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Digitale Versicherung : Bafin legt Start-ups Daumenschrauben an

Zur Start-up-Kultur gehören gesunde Snacks – so wie hier bei Wefox in Berlin-Neukölln. Bild: Matthias Lüdecke

Die Finanzaufsicht verlangt künftig von Gründern in der Versicherungsbranche mehr Kapital. Sie sollen bis zum Moment der Profitabilität durchfinanziert sein. Die Insurtechs bedauern einen Rückschlag für die Wagniskapitalkultur.

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          Das „Bafin-Journal“ ist keine Zeitschrift für die Freizeit. Monatlich informiert die Finanzaufsicht darin über Geldwäsche, Trends in der Autoversicherung oder riskante Derivate-Geschäfte. Manchmal setzt sie damit aber auch Recht, und das hat die Start-up-Szene in der Versicherungswirtschaft in Erstaunen versetzt. Denn in dem Journal formuliert ein Behördenmitarbeiter neue Eigenmittelanforderungen an künftige Insurtech-Gründer, damit „künftige Neugründungen schon zum Zulassungszeitpunkt mit mehr Eigenmitteln ausgestattet werden.“

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          „Das ist ein sehr hartes Statement“, sagt Thomas Broichhausen von der Anwaltskanzlei Linklaters. Ungewöhnlich hart und deutlich sei die Ansage an die Start-up-Szene. So weitreichende strukturelle Weichenstellungen sollte eigentlich der Gesetzgeber verantworten. Es sei gut zu verstehen, dass die Aufsicht Verbraucher vor einer Insolvenz neu gegründeter Versicherer schützen wolle, argumentiert sein Kollege Frederik Winter. „Die Bafin geht hier aber besonders restriktiv vor“, sagt er. „Die Position ist im Hinblick auf Kapitalrunden sehr weitgehend und zum Teil durchaus problematisch.“

          Unter diesen Voraussetzungen müsse er schon am Tag des Lizenzantrags bei der Bafin alle Kosten vorfinanziert haben, die anfallen, bis sein Unternehmen erstmals profitabel ist, beklagt sich ein Gründer, der aber nicht mit Namen zitiert werden will. Er wolle und könne aber nicht so weit im Voraus sagen, wann dieser Break-Even-Punkt erreicht sei.

          Wann ein Start-up profitabel sein wird, lässt sich schwer vorherbestimmen

          In vielen Fällen habe es sich auch als sinnvoll erwiesen, den Moment der Profitabilität nach hinten herauszuschieben, weil das Unternehmen gerade gute Wachstumsaussichten habe. Wagniskapitalgeber verteilen ihre Unterstützung ohnehin am liebsten auf mehrere Finanzierungsrunden, um zwischenzeitlich zu überprüfen, wie sich die Ursprungsidee weiter entwickelt hat.

          „Der Risikoappetit von Finanzmarktaufsehern und Start-up-Gründern unterscheidet sich sehr“, sagt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Versichererverbands GDV. Die Aufsichtsperspektive, den Verbraucher zu schützen, sei nachvollziehbar, Aber der Versuch einer allgemeinen Regelung, die nicht durch das Versicherungsaufsichtsgesetz gedeckt sei, erscheint dem Verband deutlich zu weitreichend. „Zudem widersprechen restriktive Vorgaben für Insurtechs den Bemühungen von Bundeswirtschafts- und -finanzministerium, mit verschiedenen Instrumenten die Wagniskapitalkultur in Deutschland zu fördern“, sagt er.

          In dem Journal-Beitrag begründet Bafin-Referent Filip Uzelac-Schüler den Schritt damit, dass Insurtechs bisweilen die Geschäftsentwicklung überschätzten und dann Nachfinanzierung nötig würden. Der Schutz eines Verbrauchers bei einem jungen Anbieter dürfe aber nicht geringer sein als bei einem etablierten Versicherer. Derzeit gibt es hierzulande rund ein halbes Dutzend in Deutschland lizenzierte Schaden-Unfallversicherer, einen Krankenversicherer und einige Akteure, die einen Geschäftssitz außerhalb Deutschlands haben.

          Bafin hält wegen unerwarteter Verluste in der Aufbauphase mehr Kapital für notwendig

          Das zusätzliche Kapital soll in Form eines Organisationsfonds und versicherungstechnischer Rückstellungen, der die künftigen Kosten für die Entwicklung der Informationstechnik abbildet, vorgehalten werden. „In Anbetracht der potentiell hohen erwarteten, aber insbesondere auch der unerwarteten Verluste in der Aufbauphase ist dies aus aufsichtsrechtlicher Sicht notwendig und angemessen“, schreibt Uzelac-Schüler in seinem Beitrag weiter.

          Vergleichsweise gelassen blickt Roman Rittweger auf den Vorgang. Der von ihm gegründete Krankenversicherer Ottonova ging im Jahr 2017 an den Markt. Die Gelassenheit liegt nicht so sehr am Thema, das er brisant findet, sondern an der eigenen Position des Unternehmens. „Wir sind inzwischen mit unserer Finanzierung durch die Start-up-Phase durch“, sagt er. „Aber so bekommen wir in Deutschland keine Innovationen hin.“ Seit der letzten Gründungswelle vor fünf bis sechs Jahren haben die digitalen Angreifer den Wettbewerbsdruck auf die etablierten Häuser erhöht und damit auch sie zu digitalen Neuerungen getrieben.

          „Start-ups planen stufenweise und sind nicht bis zum Break-Even durchfinanziert“, sagt Rittweger aus eigener Erfahrung. Ein Versicherungsbestand habe einen eigenen Wert, einige Start-ups hätten zudem einen Investor, der Lücken schließen könne. Und für Kranken- und Lebensversicherer gebe es dann noch die Auffangschirme Medikator und Protektor. Die meisten Insurtechs sind allerdings in der Schadensparte unterwegs. Rittweger plädiert für einen Mittelweg. „Sonst wäre der Vorschlag das Ende der Start-up-Kultur.“

          Der GDV kritisiert, dass Bedingungen für Gründer im laufenden Betrieb ohne Übergangszeit geändert werden. Zudem sei nicht erkennbar, warum andere Fintechs anders behandelt werden. „Wenn sie in gleichen Märkten unterwegs sind, müssen die Risiken gleich behandelt werden“, sagt Geschäftsführer Asmussen.

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