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Mobiles Bezahlen : Alipay folgt der Chinesen-Karawane

Alipay will sich weiterhin auf den chinesischen Markt konzentrieren. Bild: Picture-Alliance

„Der chinesische Tourist ist unser Kunde, wir folgen ihm“, sagt der Europa-Chef des chinesischen Bezahldienstes Alipay im Gespräch mit der F.A.Z. – und erklärt, was das bedeutet.

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          Sie fliegen von München nach Helsinki, um sich nordwärts auf die Suche nach dem Weihnachtsmann zu machen, schauen sich das Märchenschloss in Neuschwanstein an und essen Suppe auf dem Münchner Viktualienmarkt. Im vergangenen Jahr sind allein 1,6 Millionen Chinesen nach Deutschland gereist. Mit einem Anstieg von 7 Prozent gibt es kaum eine Reisegruppe, die stärker wächst. Und die mobile Bezahlplattform Alipay will immer dabei sein, wohin es die Karawane aus dem Reich der Mitte gen Westen, Osten, Norden und Süden auch ziehen mag.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          „Der chinesische Tourist ist unser Kunde, wir folgen ihm“, sagt Alipay-Europa-Chef Roland Palmer. Er bläst zur Offensive in Europa. Damit keine Missverständnisse entstehen: Der zum Online-Handelskonzern Alibaba gehörende Zahlungsanbieter zieht hinterher; er will nicht die europäische Bankenszene aufrollen und zum Konkurrenten werden.

          Angesichts der Flut von gutsituierten, konsum- und reisebegierigen Chinesen will der virtuelle Dienstleister jedoch Duty-Free-Geschäften am Flughafen, dem Einzelhandel, Restaurants und Hotels Zugang zur zahlungskräftigen Klientel verschaffen. Vor vier Jahren nach Europa gekommen, befindet sich das System nach wie vor im Aufbau; in der „Roll-out-Phase“, wie Palmer sagt. Im Land der 1,4 Milliarden Einwohner ist Alipay ein stark expandierender, aber etablierter Finanzkonzern.

          „Lieber im schweren Koffer nach Hause“

          Wenn zwei Chinesen im Drogeriemarkt Rossmann mit einem Einkaufskorb bis oben hin gefüllt mit Zahnpasta-Tuben zu Kasse gehen, ist das die von Palmer erhoffte Idealwelt. Es müssen nicht nur teure Düfte, edler Schmuck, wuchtige Uhren oder technische Gimmicks westlicher Provenienz sein, die über Alipay abgerechnet werden. Die Touristen suchten nach Marken und Qualität, und das zu günstigen Preisen. Da bietet Alipay als einen Teil seines Services auch Gutscheine und Rabatte an.

          So vermutet Palmer hinter dem von ihm beobachteten exzessiven Einkauf eine Promotion. „Viele westliche Marken gibt es auch in China“, sagt er. „Doch kaufen die chinesischen Touristen die Produkte lieber im Ausland und schleppen schwere Koffer nach Hause.“ Es sei ein Einkaufserlebnis und günstiger noch dazu.

          Der Niederländer Palmer, seit Juli Europa-Chef, forciert die Partnerschaften mit Einzelhändlern, Restaurants und Hotels. Allein in Deutschland gibt es mehr als 3000 stationäre Händler, mit denen die Chinesen zusammenarbeiten; Tendenz stark steigend. Verhandlungen mit großen Einzelhandelsketten oder mit Kaufhäusern laufen. Die Zahl der Verkaufsstellen dürfte bald ein Mehrfaches sein.

          Sie stellen Paypal in den Schatten

          Alles, was die mehr als 700 Millionen Nutzer (2017 waren es noch 450 Millionen) in China nutzen können, soll ihnen auch im Ausland geboten werden. Die App versteht sich ebenso als größte „Lifestyle-Plattform“. Über Zahlungen, Bank-Services, Vermögensverwaltung, Kredite per Smartphone hinaus bietet sie diverse Zusatzleistungen, die von Rabatten und Gutscheinen bis zu Buchungen von Hotels und Taxis reichen, von Gesundheitstipps und dem Vereinbaren von Arztterminen bis hin zu Reiseführern mit Lotsenfunktionen zu Läden sowie Restaurants.

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