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Konkurrenz für Zentralbanken : Nichts ist so diskret wie Bargeld

EZB-Präsidentin Christine Lagarde muss das staatliche Monopol über das Geld verteidigen. Deshalb prüft sie einen digitalen Euro. Bild: dpa

Neue Technologien sind zwar einfach und bequem. Doch Geld ist Vertrauenssache – erst recht im digitalen Zeitalter.

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          Als Bar- oder Buchgeld, in Bits und Bytes: Geld ist Vertrauenssache – erst recht im digitalen Zeitalter. Seit längerem sorgen digitale Vermögenswerte privater Anbieter wie zum Beispiel die auf Computer-Rechnerkapazitäten beruhenden Bitcoin oder die vom Internetkonzern Facebook geplante Digitalwährung Libra für breites Aufsehen.

          Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seinen Libra-Plänen ist es zu verdanken, dass sich die Notenbanken mit digitalen Geldformen befassen müssen. Sie kämpfen um das staatliche Monopol über das Geld, das sie nicht an Facebook&Co. verlieren wollen. Geld dient als Zahlungsmittel, zur Wertaufbewahrung und zur Wertmessung. Wesentlich sind Zahlungsmittel und Wertaufbewahrung, also Sparen. Tauschmittel können auch Hosenknöpfe oder Kieselsteine sein, wenn sie Marktteilnehmer akzeptieren.

          Schnelle und günstige Überweisungssysteme

          Doch zur Wertaufbewahrung scheiden Hosenknöpfe oder Kieselsteine aus. Denn sie können auf Dauer keinen stabilen Gegenwert in Waren oder Dienstleistungen sichern. Der Bedarf an Hosenknöpfen und Kieselsteinen schwankt und damit ihr Tauschwert. Im Vergleich dazu ist das Geld einer vertrauenswürdigen Notenbank stabil. Das gilt auch für Gold, aber die schwierige Teilbarkeit in kleine Einheiten steht der Eignung als Tauschmittel entgegen.

          Ob der digitale Euro, den die Europäische Zentralbank (EZB) prüft, wirklich benötigt wird, hängt auch davon ab, wie schnell und verlässlich die neuen Überweisungssysteme arbeiten. Dem Verbraucher dürften schnelle und günstige Überweisungssysteme vorerst reichen. Dagegen rufen Banken und Industrie nach einem von Zentralbanken herausgegebenen Digitalgeld, um im Internet der Dinge (Industrie 4.0) die Wertschöpfungsketten mit automatisierten Zahlungssystemen effizient und rechtlich sicher gestalten zu können.

          Inzwischen beschäftigen sich neben der EZB fast alle wichtigen Notenbanken mit digitalem Geld, eine der ersten war die chinesische. Die Notenbanken betreten Neuland. Viele Fragen sind noch offen. Entscheidend ist der Vertrieb: Stellt die EZB den digitalen Euro direkt Unternehmen und Haushalten bereit, umgeht sie die Geschäftsbanken.

          Sie verlören dann Kundeneinlagen an die Zentralbank. In einer Finanzkrise wären Sparer versucht, ihre Bankguthaben in digitales Zentralbankgeld umzuschichten. Geschäftsbanken fiele eine wichtige Finanzierungsquelle weg. Wird das digitale Geld hingegen über die Geschäftsbanken bereitgestellt, schwinden Effizienzgewinne zum herkömmlichen Buchgeld. Neben neuen Vermögenswerten wie Bitcoin erhöhen die Finanz- und Zahlungsdienste großer Internetkonzerne wie Apple Pay und Google Pay den Druck.

          Auch die Geschäftsbanken müssen sich neuen Technologien öffnen. So prüfen Deutsche Bank und Commerzbank die Blockchain-Technologie, auf der Bitcoin beruhen. Damit könnten Handelskredite schnell und papierlos vergeben werden.

          Notenbanken im Vorteil

          Die etablierten Geldanbieter, also Zentral- und Geschäftsbanken, müssen sich vor den neuen Wettbewerbern keineswegs fürchten. Sie haben einen großen Vorsprung, vorausgesetzt, sie genießen das Vertrauen der Gesellschaft. Die Kurse von Bitcoin und anderen Kryptoanlagen schwanken stark, weil unklar ist, wie aus dem „Schürfen“, also den aufwendigen Computerberechnungen, ihr Wert entsteht. Das Misstrauen mindert die Eignung als Tauschmittel und zur Wertaufbewahrung.

          Keiner will eine Ware gegen ein Zahlungsmittel verkaufen, das in kurzer Zeit 20 bis 30 Prozent an Wert verlieren kann. Zwar gibt es im Internet stabilere Wertmünzen, sogenannte Token, die in Transaktionen schon genutzt werden. Doch deren Akzeptanz dürfte ebenfalls sinken, wenn es digitales Geld von Zentralbanken gibt.

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          Entscheidende Bedeutung hat der Datenschutz, gegen den der Internetkonzern Facebook öfter verstoßen hat. Zwar soll Libra auf Grundlage von Währungen und Staatsanleihen ein stabiles Instrument (Stablecoin) sein, aber der Datenschutz bleibt eine Schwäche.

          Das erklärt auch die Rückschläge: Prominente Mitglieder haben das Libra-Konsortium wieder verlassen, darunter Vodafone oder die Kartengesellschaften Mastercard und Visa. Das Interesse an Libra schwindet, weil nun auch klar ist, dass die Finanzaufseher keine Freiräume akzeptieren werden, erst recht nicht im Kampf gegen Geldwäsche. Das macht Libra teurer.

          Datenschutz und Wertaufbewahrung sprechen für das Geld der Zentralbanken. In Zukunft vielleicht digital, derzeit analog als Buch- und Bargeld. Wer mit Münzen und Scheinen zahlt, gibt kaum Daten preis. Die digitalen Technologien sind zwar einfach und bequem, aber nichts ist so diskret wie Bargeld. Für das Vertrauen in das Geldwesen müssen auch in Zukunft Münzen und Banknoten sorgen.

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