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Boom der Reinigungssysteme : Virenkiller gegen Killerviren

An der Haltestelle Marienplatz in München wird ein Reinigungssystem zur Desinfektion mittels UV-Licht installiert. Bild: dpa

Ob in Krankenhäusern, Schulen oder Flughäfen: Systeme, die die Raumluft säubern, sind in der Pandemie gefragt wie nie. Deutsche Hersteller sind vorn mit dabei.

          6 Min.

          Es klingelt Tag und Nacht. Seitdem die Forscher des Fraunhofer-Instituts für Optronik im thüringischen Ilmenau mitten in der ersten Welle der Corona-Krise im April ein neuartiges System vorstellten, das mit UV-Licht Smartphones und Tablets desinfiziert, steht ihr Telefon kaum noch still. Dutzende Anfragen kommen aus der Wirtschaft. „Seit hundert Jahren weiß man, dass ultraviolette Strahlung Bakterien und Viren abtöten kann“, sagt Martin Käßler vom Fraunhofer-Institut. Nun rennt man den Forschern die Türen ein.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Desinfektionssysteme auf Basis sogenannter UV-C-Strahlen sind gefragt – in der ganzen Welt. Luft, Wasser und Oberflächen aller Art können so gereinigt werden. China bestückte seine Krankenhäuser in Wuhan damit. Singapur hat die Passagierhallen seines Großflughafens damit ausgerüstet. In München haben die Stadtwerke und die örtliche Verkehrsgesellschaft gerade einen Test gestartet, die Handläufe der Rolltreppen in der U-Bahn mit einem UV-C-Strahl-System zu desinfizieren, wenn sie unterhalb der Treppe zurücklaufen.

          Der Markt dürfte sich vervierfachen

          Der Markt wird sich über die kommenden zehn Jahre laut einer Schätzung auf 5 Milliarden Euro vervierfachen. Die technischen Entwicklungen sind rasant, die Forscher arbeiten mit Hochdruck, die Unternehmen investieren, und die Deutschen mischen ganz vorn mit. Heraeus Nobellight ist einer der großen Anbieter auf der Welt und hat gerade zwei neue UV-Strahlen-Reinigungsysteme vorgestellt. Osram arbeitet an ultravioletten Licht- und Strahlungsquellen einer neuen Generation und rüstet in Asien schon Kliniken und Krankenhäuser aus. Der Spezialautohersteller Binz macht mit UV-C-Licht binnen Minuten einen Rettungswagen keimfrei.

          Solange kein Impfstoff gegen Sars-Cov-2 gefunden ist und es keine Medizin gegen die Lungenkrankheit Covid-19 gibt, sind nicht nur Masken und Abstand angesagt, sondern auch penible Sauberkeit – und die braucht rasche und wirksame Desinfektion. Können die neuartigen Corona-Viren doch dank winziger Wassertropfen über Stunden in der Luft schweben und für gefährliche Ansteckungen sorgen. Auf Metallen und Kunststoffen halten sie sich über mehrere Tage. UV-C-Strahlung aber bringt sie zur Strecke.

          Bild: Piron

          Die ultravioletten Lichtteilchen greifen die winzigen Viren an. Sie dringen durch deren Hüllen, arbeiten sich bis zum Erbgut vor, kappen dort eine Reihe der wichtigsten Verbindungen und unterbinden so die Vervielfältigung des Erbguts. Das Virus hat so keine Chance, sich zu vermehren und zu verbreiten. Es ist nicht mehr virulent und faktisch abgeschaltet. Und diese Eigenschaft haben sich auch die Entwickler von Binz zunutze gemacht.

          Die Ingenieure des Spezialfahrzeugherstellers aus Thüringen stellten nach dreijähriger Entwicklung mit den Ilmenauer Fraunhofer-Forschern im Juni ein technisches System vor, das mit UV-C-Leuchtdioden den Innenraum eines Krankenwagens in einen wahren Reinraum verwandelt: keine Keime, keine Bakterien, keine Viren.

          Das thüringische Unternehmen Binz baut spezielle LEDs unter dem Dach des Krankenwagen ein, die mit ihren Strahlen die Kabine keimfrei machen können.
          Das thüringische Unternehmen Binz baut spezielle LEDs unter dem Dach des Krankenwagen ein, die mit ihren Strahlen die Kabine keimfrei machen können. : Bild: Binz

          Mit unsichtbarem UV-Licht kann man desinfizieren – und zwar so, dass ein Arzt im hinteren Teil eines entsprechend ausgerüsteten Rettungswagens operieren könnte, sagt Ernst Rittinghaus. Der Generalbevollmächtigte von Binz fährt fort: „Wir haben mit den Kollegen von Fraunhofer rund drei Jahre lang an diesem System gearbeitet. Wir haben vor drei Jahren mit modernen Spezial-Leuchtdioden zum Stückpreis von 18.000 Euro begonnen, und als wir damals anfingen, war an Corona noch gar nicht zu denken.“

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