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Tech-Konzern : Amazon wird in Amerika zur Apotheke

Amazon drängt in den nächsten Markt. Bild: AP

Mitten in der Corona-Krise drängt der Onlinehändler in einen neuen Markt. Es geht um viele Milliarden.

          2 Min.

          Der Online-Händler Amazon.com nimmt einen weiteren großen Markt ins Visier: Nun kündigte er den Start einer eigenen Internetapotheke in seinem amerikanischen Heimatmarkt an. Hier können Kunden verschreibungspflichtige Medikamente bestellen, die dann – wie gewöhnliche Amazon-Einkäufe – nach Hause geliefert werden.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Nachricht sorgte für erhebliche Bewegung an der Börse und ließ die Aktienkurse großer Drogerie- und Apothekenketten wie CVS Health, Walgreens Boots Alliance oder Rite Aid fallen. Die Kursverluste betrugen im Handelsverlauf 7 Prozent und mehr. Ein solcher Effekt war schon öfter zu beobachten, wenn der Online-Händler in neue Märkte einstieg. Als er 2017 die Akquisition der Supermarktkette Whole Foods verkündete, fielen die Kurse vieler Lebensmittelhändler.

          Über eine Offensive von Amazon im Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten wird schon seit einiger Zeit spekuliert. Es ist ein gigantischer Markt, dessen Volumen in den Vereinigten Staaten auf rund 500 Milliarden Dollar im Jahr geschätzt wird.

          Inmitten der Corona-Krise

          Der Online-Händler hat seine Aktivitäten im Gesundheitsmarkt nach und nach ausgebaut. Rezeptfreie Arzneimittel gehören schon seit einiger Zeit zu seinem Sortiment, er verkauft sie zum Teil auch unter seinem eigenen Markennamen. Den Weg für den Vertrieb verschreibungspflichtiger Produkte ebnete er vor zwei Jahren mit der Übernahme der Online-Apotheke Pillpack für etwas mehr als 750 Millionen Dollar.

          Pillpack brachte Lizenzen für den Verkauf von Arzneimitteln auf Rezept mit, die sich Amazon zunutze machen konnte. Vor knapp drei Jahren hat Amazon auch zusammen mit der Großbank JP Morgan Chase und Berkshire Hathaway, der Holdinggesellschaft von Warren Buffett, ein Gemeinschaftsunternehmen namens Haven gegründet, das auf Gesundheitsleistungen für die jeweiligen Belegschaften spezialisiert ist. Um dieses Projekt ist es aber etwas still geworden, der Vorstandsvorsitzende trat in diesem Frühjahr abrupt ab.

          Die neue Online-Apotheke „Amazon Pharmacy“ gibt es vorerst nur in Amerika. Der Konzern startet sie inmitten der Corona-Krise, in der Menschen immer mehr online bestellen. „In einer Zeit, in der immer mehr Menschen Alltagsbesorgungen von zu Hause aus erledigen wollen, ist die Apotheke ein wichtiger und notwendiger Neuzugang in Amazons Online-Laden“, sagte der für das Nordamerika-Geschäft zuständige Amazon-Manager Doug Herrington am Dienstag. Auch andere Apothekenketten wie CVS Health bieten ihren Kunden an, Medikamente nach Hause zu liefern.

          Wer das neue Angebot von Amazon nutzen will, kann seinen Arzt bitten, Rezepte direkt an den Online-Händler zu schicken, so wie er dies bislang mit anderen Apotheken tut. Er kann auch existierende Rezepte von anderen Apotheken auf Amazon übertragen lassen, um damit Arzneimittel nachzubestellen. Amazon arbeitet nach eigener Aussage mit den meisten Krankenversicherungen zusammen.

          Wer Mitglied des Kundenbindungsprogramms „Prime“ ist, dem verspricht Amazon eine Auslieferung der bestellten Medikamente innerhalb von zwei Tagen ohne Zusatzkosten. „Prime“-Kunden sollen auch erhebliche Preisnachlässe für Medikamente bekommen, die ohne Versicherung gekauft werden. Bei Markenprodukten sollen die Rabatte bis zu 40 Prozent betragen, bei Nachahmermedikamenten sogar bis zu 80 Prozent. Amazons Apotheke verfügt über ein breites Sortiment, manche Medikamente wie opioidhaltige Schmerzmittel sind aber nicht im Angebot.

          Amazon gilt als einer der größten Gewinner der Corona-Krise. Das Unternehmen hat gerade für sein jüngstes Geschäftsquartal einen Umsatzsprung um 37 Prozent gemeldet. Es wächst so schnell, dass es allein in diesem Zeitraum seine Belegschaft um fast 25.000 Mitarbeiter ausgeweitet hat.

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