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Activision-Zukauf : Microsofts neue Gigantomanie

Microsoft hat gerade die größte Übernahme in seiner bisherigen Geschichte eingeleitet. Bild: Reuters

Der Softwarekonzern wagt seinen mit Abstand größten Zukauf. Das dürfte ihm erschweren, in der Debatte um die Macht von „Big Tech“ unter dem Radar zu bleiben – und hat mit dem Metaversum zu tun.

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          Die Macht der großen amerikanischen Technologiekonzerne ist in diesen Tagen Gegenstand vieler Debatten. Politiker und Regulierer setzen „Big Tech“ mit Kartellverfahren und Plänen für neue Gesetze unter Druck, sowohl in Europa als auch in den USA. Es scheint also nicht der beste Zeitpunkt für die Unternehmen, noch mehr Aufmerksamkeit auf ihre Größe zu lenken. Genau das tut nun aber Microsoft. Der Softwaregigant, dessen Börsenwert derzeit nur vom iPhone-Hersteller Apple übertroffen wird, hat jetzt die mit Abstand teuerste Übernahme seiner Geschichte angekündigt: Er will fast 69 Milliarden Dollar für den Videospielehersteller Activision Blizzard bezahlen.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Microsoft kann sich das leisten, der Nettogewinn des Unternehmens war im jüngsten Geschäftsjahr fast so hoch wie der Kaufpreis. Aber es ist ein gewagtes Manöver, mit dem Vorstandschef Satya Nadella zu kritischeren Blicken einlädt. Er riskiert, dass Microsoft in der Diskussion um die Macht der Branche mehr als bislang mit Facebook, Google, Amazon und Apple in einen Topf geworfen wird.

          Mit der Übernahme von Activision verstärkt sich Microsoft in einem riesigen Markt, der in der Pandemie weiter an Bedeutung gewonnen hat. Videospiele sind heute ein größeres Geschäft als Filme oder Musik. Immer mehr finanzstarke Unternehmen mischen mit, darunter Apple, Google und seit kurzem sogar Netflix. Microsoft gehört hier ebenso wie der japanische Sony-Konzern zu den Etablierten, mit seiner Xbox-Konsole und Spielen wie der „Halo“-Reihe. Activision bringt weitere zugkräftige Titel für eines der wichtigsten Projekte in Microsofts Spielesparte, einen Abonnementdienst nach dem Vorbild von Netflix. Der Zukauf hilft auch im Wachstumsmarkt für Smartphone-Spiele.

          Anker für das Metaversum

          So attraktiv das Geschäft ist: Es wirkte im Microsoft-Konzern oft wie ein Fremdkörper, auch unter Nadella, der seit 2014 an der Spitze steht. Er hat den Schwerpunkt auf Unternehmenssoftware gesetzt und vor allem „Cloud Computing“-Angebote wie die Azure-Plattform forciert. Er hat aber auch mit einigen Zukäufen signalisiert, die Spielesparte nicht vernachlässigen zu wollen. Die Übernahme von Activision ist nun sein bislang deutlichstes Bekenntnis zu dem Geschäft. Nadella gibt ihm über den reinen Verkauf von Spielen und Konsolen ein größeres strategisches Gewicht.

          Er sieht es als Anker für das sogenannte Metaversum, das in der Branche derzeit weithin als eines der wichtigsten Zukunftsthemen beschrieben wird. Damit sind virtuelle Räume gemeint, in denen die Grenzen zur realen Welt verschwimmen. Bislang ist das Metaversum eine eher vage Vision, es ist auch noch nicht klar, welche Geschäftschancen es bringen wird. Aber manche sehen darin die nächste Generation des Internets. Das lässt es womöglich gerade aus Microsofts Perspektive zwingend erscheinen, das Gebiet frühzeitig zu besetzen. Dem Konzern ist noch schmerzhaft in Erinnerung, wie er einst den Sprung in die Ära des mobilen Internets verpasst hat.

          Mit Activision holt sich Microsoft Herausforderungen ins Haus. Der Videospielehersteller zeigte zuletzt ungewohnte Schwächen, zum Beispiel mit einem neuen Titel seiner „Call of Duty“-Reihe, der vergleichsweise schlecht ankam. Er geriet auch wegen Vorwürfen unter Druck, bei ihm seien Diskriminierung und sexuelle Belästigung von weiblichen Mitarbeitern an der Tagesordnung. Er wurde deshalb sogar von einer Arbeitsbehörde verklagt. All das hat den Aktienkurs belastet, und auf Microsoft warten erhebliche Aufräumarbeiten. Womöglich sah Nadella aber auch genau hierin eine günstige Gelegenheit für den Zukauf. Opportunismus ist ihm nicht fremd. Vor einiger Zeit griff er auch nach der Smartphone-App TikTok, als sie wegen ihrer chinesischen Eigentümer in den USA unter politischen Druck geriet. Die Transaktion kam letztlich nicht zustande.

          Nadella hat es bislang geschafft, Microsoft aus der Debatte um die Macht von „Big Tech“ weitgehend herauszuhalten. Das ist bemerkenswert, schließlich galt der Konzern einst wegen der Marktdominanz von Produkten wie dem Betriebssystem Windows als Feindbild in der Branche und war in spektakuläre Kartellverfahren verwickelt. Er stand zwischenzeitlich zwar im Ruf, den Anschluss gegenüber Wettbewerbern wie Google und Apple verloren zu haben, hat aber in den vergangenen Jahren einen phänomenalen Wiederaufstieg hingelegt, auch mit Hilfe von Zukäufen wie dem Karrierenetzwerk Linkedin. Gelingt nun auch die spektakuläre Akquisition von Activision, wird es wohl schwieriger, unter dem Radar zu bleiben.

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