https://www.faz.net/-gqe-9cfxv

Amazons Rabattschlacht : #PrimeDayFail?

Viele Schnäppchenjäger mussten sich am Amazon Prime Day mit Hundebildern zufrieden geben. Bild: Picture-Alliance

Der Amazon Prime Day ist für manch einen schöner als Weihnachten. Bei der Rabattschlacht lief jedoch einiges schief. Das ist peinlich, aber hat es dem Online-Giganten auch geschadet?

          3 Min.

          Amazon ist nicht nur der weltgrößte Onlinehändler – das Unternehmen ist auch ein Meister der Inszenierung. Seit sich der amerikanische Milliardenkonzern 2015 anlässlich des zehnjährigen Jubiläums seiner Premium-Mitgliedschaft Prime mit dem Amazon Prime Day so etwas wie einen eigenen Feiertag geschaffen hat, wächst der Hype um den Schnäppchentag jedes Jahr ein bisschen weiter.

          Jessica von Blazekovic
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Dem Mega-Sale, bei dem von Fernsehern über Matratzen bis hin zu Rührmaschinen und Kaffeebohnen Millionen Produkte zu stark reduzierten Preisen über die digitale Ladentheke wandern, wohnt ein Mythos bei, der nicht zuletzt durch die Geheimnistuerei durch Amazon selbst genährt wird: Das Datum des Prime Day wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis und monatelang unter Verschluss gehalten. Auch die Händler müssen gemäß Vertragsvereinbarung schweigen.

          Um das Sommerloch zu überbrücken, in dem die Menschen ihr Geld lieber für Urlaub als für ein neues Soundsystem ausgeben, sollten dieses Jahr ab dem 16. Juli für 36 Stunden drastische Reduzierungen die Kreditkarten zum Glühen bringen. Marktforscher hatten die Umsatzzahlen im Vorfeld auf mehr als 3 Milliarden Dollar geschätzt, was einen Anstieg um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeuten würde. So standen am Montag Schnäppchenjäger auf der ganzen Welt in den Startlöchern, hatte sogar die Konkurrenz – etwa Ebay – ihre eigenen Angebote vorbereitet, um ebenfalls von der Kauflaune der Konsumenten zu profitieren.

          Nicht nur die Website machte Ärger

          Und dann, um exakt 12 Uhr mittags amerikanischer Zeit, pünktlich zum Startschuss des Sales, versagte die Amazon-Seite. Anstatt Designer-Turnschuhen für unschlagbare 19,99 Euro sahen zahlreiche Kunden nur Hundebilder und eine Entschuldigung, dass die Seite gerade nicht funktioniere. Andere konnten dem Warenkorb keine Produkte hinzufügen oder hatten Probleme beim Bezahlen. Innerhalb kürzester Zeit ließen genervte Shopper ihrem Frust in den sozialen Medien unter dem Hashtag #PrimeDayFail freien Lauf. Viele nahmen es aber auch mit Humor: Sie veröffentlichten unter dem Hashtag #DogsOfAmazon die Hundebilder, die Amazon ihnen auf den Entschuldigungsseiten anzeigte.

          Für Amazons Wettbewerber war der Ausfall eine willkommene Steilvorlage, um Kunden abzugreifen. Der Schreibwarenhändler Office Depot etwa verschickte prompt eine Email mit der Zeile: „Genervt davon, Hunde anzuschauen? Unsere Deals laufen noch“. Per Twitter richtete sich Amazon erst zwei Stunden nach Bekanntwerden der Probleme an die frustrierte Shopping-Community und versprach, schnellstmöglich eine Lösung zu finden.

          Der Systemfehler beschränkte sich indes nicht auf die Einkaufsplattform. Tausende Nutzer des Amazon Lautsprechers Echo klagten über Verbindungsprobleme mit dem Sprachassistenten Alexa, berichteten über fehlerhaftes Streaming auf Prime Video und auch Amazon Web Services, der Cloud-Anbieter des Unternehmens, verzeichnete Störungen. Es dauerte einige Stunden, bis sich die Amazon-Seite von dem Crash erholte. 

          Amazon Devices waren die Verkaufsschlager

          Bislang hat sich Amazon weder für den Systemausfall entschuldigt, noch eine Erklärung geliefert. In einer Stellungnahme witzelte das Unternehmen vielmehr über die Anlaufschwierigkeiten: “Es war kein (Hunde-)Spaziergang, wir hatten einen holprigen Start“. Man liebe zwar Hunde, aber nur in den Amazon-Büros, nicht aber im Online-Shop. Die Vermutungen, was Amazon den Start in den Sale-Marathon vermasselte, reichen von einem einfachen Softwaredefekt bis hin zu einer Überlastung durch eine Roboterattacke.

          In den amerikanischen Medien wird nun spekuliert, ob die peinliche Panne mittelfristig zu einem Image-Verlust besonders für Amazons Cloud-Geschäft führen könne. Der Konzern aus Seattle wirbt derzeit um einen lukrativen Cloud-Auftrag des amerikanischen Verteidigungsministeriums. 

          Auf den Amazon Prime Day selbst hatte der Ausfall letztendlich aber wohl keine gravierenden Auswirkungen. Amazon veröffentlicht zwar keine genauen Zahlen. Doch trotz des holprigen Starts seien die Verkäufe schon in den ersten zehn Stunden stärker gewachsen, als noch 2017, verkündete das Unternehmen in einer Pressemitteilung. So hätten schon in der ersten Stunde mehr Artikel den Besitzer gewechselt, als im vergangenen Jahr in den ersten vier Stunden verkauft wurden. Kleine und mittelständische Unternehmen hätten bis Dienstag Verkäufe im Wert von mehr als 1 Milliarde Dollar verbuchen können. Zu den beliebtesten Artikeln in Deutschland und Österreich gehörten laut der Mitteilung Amazon-eigene Artikel wie der Fire-TV-Stick mit Alexa-Sprechfernbedienung, die intelligenten Lautsprecher Echo und Echo Dot sowie der E-Book-Reader Kindle Paperwhite. Weitere Bestseller seien die 15-monatige PlayStation-Plus-Mitgliedschaft, die Jamie-Oliver-Pfanne von Tefal und die schaltbare Steckdose Osram Smart+ Zigbee gewesen.

          Laut einer Schätzung von Feedvisor verpulverten die Kunden in den ersten zwölf Stunden 89 Prozent mehr Geld als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. Jede Minute verkaufte Amazon am Prime Day Waren im Wert von mehr als einer Million Dollar, und  Experten schätzen, dass sich die Verkaufszahlen einiger Händler gegenüber einem „normalen“ Tag verdoppelten. „Trotz der Probleme auf der Website, versuchten es Kunden immer und immer wieder“, sagte ein Datenanalyst. 

          Die weltweit 100 Millionen Prime-Mitglieder, welche die Bequemlichkeit und den kostenlosen Versand von Amazon schätzen, wird der Systemausfall wohl nicht verprellen. Außerdem: Amazon wird dieses Jahr nach Schätzungen von Analysten Waren im Wert von 320 bis 380 Milliarden Dollar verkaufen, was einen Umschlag von 1,5 Milliarden Dollar für 36 Stunden bedeutet. So gesehen, ist für Amazon eigentlich fast jeden Tag Prime Day.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Entscheidung über eine allgemeine Impfpflicht soll zeitnah fallen.

          F.A.Z. Frühdenker : Wann kommt die Impfpflicht?

          Die Pläne für die Impfpflicht werden konkreter. Die NATO berät über den Umgang mit Russland. Und die Verbraucherrechte im Internet werden gestärkt. Der F.A.Z.-Newsletter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.