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Kommentar : Vorsicht, Computer lernen!

Ist man schon intelligent, wenn man Geige spielen kann? Bild: dpa

Künstliche Intelligenz ist noch nicht sehr weit. Doch Microsofts Nazi-Computer zeigt: Im Blick behalten sollte man die Computer trotzdem jetzt schon.

          3 Min.

          Es war ein beeindruckendes Video, das die Roboterentwickler von Boston Dynamics durchs Internet schickten: Ein Roboter namens „Atlas“ auf zwei Beinen, der Türen öffnen konnte und sich auch von harten Stößen nicht aus dem Gleichgewicht bringen ließ. Er konnte Kartons ins Regal stellen, und wenn hinterhältige Menschen sie ihm aus der Hand schlugen, hob „Atlas“ sie wieder auf.

          Doch bevor Atlas wirklich brauchbar ist, scheint noch viel Arbeit nötig zu sein. So viel, dass sogar geduldigste Eigentümer die Geduld verlieren. Googles Muttergesellschaft Alphabet hat sich extra gegründet, um ambitionierte, langfristig denkende Geschäfte zu finanzieren - doch seit vergangener Woche gehört das Roboterunternehmen nicht mehr dazu, mangels Umsatz-Aussicht wird es zum Verkauf gestellt.

          Das passt nicht zu den Ängsten und Hoffnungen, die sich um Roboter und künstliche Intelligenz ranken. Roboter könnten bald unser halbes Leben übernehmen, hört man. Tesla-Erfinder Elon Musk und Physiker Stephen Hawking warnen davor, dass Roboter irgendwann über die Menschheit herrschen könnten. Selbst optimistischere Zeitgenossen sorgen sich um ihre Arbeitsplätze. Doch offensichtlich ist die Roboter-Zukunft noch lange nicht da.

          Auf der Cebit entzückte der tanzende Roboter „Pepper“, er kann auch Tipps zum Kaffeekauf geben - von Intelligenz kann bei den Computern allerdings noch lange keine Rede sein. Auf dem Digitalfestival „South by Southwest“ hat ein japanischer Forscher einen Androiden gezeigt, der sein Doppelgänger sein soll. Tatsächlich führt er Gespräche. Aber bis der Android auch nur zwei Gesprächsminuten lang mit seinem Erschaffer verwechselbar bleibt, werden Jahre vergehen. Die künstliche Intelligenz ist derzeit eher künstlich als intelligent. Selbst die automatische Bilderkennung erkennt Katzen erst, nachdem sie Hunderte Katzenfotos gesehen hat. Menschen schaffen das viel schneller.

          „Autonom ist Ihr Auto, wenn es Sie an den Strand bringt“

          Bisher deutet wenig darauf hin, dass sich das bald ändern wird. Rundum intelligente Geräte werden noch lange brauchen. Bisher sind nicht mal Werkzeuge fertig, die einen einzelnen komplizierten Zweck erfüllen können. Mag der Computer nun auch Go-Spitzenspieler besiegen, das selbstfahrende Auto braucht noch Jahre bis zur Marktreife, und als autonom kann man es dann noch lange nicht bezeichnen - so sieht es zumindest der amerikanische Zukunftsforscher Jerry Kaplan. „Wirklich autonom ist Ihr Auto erst dann, wenn es beschließt, Sie nicht zur Arbeit zu bringen, sondern an den Strand.“

          Doch die Entwicklungszeit verlängert sich. Der technische Fortschritt verliert an Tempo. 40 Jahre lang galt „Moore’s Law“, die Feststellung des ehemaligen Intel-Chefs Gordon Moore, dass Computerchips ihre Komplexität alle zwei Jahre verdoppeln. Jetzt kommen die Chip-Entwickler nicht mehr hinterher.

          Ist also alles nur ein Hype? Muss man sich um künstliche Intelligenz keine Gedanken mehr machen? Das wäre die falsche Schlussfolgerung. In Deutschland hat gerade die Cebit gezeigt, wie auch die begrenzte künstliche Intelligenz ihren Weg in die Unternehmen findet. Arbeitsplätze werden verlorengehen. Im Jahr 1800 waren 80 Prozent der Deutschen mit der Produktion von Nahrungsmitteln beschäftigt. Heute sind dafür nicht mal mehr zwei Prozent der Deutschen nötig. So könnte es auch den heutigen Generationen gehen. Trotzdem ist die Massenarbeitslosigkeit ausgeblieben. Neue Berufe sind entstanden - nicht nur vor 200 Jahren, sondern bis heute.

          Verstehen Computer uns besser, als uns lieb ist?

          Doch Vorsicht, die künstliche Intelligenz sollte nicht erst zur Massenarbeitslosigkeit führen, bevor sie ernstgenommen wird. Schon heute tun Algorithmen Dinge, die eine Debatte brauchen. Die Erfahrungen, die Microsoft mit dem Twitter-Bot „Tay“ gesammelt hat, der in kürzester Zeit zum Rassisten wurde, sind ein Beispiel dafür. Amerikanische Film-Promoter wiederum konnten auf Facebook die Nutzer anhand ihres Verhaltens einschätzen: Wer sich benahm wie ein Weißer, bekam einen Filmtrailer angezeigt, der auf die weiße Kultur hin produziert war - wer sich wie ein Schwarzer benahm, sah den anderen Trailer. Die Empörung war groß. Ist das rassistisch? Oder ist es gut, wenn die Menschen nach Verhalten einsortiert werden anstatt nach Hautfarbe?

          Oder wenn es um Politik geht: Während der letzten Präsidentschaftswahlen geschah in der Google-Suche etwas Bemerkenswertes. Wer nach Präsident Barack Obama gesucht hatte und dann nach Iran oder nach der Krankenversicherung, der bekam hervorgehobene Suchergebnisse mit Obamas Ansicht zu diesem Thema. Für Obamas Konkurrenten Mitt Romney gab es das nicht. Google erklärte das Phänomen so: Mehr Leute suchten nach Obamas Ansicht zu Iran als nach Romneys. Also sei Obama automatisch in die Liste der Suchbegriffe aufgenommen worden, die auch später noch berücksichtigt werden - neben dem „iPhone“ oder „Sport“. Ist das in Ordnung?

          Computer sind dabei, die Welt zu verstehen. Gelegentlich erkennen sie menschliches Verhalten besser, als uns lieb ist. Manchmal kopieren oder erleichtern sie Verhalten, das uns selbst unheimlich ist. Es ist Zeit, die Computer im Blick zu behalten - nicht die künstliche Intelligenz der Zukunft, sondern die Computer der Gegenwart.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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