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Neues Gesetz in Frankreich : Brauchen auch deutsche Schulen ein Handyverbot?

Was bringt der pädagogische Zeigefinger?

Vorderer ist mit seiner Meinung nicht alleine: Viele wollen Handys nicht komplett aus den Schulen verbannen – zumindest nicht, solange die technische Ausstattung vielerorts von gestern ist. Aus Sicht des Bundeselternrats zum Beispiel haben Handys an Schulen nichts zu suchen. Ein generelles Verbot lehnt die Dachorganisation der Landeselternvertretungen aber trotzdem ab. „Es stört den Unterricht, da müssen wir uns nichts vormachen“, sagt Vorsitzender Stephan Wassmuth. Die Schulen seien technisch aber noch nicht gut genug ausgerüstet, um ganz auf Mobiltelefone zu verzichten.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) argumentiert ähnlich wie der Bundeselternrat. VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann erklärt: „Ein generelles, gesetzliches Verbot hilft uns nicht weiter.“ Deutsche Schulen hätten größtenteils noch „steinzeitliche Ausstattungen“, daher müssten Lehrer auf die Mittel zurückgreifen, die Schüler mitbrächten. Und auch Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres ist gegen ein generelles Handyverbot an Schulen nach dem Vorbild Frankreichs. „Für eine zentrale Vorschrift für alle Berliner Schulen sehe ich derzeit keinen Anlass“, sagte die SPD-Politikerin. „Die Schulen können die Frage der Handynutzung gut in eigener Verantwortung regeln.“

Den Umgang lernen

Sehen das die Lehrer auch so? Bastian Fischer unterrichtet am Otfried-Preußler-Gymnasium in Pullach bei München Deutsch und Englisch. Der Gymnasiallehrer vertritt einen klaren Standpunkt: „Im Unterricht müssen die Handys ausgeschaltet sein.“ Aber: „Gleichzeitig ist es die normalste Sache der Welt, das Handy auch mal in den Unterricht einzubinden oder nach etwas zu googlen“, sagt Fischer zu FAZ.NET. Von einem Totalverbot hält er nichts; es sei „nicht zeitgemäß“ und „völlig übertrieben“. Er sehe freilich die Probleme, die die Geräte mit sich bringen, doch mit dem „pädagogischen Zeigefinger“ erreiche man wenig. Vielmehr sieht Fischer die Eltern in der Pflicht, ihren Kindern einen maßvollen Umgang mit dem Smartphone zu vermitteln. Die bayerische Regelung sei indes „völlig überholt“.

Auch der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Stefan Düll, plädiert dafür, die bayerische Handhabung zu überdenken und sich kein Vorbild an Frankreich zu nehmen. „Auf gar keinen Fall sollte es ein generelles Verbot geben“, sagt der Pädagoge zu FAZ.NET. Düll ist Schulleiter des Justus-von-Liebig-Gymnasiums in Neusäß bei Augsburg. Abgesehen davon, dass Lehrer die Nutzung von Smartphones – bis auf wenige Ausnahmen – sehr gut kontrollieren könnten, appelliert er dafür, jungen Menschen mehr zuzutrauen. Er fragt: Wie soll man Schülern einen bewussten Umgang mit dem Smartphone beibringen, wenn sie komplett aus der Schule verbannt werden? 

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) sieht das ähnlich: „Ein verantwortungsvoller und bewusster Umgang mit neuen Medien ist besser, als diese aus den Schulen zu verbannen“. Das generelle Handy- und Tabletverbot an französischen Schulen geht in ihren Augen zu weit und an der digitalen Wirklichkeit vorbei. Gegen ein generelles Verbot spricht laut einem Sprecher des hessischen Kultusministeriums in Wiesbaden auch, dass besonders jüngere Schüler zumindest die Möglichkeit haben sollten, ihre Eltern vor und nach dem Unterricht anrufen zu können. In Hessen könne daher auch weiterhin jede Schule die Vorgaben zum Umgang mit Mobiltelefonen eigenständig regeln.

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