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Konkurrenz für den Bitkom? : ZVEI erklärt sich zum Digitalverband

Schlagkräftige Branche: Ein Besucher auf der IFA in Berlin spiegelt sich in zahlreichen Flachbildschirmen. Bild: dapd

Seit mehr als 100 Jahren vertritt der Verband die Interessen der Elektroindustrie. Nun will er auch für Digitales sprechen – und hat eine schlagkräftige Branche hinter sich.

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          Chipmangel und Datenschutz, fehlende Fachkräfte, bürokratische Überregulierung und ein daraus folgender Mangel an Innovationen in Europa – darauf lassen sich die Themen zusammenfassen, die den Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) zur Zeit bewegen. „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Politik, damit wir Daten nicht nur erheben, sondern auch sinnstiftend nutzen können“, sagte Präsident Gunther Kegel. „KI-basierte Lösungen und Algorithmen sind schon längst Teil unseres Alltags. Mehr denn je gilt es jetzt, ihre Chancen zu nutzen und nicht für möglichen Risiken zu erstarren.“

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die deutsche Elektroindustrie ist einer der Treiber der Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft. Der Anteil smarter Produkte und Dienstleistungen habe sich mit 45 Prozent am Gesamterlös der Branche während der vergangenen fünf Jahre mehr als verdoppelt. In den kommenden fünf Jahren soll eine Quote von 64 Prozent erreicht sein. So sei man dabei, Branchen wie etwa das verarbeitende Gewerbe, die Medizintechnik, den Immobilien- oder auch den Energiesektor auf eine völlig neue Basis zu stellen.

          „Diese Entwicklung verlief schneller als von uns erwartet“, erklärte Wolfgang Weber, Vorsitzender der Geschäftsführung des ZVEI. Heute investierten 90 Prozent gezielt in hohem Maße in ihre Digitalisierung. 80 Prozent der Firmen seien bereits digital aufgestellt, Wertschöpfungsketten mit Lieferanten und Kunden seien mit knapp 40 beziehungsweise fast 60 Prozent digitalisiert. Dabei werden nicht nur bestehende Strukturen digital erneuert: Vier von fünf Unternehmen der Branche investieren in komplett neue Erzeugnisse und Services.

          Neue Konkurrenz?

          Angesichts dieser wohl unumkehrbaren Entwicklung richtet sich der traditionsreiche ZVEI neu aus. Fortan versteht er sich nicht nur als Verband der Elektroindustrie, sondern auch als solcher der Digitalindustrie, denn aus dem Alltag der Branche sind digitale Anwendungen nicht mehr wegzudenken. Dieser Schritt allerdings wird Verbände wie etwa den Bitkom in Berlin aufhorchen lassen, der sich bislang als Vertreter der Digitalwirtschaft in Deutschland sieht.

          Darüber hinaus hat Europa im Chipbereich gegenüber Asien und Amerika einen Rückstand, der nur mit viel Geld, Mühen und Ressourcen aufgeholt werden könnte. Gelingt das nicht, droht Europa nach den Worten von Kegel, die Souveränität in vielen technischen Bereichen zu verlieren. Das ginge mit einer Abhängigkeit von anderen Ländern Hand in Hand.

          Mehr als 100 Jahre Geschichte

          Der ZVEI wurde 1918 gegründet, hat heute rund 1 600 Mitgliedsunternehmen mit einem Gesamtumsatz von 180 Milliarden Euro, hierzulande knapp 900 000 Beschäftigten und Forschungsaufwendungen von knapp 20 Milliarden Euro im Jahr. Damit ist die Elektroindustrie Deutschlands hinter dem Maschinenbau und der IT-Branche und vor dem Automobilbau drittgrößte Industrie. Mit 790 000 weiteren Mitarbeitern außerhalb Deutschlands ist ihre Wertschöpfung global stark vernetzt.

          Um auf dem hart umkämpften Weltmärkten auch künftig Wachstum zu generieren, sind hierzulande neben der Behebung des seit Jahren schon andauernden Mangels an Fachkräften die bürokratischen Hürden zu senken. Von diesen Hindernissen hat Europa einige: Einer Umfrage des Verbands ergab, dass sich jedes zweite Unternehmen der Elektrobranchebranche in Deutschland bei der Nutzung von Daten reglementiert führt. Für mehr als ein Drittel werde die weiteren Digitalisierung ihrer Prozesse und Abläufe gar durch die fehlende Rechtssicherheit blockiert.

          So müsse die neue Bundesregierung trittfeste Wege finden, „wie sich auch personenbezogene Daten rechtssicher im Rahmen der DSGVO nutzen lassen – etwa durch klar definierte Verfahren zur Anonymisierung“, sagt Kegel. Die Europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) regelt seit 2018 die Speicherung von personenbezogenen Daten.

          Einige Unternehmen haben die Richtlinien bereits umgesetzt; andere aber haben Schwierigkeiten, den gesetzlichen Vorschriften zur Datenspeicherung und gleichzeitig auch der DSGVO gerecht zu werden. Denn Teile beider Regularien passen nicht unbedingt zusammen. Hohe Bußgelder von bis zu 20 Millionen Euro, schwammige Regeln und viele offene Fragen bereiten zahlreichen Unternehmen Sorgen.

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