern oder Schulstunden ist keine Alternative. Perspektivisch geht es um eine Erweiterung der Lehrangebote und das Kreieren neuer Weiterbildungsmöglichkeiten - alles in digitaler Form.

Dorothee Bär sprach schon im November 2018 davon, dass Deutschland eine Krisenmentalität braucht, um die Digitalisierungs-Lücke zu schließen. Davon war bisher leider noch viel zu wenig zu spüren. Doch nun ist eine echte Krise da. Jetzt gilt es, mutig zu handeln und nicht im Klein-Klein-Modus weiter zu agieren.

Der Staat hat einen sehr großen Hebel, indem er seine Infrastrukturen den digitalen Lösungen öffnet und damit den Unternehmen für deren neue Dienste einen Schub verpasst. So geht Public-Private-Partnership auch als langsamer Tanker mit einer ganzen Flotte von Schnellbooten.

Klar ist, dass ein solcher Ansatz im Widerspruch zum klassischen Vorgehen mit komplizierter Gremienarbeit und langwierigen Ausschreibungsverfahren steht. Wenn man als Politiker mit Maßnahmen wie dem Lockdown begonnen hat, die Komfortzone des Tagesgeschäftes zu verlassen, dann kann man als Politiker mit derselben Courage auch den Turbo in der Digitalisierung zünden. Führt die Politik dann noch digitale Infrastrukturprogramme, digitale Identität und den digitalen Euro ein, so wie es die Amerikaner mit ihrem Stimulus-Programm vorgemacht haben, entstehen neuartige digitale Ökosysteme.

Nicht zu vergessen: Am Ende geht es darum, auch später mit digitalen Lösungen nachhaltig Geld zu verdienen. Denn nur so erreichen wir mehr als nur das Heranzüchten digitaler Eintagsfliegen zur Lösung singulärer Probleme in der Corona-Krise.

Die Corona-Pandemie bringt viel Leid über die Menschen. Aber es gibt auch Positives. Der Staat hat mit beeindruckender Wucht begonnen, die derzeitige Krise zu steuern. Bisher war dies notgedrungen reaktiv. Nun sollten proaktiv die entlegensten Winkel der Gesellschaft digital durchdrungen werden. Um digitale Inhalte, digitale Ausbildung, digitale Prozesse zu schaffen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Das Coronavirus war der Auslöser, wir sollten das Momentum in der Gesellschaft jetzt nutzen.

Die Autoren

Dr. Carsten Stöcker ist Physiker und Gründer der Spherity GmbH. Er entwickelt skalierbare, dezentrale Identitätslösungen, die Vertrauen zwischen Menschen, Dingen, Systemen und Unternehmen für Anwendungen in der Industrie 4.0 aufbauen. Er ist Mitglied des Global Future Council des World Economic Forums.

Prof. Dr. Markus Büch arbeitet an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management Berlin als Hochschullehrer im Bereich Wirtschaftsrecht mit dem Forschungsschwerpunkt Digitalisierung des Gesellschaftsrechts und berät in der Praxis Unternehmen beim Aufbau digitaler sowie dezentraler Kooperationsstrukturen. Zudem ist er Vorstandsmitglied des Blockchain Bundesverbandes.

Prof. Dr. Philipp Sandner leitet das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). 2018 und 2019 führte ihn die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) als einen der „Top 30“ Ökonomen Deutschlands auf. Zu seinen Themengebieten gehören Kryptowährungen und der digitale Euro auf Blockchainbasis.

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