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Geplantes Deutschlandticket : Das digitale 49-Euro-Ticket überfordert den ÖPNV

Eine Regionalbahn fährt aus dem Hamburger Hauptbahnhof aus. Bild: dpa

Das Deutschlandticket startet holprig. Nun ist der 1. Mai als neuer Starttermin im Gespräch. Den Verkehrsunternehmen macht die mangelhafte Digitalisierung zu schaffen.

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          Das Deutschlandticket zum Preis von 49 Euro für den gesamten öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Deutschland wird kommen – allerdings später und mit einer umständlichen Übergangslösung für alle diejenigen, die es nicht über ein Smartphone kaufen können oder wollen. Starttermin wird nach dem derzeitigen Stand der Planung der 1. Mai. „Das schaffen wir“, heißt es aus dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), nachdem die Politik lange Zeit auf Anfang April gehofft hatte.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Aber die Umsetzung eines dauerhaften bundesweiten Tickets gestaltet sich aufwendiger als beim Vorgänger 9-Euro-Ticket, das im vergangenen Jahr innerhalb weniger Monate erstaunlich geräuschlos ausgerollt werden konnte. Das liegt auch an dem Anspruch, das neue Monatsticket ausschließlich digital anzubieten, um in Zukunft die Verkehrsströme besser steuern zu können. Inzwischen ist klar: Dazu sind etliche Verkehrsverbünde in Deutschland technisch gar nicht in der Lage. Deshalb werden voraussichtlich bis zum Jahresende Millionen von Übergangslösungen in Papierformat im Umlauf sein, vergleichbar mit der vorläufigen Bahncard. Die Kundendaten werden dann digital erfasst und vorübergehend mithilfe eines Papierausdrucks dokumentiert. „Wir wären sonst zu Beginn nicht in der Lage, allen Menschen, die ein Ticket wollen, eines zu verkaufen“, erläuterte VDV-Präsident Ingo Wortmann am Dienstag in Berlin.

          Schwierigkeiten macht nämlich die Einführung von Chipkarten, die in einigen Verkehrsverbünden bisher gar nicht angeboten werden. Sie sind Teil des Angebots für alle diejenigen, die kein Smartphone haben oder es zumindest nicht für den Kauf des neuen Monatstickets nutzen wollen. Einige Verkehrsverbünde müssen Chipkarten nun erst anschaffen, ebenso die elektronischen Lesegeräte, um die Tickets auch kontrollieren zu können.

          „Klimaschutzziele sind mit dem Deutschlandticket allein nicht zu erreichen“

          Von den Anfangsschwierigkeiten einmal abgesehen, setzen Politik und Verkehrsunternehmen große Hoffnungen auf das neue deutschlandweite monatliche Angebot, das mit 49 Euro im Monat deutlich unter den sonst üblichen Preisen in den meisten Verkehrsverbünden liegt. Derzeit sind sie häufig doppelt so teuer, vereinzelt haben sie auch den dreifachen Preis. Der VDV schätzt, dass angelockt von dem neuen Angebot rund 5,6 Millionen Menschen erstmals ein Abo für den Nahverkehr abschließen könnten. Zudem geht der Verband von etwa 11,3 Millionen „Umsteigern“ aus, die von einem anderen Abo in das neue Angebot wechseln werden. Das ist allerdings mit erheblichen Einnahmeeinbußen für die Verkehrsunternehmen verbunden, schließlich werde die „Zahlungsbereitschaft“ der Kunden nicht vollständig abgeschöpft. Das stößt beim VDV schon länger auf Kritik: Solche öffentlichen Dienstleistungen sollte der Staat nicht „verramschen“, kritisierte Wortmann.

          Doch diese Entscheidung hat die Politik nun getroffen, und man kann auf einige Erfolge im Zusammenhang mit dem 9-Euro-Ticket verweisen. Immerhin hat es dafür gesorgt, dass der ÖPNV seine Corona-Delle überwunden hat: Nachdem die Fahrgastzahlen während der Pandemie deutlich gesunken sind, erreichte die Nachfrage im vergangenen Jahr fast wieder den Rekordwert aus dem Jahr 2019: Während die Menschen damals 10,4 Milliarden Fahrten absolvierten, waren es im vergangenen Jahr VDV-Prognosen zufolge 9,3 Milliarden. 12 Prozent der Bundesbürger haben wegen der dreimonatigen Rabattaktion den Nahverkehr häufiger genutzt, ergab eine Auswertung des Verbandes. Fast 30 Prozent derjenigen, die wegen des Tickets erstmals mit dem ÖPNV gefahren sind, seien auch zwischen September und November regelmäßig Bus und Bahn gefahren. Das seien 1,8 Millionen Fahrgäste gewesen. Weitere 1,6 Millionen Menschen hätten den Nahverkehr danach zumindest häufiger genutzt. Allerdings: Einen nachhaltigen Effekt auf den Klimaschutz hatte auch diese breitenwirksame Aktion nicht. Nach dem Auslaufen des Tickets habe auch die Zahl der Autofahrten wieder zugenommen und sei wieder auf das alte Niveau zurückgekehrt.

          Gerade bei der Verlagerung des Verkehrs vom Pkw auf den ÖPNV bleibe also noch viel zu tun. Für den VDV war dieses Ergebnis jedoch durchaus im Bereich des Erwartbaren: Kaum jemand verändere dauerhaft sein Verhalten nach drei Monaten, betonte Wortmann. Sein Fazit aus den Erfahrungen mit dem verbilligten ÖPNV-Ticket: „Die Klimaschutzziele 2030 im Verkehr sind mit dem Deutschlandticket allein nicht zu erreichen.“ Wie schon bei früheren Gelegenheiten pocht der VDV auf die Umsetzung der ÖPNV-Ausbau- und Modernisierungsoffensive, die die Ampelregierung im Koalitionsvertrag vereinbart hat. Das bedeute konkret: höhere Taktung von Bussen und Bahn in der Stadt, zusätzliche Verbindungen auf dem Land.

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