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Amazons Technologiechef : „Die Privatsphäre unserer Kunden steht an erster Stelle“

Amazon-CTO Werner Vogels auf der Innovationskonferenz Digital-Life-Design (DLD) im Januar in München Bild: dpa

Der Niederländer Werner Vogels ist Amazons Technologiechef. Im Interview spricht er über intelligente Lautsprecher, die Cloud, Amazon in zwanzig Jahren – und darüber, wer der größte Kunde der Amazon-Cloud ist.

          5 Min.

          Können Sie in einfachen Worten beschreiben, was Amazons Cloudsparte AWS für Unternehmen tut?

          Bastian Benrath
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wir versuchen, alle altmodischen IT-Kapazitäten, die Unternehmen selbst kaufen mussten, zu ersetzen. Im Prinzip versuchen wir, IT genauso handhabbar zu machen, wie Stromversorgung zu Hause: Man nutzt sie, dann bezahlt man für die genutzte Menge. Früher war IT etwas, das man im Voraus bezahlen musste, während man nicht wusste, wie viel man von ihm nutzen würde. Kaufte man zu viele Kapazitäten, war der Finanzchef böse, kaufte man zu wenig, waren die Nutzer böse.

          Geben Sie mir ein Beispiel für etwas, das Unternehmen heute mit AWS-Clouddiensten können, was sie früher nicht konnten.

          Ein gutes Beispiel sind Krankenhäuser. Krankenhäuser müssen aufgrund verschiedener rechtlicher Regelungen einige Daten bis zu 30 Jahre lang aufheben. Durch Cloudspeicher können sie nun die digitalen Originaldaten von Computer- und Kernspintomographien so lange aufbewahren.

          Analog konnten die Originale nicht so lange aufbewahrt werden, weil dafür riesige Lagerhäuser notwendig gewesen wären. Außerdem ist es in der Cloud möglich, verschiedene Aufnahmen digital mithilfe künstlicher Intelligenz zu vergleichen – zum Beispiel um zu sehen, wie stark bestimmte Tumore gewachsen sind. Das geht auf diese Weise wesentlich genauer, als ein Arzt es mit bloßem Auge konnte.

          Stellt der Bilderkennungsalgorithmus in diesem Fall allein auf die Bilder ab, die ein Kunde hochgeladen hat, oder greift er auch auf Bilder anderer Kunden zurück?

          Nein. Was Sie zur Bilderkennung hochladen, bleiben Ihre eigenen, privaten Bilder. Unser Algorithmus kann dann erkennen, ob etwas auf dem Bild ein Mensch ist, ob er einen Bart hat oder Brille trägt, ob er lächelt oder andere Emotionen zeigt. Anhand eigener Bilder können Kunden ihn auch auf andere Dinge trainieren.

          Der amerikanische Politikfernsehsender C-Span hat das zum Beispiel mit einem Bildersatz von knapp 100.000 Politikern gemacht. So konnten sie den Prozess der Personenerkennung automatisieren: Der Computer erkennt automatisch, welche Politiker in einem Video vorkommen, ohne dass ein Mensch es anschauen und den Namen dranschreiben muss.

          Wie können Nutzer sich sicher sein, dass die Daten, die sie in die Cloud laden, ihre eigenen bleiben und nicht bei Konkurrenten oder der Regierung landen?

          Zuerst einmal haben wir einen Vertrag mit unseren Kunden. In dem verpflichten wir uns, hochgeladene Daten nicht zu verschieben und sie niemandem anderen zu geben, es sei denn, es liegt ein Durchsuchungsbefehl vor. Darüber hinaus empfehlen wir allen unseren Kunden aber auch, zumindest Informationen über ihre Kunden und Geschäftsgeheimnisse zu verschlüsseln. Wenn sie das tun, gibt es nichts, was wir anderen geben können – weil sie allein dann den Schlüssel zu ihren Daten haben und entscheiden können, wer darauf zugreifen kann und wer nicht.

          Der Wettbewerb unter den Cloud-Anbietern hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Was bietet Amazon an, das beispielsweise Google nicht kann?

          Wir sind seit mehr als 12 Jahren im Geschäft, sind klar der Pionier auf unserem Gebiet und bieten mehr als 165 verschiedene Dienste an. Keines der anderen Unternehmen bietet auch nur ansatzweise etwas Vergleichbares. Der Grund für die Breite unseres Angebots ist, dass wir sehr stark das Feedback unserer Kunden suchen.

          Im Jahr 2017 haben wir rund 1400 neue Dienste und Features in unser Angebot aufgenommen – und unser Ziel ist es, genau die Dienste zu bauen, die unsere Kunden wollen. Wir glauben, dass wir weiter vorangehen können, weil wir eine so große Kundenbasis haben, die uns hilft, genau das zu bauen, was wir bauen müssen. Diese Feedback-Kultur betrifft auch mich: Den größten Teil meiner Zeit hier in Berlin werde ich damit verbringen, Kunden zu treffen.

          AWS ist in den vergangenen Jahren mit beeindruckender Geschwindigkeit gewachsen. Was kommt als nächstes?

          Wir werden eine massive Beschleunigung im Bereich der Spracherkennung sehen. Ich glaube ehrlich, dass Sprache in Zukunft der Hauptweg sein wird, auf dem wir mit digitalen Systemen kommunizieren werden. Und nicht nur wir: Es gibt zahlreiche Gegenden auf der Welt, in denen es nicht überall Computer und Smartphones gibt – in denen man aber trotzdem ohne Probleme mit Computern sprechen kann, zum Beispiel übers Telefon. Zudem gibt es ja auch zahlreiche Menschen, die nicht lesen oder schreiben können – wohl aber sprechen.

          Spracherkennung ist auch die entscheidende Technologie in den intelligenten „Amazon Echo“-Lautsprechern. Es gibt durchaus Menschen, die sich nicht ganz dabei wohlfühlen, ein Mikrofon in ihrem Wohnzimmer stehen zu haben.

          Oben auf jedem dieser Geräte ist ein Knopf, der das Mikrofon ausschaltet. Und selbst wenn es eingeschaltet ist, zeichnet das Gerät erst auf, wenn es ein bestimmtes Wort gehört hat, zum Beispiel „Alexa“. Ganz ehrlich: Wenn wir wirklich zuhören würden, wären wir ziemlich schnell aus dem Geschäft. Die Privatsphäre und Sicherheit unserer Kunden steht für uns an erster Stelle. Denn ohne das haben wir kein Geschäft.

          Der größte Kunde der Clouddienste von AWS ist Amazon selbst...

          Nein. Habe ich das gesagt?

          Stimmt es nicht?

          Amazon ist ein großer Kunde, aber vielleicht nicht der größte. Ich werde Ihnen nicht sagen, wer der größte ist. Aber: Amazon ist ein bedeutender Kunde. (lacht)

          Jedenfalls gibt es Gerüchte darüber, dass Amazon mithilfe Künstlicher Intelligenz in der Lage ist, sehr genau vorherzusagen, was ein Kunde bestellen wird. Gibt es Pläne, Kunden unaufgefordert Artikel nach Hause zu schicken, in der Hoffnung, dass sie sie behalten?

          Nein. Wir zeigen Kunden Vorschläge an, die abbilden, woran der Kunde unser Einschätzung nach Interesse haben könnte. Aber es gibt keine Möglichkeit, mit irgendeiner Gewissheit vorauszusagen, was der Kunde wirklich kaufen will. Deshalb konzentrieren wir uns darauf, ihm bei seiner Kaufentscheidung zu helfen – statt sie für ihn zu treffen. Unser Ziel ist es, ein langfristig erfolgreiches Geschäft aufzubauen. Und der einzige Weg, das zu tun, ist es, sich an die Wünsche der Kunden anzupassen – nicht zum Beispiel an die Kurzfristziele von Aktionären.

          Im Einzelhandel arbeiten Sie mit den kassenlosen „Amazon Go“-Supermärkten an einer weiteren Disruption.

          Sie sind Experimente.

          Gibt es Pläne, solche Märkte in großem Stil zu eröffnen, auch in Europa oder Deutschland?

          Nein. Ich denke, für jetzt denken wir da Stück für Stück. Wir schauen, wie die Sache funktionieren kann, was die Herausforderungen sind und so weiter. Wir müssen sicherstellen, dass die Technologie wirklich gut funktioniert – nicht nur für uns, sondern auch für die Kunden: Einkaufen dort läuft anders ab, als eine normale Interaktion in einem Supermarkt wäre. Deshalb müssen wir schauen, dass die Technik extrem akkurat ist. Um das sicherzustellen, machen wir eine Reihe von Experimenten.

          Gibt es Bereiche des Lebens, in die Amazon niemals vorstoßen wird?

          Keine Ahnung. Sagen wir mal so: Es gibt viele Märchen und wir haben viele Ingenieure. Und Amazon ist ein Technologieunternehmen: Wir mögen es, Dinge zu erfinden. Und wir mögen es, mit Ideen zu experimentieren. Nehmen wir das Beispiel der Alexa-Spracherkennung: Wussten wir vorher, was für ein Riesenerfolg das werden würde? Wir hatten eine leise Ahnung – aber wir wussten es nicht. In Amazons Innovationsstrategie versuchen wir, „mutige Wetten“ einzugehen.

          Das heißt, wenn wir in eine neue Technologie investieren, handelt es sich dabei um ein Experiment. Und deshalb ist es normal, wenn einige davon scheitern. Zum Beispiel haben wir ja auch mal versucht, ein Telefon auf den Markt zu bringen. Das hat nicht besonders gut funktioniert. Wir haben das Glück, dass wir wesentlich mehr Erfolge als Misserfolge haben, aber wir bleiben ein experimentierendes Unternehmen. Deshalb versuchen wir auch, dass Führungskräfte bei uns durch einen Misserfolg keine negativen Konsequenzen für ihre Karrieren befürchten müssen, sondern ein Scheitern quasi als Orden tragen können.

          Was ist ihre Vision für Amazon in 20 Jahren?

          Ich weiß eines: Wenn wir aufhören, uns weiterzuentwickeln, dann werden wir in 10 bis 15 Jahren nicht mehr im Geschäft sein. Und zwar nicht, weil ein anderes großes Amazon kommt, sondern weil wir durch 1000 kleine Schnitte sterben werden. Jemand wird besser Schuhe verkaufen, jemand wird etwas anderes besser machen. Was man von uns in den nächsten 20 Jahren erwarten kann, ist deshalb die selbe Geschwindigkeit von Innovationen, die wir zur Zeit vorlegen. Das gilt für unser Versandgeschäft ebenso wie für die Clouddienste von AWS: Wir werden versuchen, so schnell voranzuschreiten, wie es möglich ist.

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