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Kritik nach Amazon-Absage : „Man muss hart sein, um es in New York City zu schaffen“

Scharfe Kritik an Amazon kam von Bürgermeister Bill de Blasio Bild: AP

Amazon wollte in New York einen weiteren Unternehmenssitz aufbauen. 25.000 Jobs sollten geschaffen werden. Jetzt nimmt das Unternehmen Abstand von den Plänen. Grund ist der Widerstand lokaler Politiker.

          3 Min.

          Es ist wie ein Schlag ins Gesicht für New York: Der Online-Händler Amazon hat am Donnerstag angekündigt, seine Pläne für eine neue Zentrale in der amerikanischen Metropole wieder aufzugeben. Er reagiert damit auf die Opposition, die ihm in der Stadt entgegengeschlagen ist. Das Megaprojekt, das insgesamt 25.000 Arbeitsplätze schaffen sollte, hatte zwar die Unterstützung des Bürgermeisters Bill de Blasio und des Gouverneurs Andrew Cuomo. Aber einige Lokalpolitiker, Gewerkschaften und lokale Interessengruppen haben hartnäckig gegen den Plan protestiert.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Dass Amazon nun so weit geht, das Projekt ganz zu streichen, kommt dennoch überraschend. Der Konzern sagte am Donnerstag, für ein solches Vorhaben seien „positive, gemeinschaftliche Beziehungen“ mit den Politikern vor Ort notwendig. Einige Politiker hätten aber klargemacht, dass sie nicht am Aufbau solcher Beziehungen arbeiten wollten und gegen die Ansiedlung von Amazon seien.

          Amazon hat um das Projekt einen sehr öffentlichkeitswirksamen Standortwettbewerb durchgeführt. Ursprünglich sagte der Konzern, er wolle neben seiner Zentrale in Seattle eine zweite neue Hauptverwaltung schaffen. Lokalpolitiker in ganz Nordamerika rissen sich um ihn, und er bekam mehr als 200 Bewerbungen, darunter aus fast allen größeren amerikanischen Metropolen. Im November gab er dann bekannt, dass er statt einen zwei Standorte ausgewählt hat, auf die sich die Investitionen und Arbeitsplätze verteilen sollten. Als Gewinner wurden der New Yorker Stadtteil Queens sowie ein Vorort der amerikanischen Hauptstadt Washington im Bundesstaat Virginia ausgerufen. In beiden Siegerregionen hatte Amazon ein umfangreiches Paket mit Steuererleichterungen und anderen Subventionen ausgehandelt. Allein in New York hatte es einen Wert von fast drei Milliarden Dollar, hier wurde dem Konzern sogar ein Heliport in der Nähe der neuen Niederlassung versprochen.

          In Virginia stieß die Ansiedlung von Amazon auf fast einhellige Unterstützung, und die damit verbundenen Finanzhilfen wurden innerhalb kurzer Zeit abgesegnet. In New York machte sich dagegen Widerstand breit. In Umfragen gab es insgesamt zwar eine mehrheitliche Zustimmung für das Projekt, aber es bildete sich eine lautstarke Protestbewegung. Es kam wiederholt zu Anti-Amazon-Demonstrationen, Teilnehmer brachten dabei Pakete mit dem umgedrehten Pfeil aus dem Unternehmenslogo mit, die an ein trauriges Gesicht erinnerten. Kritiker störten sich an dem üppigen Subventionspaket, zumal Amazon eines der wertvollsten Unternehmen der Welt ist.

          Es wurde die Sorge geäußert, dass in dem Stadtteil, in dem sich Amazon niederlassen wollte, Mieten und andere Lebenshaltungskosten dramatisch ansteigen könnten. Dem Konzern wurde auch vorgehalten, dass er üblicherweise nicht mit Gewerkschaften zusammenarbeitet, und man warf ihm vor, er habe zu wenig Nähe zur ortsansässigen Bevölkerung gesucht. Selbst Gouverneur Cuomo, eigentlich ein Freund des Projekts, hat kürzlich die Kommunikationsarbeit von Amazon bemängelt.

          Protest gegen Amazon in New York
          Protest gegen Amazon in New York : Bild: AP

          Zu den schärfsten Kritikern des Amazon-Vorhabens aus der Politik gehörte die kürzlich in den Kongress in Washington gewählte Alexandria Ocasio-Cortez, einer der Jungstars der Demokratischen Partei. Ihr New Yorker Wahlkreis grenzt an den angedachten Amazon-Standort in Queens an, und Mitarbeiter ihrer Kampagne im vergangenen Jahr waren jetzt auch maßgeblich an den Protesten gegen Amazon beteiligt. Ein anderer bedeutender Gegner, der New Yorker Senator Michael Gianaris, wurde kürzlich in ein Gremium berufen, das die Autorität hat, ein solches Projekt zu blockieren. Spätestens das machte klar, dass Amazons Ansiedlung in der Stadt in Gefahr ist.

          Gianaris sagte am Donnerstag, mit seiner Entscheidung, die Pläne ganz aufzugeben, habe sich Amazon „wie ein bockiges Kind“ benommen. Auch Bürgermeister und Amazon-Fürsprecher de Blasio zeigte wenig Verständnis für den Rückzieher: „Man muss hart sein, um es in New York City zu schaffen. Wir haben Amazon die Chance gegeben, ein guter Nachbar zu sein und in der großartigsten Stadt der Welt Geschäfte zu machen. Anstatt mit der Gemeinde zu arbeiten, hat Amazon die Chance weggeworfen.“ New York habe die talentiertesten Arbeitskräfte der Welt, und wenn Amazon das nicht erkenne, würden seine Wettbewerber das tun.

          Dramatische Veränderung in Long Island City

          Amazon teilte mit, sein Standortrennen nun nicht neu eröffnen zu wollen. Die neue Zentrale in Virginia würde wie geplant vorangetrieben, daneben wolle das Unternehmen in seinen anderen Niederlassungen wachsen. Amazon stellte in Aussicht, trotz der gestrichenen Pläne für eine neue Verwaltung in New York weiter wachsen zu wollen. Der Konzern hat heute im New Yorker Bezirk Staten Island ein großes Logistikzentrum, außerdem ist er in der Stadt mit mehreren Buchläden sowie Filialen seiner Supermarktkette Whole Foods präsent.

          Unerwünscht: Sprayer setzen ein Zeichen gegen Amazon.
          Unerwünscht: Sprayer setzen ein Zeichen gegen Amazon. : Bild: AFP

          Die neue Zentrale hätte in Long Island City entstehen sollen, einem Viertel in Queens, das direkt am East River an der anderen Seite von Manhattan liegt. Diese Gegend hatte sich schon vor Amazons Standortwettbewerb dramatisch verändert. Früher war sie ein Arbeiterviertel, und es gab viele Industriebetriebe. Davon ist aber nicht allzu viel übrig geblieben. Im Laufe der Jahre hat sich ein wohlhabenderes Publikum in Long Island City niedergelassen, und es sind eine Reihe von Wohnhochhäusern entstanden. An die industrielle Vergangenheit erinnert heute vor allem ein riesiges denkmalgeschütztes „Pepsi-Cola“-Schild am East River, das einst auf einem großen Abfüllwerk des Getränkekonzerns in dem Viertel thronte.

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