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Automatisierung : Die Stunde der Roboter

  • -Aktualisiert am

Roboterkäufer Nummer eins ist China, Roboterhersteller Nummer eins Japan. Und auch ein Robotik-Eldorado wie in Dänemark gibt es in Deutschland derzeit nicht. Warum eigentlich?

          3 Min.

          Wer eine Ahnung davon bekommen will, wie sehr Roboter die industrielle Produktion verändern, sollte einen Blick in die Statistiken des Internationalen Roboterverbandes werfen – oder, etwas praxisnäher, in die Fabrikhallen des japanischen Roboterkonzerns Fanuc. Die Zahlenkolonnen des Verbandes künden seit längerem von einer Vergrößerung der globalen Industrieroboter-Armee um mehrere hunderttausend Stück im Jahr und von zweistelligen Wachstumsraten. Die Werke der Japaner gelten als Extrembeispiel automatisierter Produktion. Hier werden Roboter von Robotern gebaut, Menschen sind selten. Kurzum: Szenarien mit dem Tenor „Die Roboter kommen!“ sind von gestern. Denn sie sind längst da.

          In dieser technologischen Erfolgsgeschichte gibt es seit Jahren Konstanten: das robuste und nachhaltige Wachstum etwa oder die Marktbeherrschung durch die großen vier der Branche. Fanuc und Yaskawa aus Japan, ABB aus der Schweiz und Kuka aus Augsburg, das inzwischen in chinesischer Hand ist, teilen rund 70 Prozent des Weltmarktes für Industrieroboter unter sich auf. Und es ist stets die Automobilindustrie, die mehr maschinelle Helfer aus Stahl, Sensorik, digitaler Technik und – stark im Kommen – Künstlicher Intelligenz kauft als jede andere Branche. Da kommt nur die Elektrotechnik halbwegs mit. Und so wie China, gemessen an der Stückzahl, der Roboterkäufer Nummer eins in der Welt geblieben ist, so ist Japan unverändert der Roboterhersteller Nummer eins. In Korea wiederum ist die Roboterdichte am höchsten. Von zementierten Verhältnissen kann trotzdem keine Rede sein. Denn es hat einen Paradigmenwechsel gegeben.

          Größe ist nämlich nicht mehr alles. Kuka und Co. halten dem klassischen, wuchtigen Industrieroboter die Treue, aber sie wenden sich entschlossener denn je kleineren, oft nur wenige Kilo schweren Modellen zu, den „Cobots“. Diese kollaborativen Roboter galten lange als Nischenprodukt, zwar wie geschaffen für die Zusammenarbeit mit Menschen, aber doch im Schatten ihrer gigantischen großen Brüder, die im industriellen Alltag schwere Teile wuchten, schweißen oder lackieren. Cobots wurden zwar entwickelt und gebaut, aber weil es für sie keinen Massenmarkt gab, fristeten sie ein trauriges Dasein in den Randbereichen industrieller Produktion.

          Von deutschen Insellösungen

          Es waren nicht die Top vier der Branche, die auf diesem Gebiet die Wende einleiteten, sondern kleinere Unternehmen, die entschlossener auf die Vorteile der Kleinroboter setzten: ihre einfache Handhabung, ihre schnelle Programmierung, die sie flexibler als Großroboter macht, und nicht zuletzt ihre Harmlosigkeit in der Zusammenarbeit Mensch-Maschine; Cobots tun keinem weh. Außerdem sind sie deutlich günstiger und deshalb auch für kleine oder mittelständische Unternehmen interessant – zumal ihre Fertigkeiten immer filigraner werden. Dadurch erweitern sie außerdem ihr Einsatzgebiet, in die Logistik- oder Lebensmittelbranche etwa.

          Unternehmen wie Universal Robots stehen für diesen Trend. Die Dänen machten Cobots zum Massenphänomen, sie haben mit ihren Produkten kleine Unternehmen, aber auch Konzerne erobert. Und sie haben in ihrer Heimat trotz des Verkaufs an den amerikanischen Konzern Teradyne Spuren hinterlassen. Odense in Dänemark gilt heute als Eldorado für Start-ups aus der Robotik. Einen solchen Standort gibt es in Deutschland nicht, und die Frage drängt sich auf: Warum eigentlich?

          Es gibt Insellösungen, oft bei etablierten Unternehmen aus dem Maschinenbau etwa, die an der Weiterentwicklung von Robotersystemen arbeiten. Und auch Start-ups wie Franka Emika aus München, das für die Entwicklung eines Leichtbauroboters den deutschen Zukunftspreis erhalten hat, gehören zum deutschen Weg in die Cobot-Welt. Das junge Unternehmen gilt als neues heißes Eisen des früheren Kuka-Mehrheitsaktionärs Voith, ebenfalls ein Unternehmen aus dem Maschinenbau und strategischer Partner von Franka Emika. Aber ob daraus eine zweite Erfolgsgeschichte wie Kuka wird, ist ungewiss. Eine über Einzelunternehmen hinaus reichende Strategie ist in Deutschland so oder so nicht erkennbar.

          Fertigkeiten mit viel Fingerspitzengefühl

          Dabei dürften den Cobots einige Entwicklungen in die Karten spielen: Der steigende Grad der Automatisierung in der Industrie, der Mangel an Fachkräften oder schnellere Netze werden die Nachfrage hoch halten. Optimisten erwarten, dass der Markt für Cobots in einigen Jahren größer sein wird als jener für klassische Industrieroboter.

          Auch Fanuc stellt sich auf ein dauerhaftes Hoch ein. Der Markt werde viel größer werden, und zwar in einem nie dagewesenen Tempo, heißt es dort. Konzernchef Yoshiharu Inaba glaubt, dass kleinere Roboter zum Beispiel in der Automobilindustrie bald auch vermehrt in der Endmontage, Seite an Seite mit Menschen, eingesetzt werden. Dort also, wo es um Fertigkeiten mit viel Fingerspitzengefühl geht, nicht um pure Kraft. Und er erwartet, dass sich dadurch die Zahl der menschlichen Arbeitskräfte um etwa die Hälfte verringern lasse. Es scheint, als werde auch die Frage zu den Folgen der neuen Roboterwelle anderswo intensiver ausgeleuchtet als hierzulande.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

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