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Digitale Giganten : Bedrohen Amazon und Google den Wettbewerb?

Der Anstieg der Preisaufschläge ist indes schon länger zu beobachten, nicht erst seit die Digitalisierung die Wirtschaftswelt umwälzt. Das hat eine Pionierstudie von Jan De Loecker, Jan Eeckhout und Gabriel Unger gezeigt („The Rise of Market Power and the Macroeconomic Implications“). Lagen die durchschnittlichen Markups in den achtziger Jahren noch weniger als 20 Prozent über den Grenzkosten, gehen sie in den neunziger Jahren und besonders in der jüngsten Vergangenheit steil nach oben auf mehr als 60 Prozent.

Höhere Marktmacht der führenden Konzerne habe eine Reihe unerfreulicher makroökonomischer Folgen, sagt nun der IWF: In der Gesamtwirtschaft sinken die Investitionen, das geschwächte Produktivitätswachstum hänge ebenfalls damit zusammen. Denn Unternehmen, die sich in Richtung einer Monopolstellung bewegen, halten die Preise hoch, indem sie das Angebot verknappen. Das wäre fatal für Dynamik und Offenheit der Wirtschaft, wenn es wirklich so wäre.

Höhere Fixkosten durch mehr Maschinen

Allerdings ist die Sache kompliziert und manche Wettbewerbsökonomen sind nicht überzeugt, dass höhere Markups mit Marktmacht gleichzusetzen sind und es weniger Wettbewerb gibt als früher. Eine Erklärung für Preisaufschläge ist, dass sich „Superstarfirmen“ entwickeln, die alle anderen abhängen. Diese These hat der MIT-Ökonom David Autor vorgebracht. Eine andere Erklärung ist, dass Fixkosten zugenommen haben. „In vielen Bereichen der Industrie, aber auch in Dienstleistungsbranchen, hat die Kapitalintensität zugenommen: Personalkosten und variable Kosten der Produktion sind weniger wichtig, dagegen hat der Maschinen- und IT-Einsatz zugenommen“, sagt Justus Haucap vom Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomik. Höhere Fixkosten bedeuten, dass die „mindestoptimale Betriebsgröße“ steigt. Um den Fixkostenblock tragen zu können, müssen Unternehmen größer sein und höhere Preisaufschläge über die Grenzkosten verlangen. „Die Margen sind also höher, ohne dass es eine Reduktion der Wettbewerbsintensität geben muss“, sagt Haucap.

In vielen Bereichen sind – trotz höherer Margen – die Preise für Konsumenten gefallen: durch neue technische Entwicklungen und intensiven Wettbewerb. Viele digitale Produkte bringen hohe Konsumentenrenten. Auch Achim Wambach, Vorsitzender der Monopolkommission, bezweifelt, ob steigende Markups der Unternehmen mit höherer Marktmacht gleichzusetzen sind. Auch er sieht Technologie und Fixkosten als wichtige Faktoren. „Wir müssen die Entwicklung genau beobachten, aber wir verstehen noch nicht ganz, was dahintersteht“, sagt er. Die Markups-Studien von De Loecker und Eeckhout sieht er aber als große Bereicherung, weil sie nicht mit Konzentrationsmaßen arbeiten, die problematisch sind, weil sie an der Definition eines relevanten Markts hängen.

Dass sowohl die Globalisierung als auch die Digitalisierung die Größe des relevanten Marktes verändern, liegt auf der Hand. Früher war etwa die Konkurrenz beispielsweise im Einzelhandel lokal oder höchstens regional begrenzt, heute drängen über Internet-Händler neue Konkurrenten hinzu, es entstehe ein mindestens nationaler Markt. „Die Globalisierung führt zu größeren Märkten und die Digitalisierung verschärft das noch mal“, betont Haucap. Dass einzelne Superstarfirmen aufgrund von Netzwerkeffekten mit ihren Plattformen sehr mächtig geworden sind, trifft wohl besonders auf Amerika zu. In Deutschland sehe er das aber noch nicht. In jedem Fall brauche es eine strikte Fusionskontrolle der Kartellämter, um Beschädigungen des Wettbewerbs zu vermeiden. Hier ist die Praxis in Deutschland und Europa schärfer als in Amerika.

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