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Keine Kassen mehr : Amazon knöpft sich die Supermärkte vor

Ein Kunde verlässt eine Amazon-Go-Filiale in Seattle. Bild: AFP

„Einfach rausgehen“ – Amazon betreibt schon 25 Supermärkte ohne Kassen. Jetzt fängt der Konzern an, die Technologie an andere Händler zu verkaufen. Wird daraus das neue Amazon-Kronjuwel?

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          Amazon wagt sich mehr und mehr in den stationären Einzelhandel. Der Konzern betreibt mittlerweile mehrere Ladenketten, aber keine von ihnen dürfte in der Branche mit so viel Aufmerksamkeit verfolgt werden wie die „Amazon Go“-Supermärkte. Denn die kommen ohne Kassen und Kassenpersonal aus. Dank aufwendiger Technologie, die erkennt, welche Ware aus den Regalen genommen wird, können Kunden die Geschäfte einfach verlassen, ohne dass sie sich an einer Kasse anstellen müssen. Bezahlt wird automatisch, Schlangestehen entfällt. Amazon nennt das „Just Walk Out“ – „Einfach rausgehen“. Es gibt heute in Amerika insgesamt rund 25 „Amazon Go“-Filialen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Jetzt will Amazon dieses Projekt in eine neue Dimension bringen. Das Unternehmen hat angekündigt, die Technologie auch an andere Händler vermarkten zu wollen. Es will sich damit also nicht mehr nur auf eigene Geschäfte beschränken. Wenn Amazon damit erfolgreich ist, könnte das kassenlose Bezahlen mit diesem System künftig bei einer breiten Palette verschiedener Händler eingeführt werden. Der Vorstoß erinnert daran, wie Amazon Web Services aufgebaut wurde, die Sparte für „Cloud Computing“, die Unternehmen Rechnerkapazitäten und damit verbundene Dienstleistungen anbietet. Sie war zunächst ein hauseigenes Projekt, bis Amazon anfing, sie nach außen zu vermarkten. Heute gilt AWS als Kronjuwel des Konzerns und sorgt für einen großen Teil der Gewinne.

          „Breite Anwendbarkeit“

          In den Läden von „Amazon Go“ sind Hunderte von Kameras an den Decken installiert, die Regale sind voller Sensoren. Die registrieren, welche Artikel Kunden herausnehmen oder auch wieder zurücklegen. Die „Go“-Läden waren zuerst mit einer Fläche von üblicherweise weniger als 200 Quadratmetern sehr klein. Erst vor wenigen Wochen hat Amazon in seiner Heimatstadt Seattle zum ersten Mal einen größeren kassenlosen Supermarkt eröffnet, der sich über knapp 1000 Quadratmeter erstreckt. Jetzt teilte Amazon mit, die Technologie habe „breite Anwendbarkeit“.

          Der für stationären Einzelhandel verantwortliche Amazon-Manager Dilip Kumar sagte der Nachrichtenagentur Reuters, das Unternehmen habe schon mehrere Abnehmer für die Technologie im Handel gefunden und entsprechende Vereinbarungen unterzeichnet. Wie viel das die Partner kostet, verriet er nicht. Nach Angaben von Amazon kann die Technologie innerhalb weniger Wochen in Geschäften installiert werden, dabei werde versucht, etwaige Behinderungen für den laufenden Betrieb zu „minimieren“.

          Technisch sollen die Systeme bei den Partnern ähnlich funktionieren wie in den „Amazon Go“-Läden. Ein Unterschied ist, dass Besucher in den „Go“-Filialen an einer Eingangsschranke ihr Handy mit einer Amazon-App scannen. Bei anderen Händlern sollen Kunden das Einkaufen an der Schranke mit einer Kreditkarte starten.

          Bisher nur Tests in Europa

          Wie groß das Interesse im Einzelhandel an Amazons Angebot sein wird, muss sich zeigen. Denn der Konzern wird von vielen klassischen Händlern als Feindbild wahrgenommen. Ulrich Spahn, der in der Geschäftsführung des Handelsforschungsinstituts EHI sitzt, meint aber, Amazon könnte mit seiner Technologie im deutschen Handel auf positive Resonanz stoßen. Er nennt sie „recht einzigartig“. Gerade im Lebensmitteleinzelhandel, wo die Kunden oft wenig Zeit haben, seien solche Systeme interessant.

          Während digitale Kassen in Asien und dort vor allem in China schon weiter verbreitet sind, gibt es in Europa derzeit höchstens Testsysteme. Der niederländische Händler Albert Heijn etwa bietet Kunden mit „Tap to Go“ ein System an, in dem sie mit dem Smartphone oder der Kundenkarte das Etikett direkt am Regal scannen können und sich nicht an einer Kasse anstellen müssen. Das Schweizer Handelsunternehmen Valora testet in einigen Schweizer Städten mit der „Avec Box“ ein ähnliches Konzept.

          „Ich gehe davon aus, dass so etwas auch bei uns verstärkt kommen wird“, sagt Spahn, der auch für den Forschungsbereich Technologie zuständig ist. Da viele Händler nicht die Ressourcen und Kapazitäten hätten, ein komplett kassenloses System selbst zu entwickeln, könnte es einen Markt für Amazons Lösung geben. Die Nachfrage werde in hohem Maße vom Preis abhängen, den Amazon verlangt.

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