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Digitale Märkte : Europa verliert den Anschluss

  • -Aktualisiert am

Nokia hat Schwierigkeiten im Smartphone-Markt; generell haben die Europäer die Schlacht um die digitalen Märkte wohl verloren Bild: dpa

Europa hat die Schlacht um die digitalen Märkte des 21. Jahrhunderts verloren. Die Fertigung findet überwiegend in Asien statt, die Innovation in Amerika. Jüngstes Indiz der Misere: Die Geschichte von Nokia.

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          Wenn sich die Mobilfunkwelt in der kommenden Woche in Barcelona trifft, ist Europa um eine unangenehme Erkenntnis reicher: Außer dem Standort der Leitmesse ist Europa in der Schlüsseltechnologie Mobilfunk fast nichts vom früheren Glanz geblieben. Die Fertigung findet überwiegend in Asien statt und – was viel schlimmer ist – die Innovation an der Westküste Amerikas. Jüngstes Indiz der Misere: Der finnische Hersteller Nokia, der den Weltmarkt mehr als ein Jahrzehnt beherrscht hat, setzt unter Führung eines Kanadiers als letzte Rettung auf das System des amerikanischen Unternehmens Microsoft.

          Nokia hat sich zu lange nicht eingestehen wollen, keine konkurrenzfähige Software für die ansonsten guten Geräte entwickeln zu können. Sony Ericsson, der zweite noch verbliebene, zumindest zur Hälfte europäische Hersteller hat mit Software von Google immerhin einen Anteil von 2,6 Prozent am Weltmarkt retten können. Andere europäische Produzenten früherer Tage wie Siemens sind längst vom Markt verschwunden.

          Den Paradigmenwechsel nicht geschafft

          Verantwortlich für den Absturz ist ein Paradigmenwechsel, den die Europäer nicht geschafft haben: Entscheidend für den Erfolg in diesem Geschäft ist nicht die Hardware, sondern die Software. In dieser Disziplin hinkt Europa den Amerikanern inzwischen meilenweit hinterher. Pionier Apple hat mit seinem Betriebssystem für das iPhone den Standard gesetzt. Google hat es geschafft, in zwei Jahren sein ähnlich gutes System Android auf den Markt zu bringen und inzwischen sogar einen höheren Marktanteil als Apple zu besetzen, weil Hersteller aus aller Welt das kostenlose Google-System gerne in ihren Geräten einsetzen. Der weltgrößte Softwarekonzern Microsoft hat aber schon dreieinhalb Jahre gebraucht, um zumindest ein halbwegs konkurrenzfähiges Betriebssystem an den Start zu bringen. Europas Hersteller sind an dieser Aufgabe gescheitert: Nokia hat die Entwicklung eines modernen Betriebssystems auch mit Hilfe von Intel nicht geschafft, und Sony Ericsson hat es gar nicht erst versucht, sondern gleich auf Android gesetzt. Die Folge: Inzwischen werden beinahe alle Handy-Systeme in Amerika entwickelt. Europa ist auf Dauer wohl nicht einmal mehr Werkbank. Europa ist eigentlich nur noch Absatzmarkt für diese so wichtige Industrie des 21. Jahrhunderts.

          Daher kann Nokias Schritt nicht einmal als Befreiungsschlag bezeichnet werden, wie der Einbruch des Aktienkurses um 10 Prozent zeigt. Denn mit Nokia und Microsoft schließen sich zwei Verlierer zusammen: Hatten die beiden Unternehmen vor vier Jahren noch einen gemeinsamen Marktanteil im Smartphone-Markt von 75 Prozent, sind es jetzt nur noch 35 Prozent. Nokia ist weiterhin im freien Fall, während Microsoft den Schwund mit seinem neuen System Windows Phone 7 im vergangenen Quartal gerade einmal gestoppt hat. Die Vorteile der Zusammenarbeit liegen ebenfalls eindeutig auf der Seite von Microsoft. Der amerikanische Softwarekonzern kann nicht nur sein Betriebssystem auf mehr Geräten verteilen, sondern hat auch jetzt einen größeren Hebel für seine Suchmaschine Bing und sein mobiles Werbesystem. Nokia ist jetzt nur noch einer von vielen Herstellern von Smartphones mit dem Microsoft-System, das aber bisher nur 3,4 Prozent Marktanteil hat. Die vielen freien Entwickler, die bisher für die alte Nokia-Plattform programmiert haben, müssen sich neu orientieren. Ob sie Nokia treu bleiben, ist ungewiss. Das gilt auch für die recht treue Gemeinde der Nokia-Fans, die sich von diesem Schritt vor den Kopf gestoßen fühlen. Viele Analysten erwarten nun, dass Nokia in nicht allzu ferner Zukunft als einziger Ausweg die Übernahme durch Microsoft bleibt.

          Wieder wären die Europäer die Verlierer

          Die Umwälzung in der Mobilfunkindustrie geht aber noch weiter: Wenn Nokia der bevorzugte Partner von Microsoft ist, werden sich die anderen Hersteller wohl noch stärker Android zuwenden. Die neue Konstellation könnte noch komplizierter werden, wenn Pionier Apple die Spielregeln ein weiteres Mal ändert. Bisher hat Apple die Strategie verfolgt, mit nur einem einzigen Premiumgerät um die Gunst der Käufer zu werden. Das Kalkül ist aufgegangen: Mit einem Marktanteil von 3 Prozent am gesamten Handymarkt hat Apple etwa 50 Prozent der Gewinne erzielt. Die Kehrseite der Medaille: Apples Anteil am lukrativen Segment der Smartphones stagniert seit eineinhalb Jahren bei etwa 16 Prozent, während Google inzwischen 31 Prozent des Marktes erobert hat und weiter schnell wächst. Mit steigender Größe der Konkurrenz könnte Apples Attraktivität bei den wichtigen Softwareentwicklern schwinden, die mit ihren so genannten Apps das Betriebssystem erst richtig attraktiv machen. Auch der Verkauf von Inhalten wie Musik, Nachrichten und künftig vielleicht Filmen ist für Apple und die Inhaltepartner umso attraktiver, je größer die Reichweite der Geräte ist. Sollte Apple nun eine Billigversion seines iPhones auf den Markt bringen, könnte dies den ganzen Markt noch einmal durcheinander wirbeln.

          Und wieder wären die Europäer die Verlierer. Wie schon in der Internet-Industrie oder in der digitalen Medienwelt würde Europa im Konzert der Großen keine Rolle mehr spielen. Europa hat die Schlacht um die digitalen Märkte verloren.

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