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Neues Gesetz in Frankreich : Brauchen auch deutsche Schulen ein Handyverbot?

Smartphones können den Unterricht stören – aber sollten sie deshalb generell verboten werden? Bild: Picture-Alliance

Französische Schüler müssen künftig ihre Mobiltelefone und Tablets zu Hause lassen. Sollte sich Deutschland daran ein Vorbild nehmen? Ein Überblick.

          4 Min.

          Es gab eine Zeit, da wurden unter der Schulbank Schiffe versenkt und Zettelchen hin- und hergereicht. Heute werden Youtube-Videos geschaut und Whatsapp-Nachrichten verschickt. Ob die digitale Ablenkung von heute größer ist als die analoge von damals? Fest steht: Das Smartphone ist nicht nur in der Mitte der Gesellschaft angekommen – sondern längst auch im Unterricht.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Dem will der französische Präsident Emmanuel Macron Einhalt gebieten, ein Wahlkampfversprechen, das er am Montag einlöste: Liberale und Abgeordnete seiner Regierungspartei La République en Marche stimmten in der Nationalversammlung für ein erweitertes Handyverbot an französischen Schulen. Das Gesetz verbietet grundsätzlich die Nutzung von Mobiltelefonen, Tablets und Smartwatches in allen Vor- und Grundschulen sowie in der Sekundarstufe I, also für Schüler im Alter von bis zu 15 Jahren. Die Hausordnung einer Schule kann aber Ausnahmen gestatten.

          Einsicht anstatt Verbot

          Der Beschluss war nur wenige Stunden alt, da entfachte er schon in Deutschland eine Debatte: Brauchen wir jetzt auch so ein Gesetz? Tatsächlich gibt es etwas Ähnliches schon, jedoch nur in einem einzigen Bundesland: in Bayern. Im Freistaat sind Handys seit 2006 nur noch zu Unterrichtszwecken erlaubt – das gilt für die Schüler ebenso wie für das Schulpersonal und Besucher. Auslöser waren pornografisches Material und Gewaltvideos, die Polizisten auf den Handys mehrerer Schüler gefunden hatten. Bayerns Schulen sollen im kommenden Schuljahr jedoch mögliche Neuregelungen bei der privaten Handynutzung testen. 

          Seit 2006 hat sich viel verändert. Die Smartphones von heute können weitaus mehr als die Handys von damals. Und für die Masse der Schüler gibt es eine weitaus größere Gefahr als verbotenes Videomaterial: Zahlreiche Studien haben mittlerweile belegt, wie stark die Nutzung eines Smartphones die Konzentration beeinträchtigt. „Smartphones haben einen sehr absorbierenden Charakter“, erläutert Peter Vorderer, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim, im Gespräch mit FAZ.NET. Der Psychologe erforscht seit 30 Jahren die Auswirkungen von Medien auf den Menschen. Die meisten Menschen hätten die Kontrolle darüber verloren, wann und wie oft sie ihr Gerät nutzen. „Permanently Online, Permanently Connected“ lautet der Fachbegriff.

          Dennoch hält Vorderer ein generelles Verbot von Smartphones an Schulen, wie es Frankreich nun einführt, nicht für sinnvoll. „Ich kann verstehen, dass man angesichts der Ablenkungsgefahr zu solch radikalen Maßnahmen greift“, sagt der Psychologe. Er sieht aber einen besseren Weg: „Man muss bei Schülern wie Studierenden das Bewusstsein wecken, dass ihnen durch eine übermäßige Nutzung ihrer Smartphones im Unterricht etwas verloren geht.“ Vorderer fordert seine Studenten am Anfang des Semesters auf, ihre Mobiltelefone während der Vorlesung in der Tasche zu lassen. Auf anfängliche Skepsis folge dann meist Einsicht und schließlich auch Begeisterung.

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