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„Digitale Demenz“ : Analoge Ignoranz spielt mit den Ängsten der Menschen

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2. Computer gehören in die Schule und ins Kinderzimmer - mit einem vernünftigen Konzept

Wer die Schüler der Sekundarstufen I und II mit Computern ausstatten will, „würde die Schüler dümmer“ machen, klagt Spitzer. Südkorea ist sein abschreckendes Beispiel. Das Land, in dem der Begriff „digitale Demenz“ erstmals benutzt wurde und das uns in Sachen Durchdringung des Alltags mit Computern weit voraus ist. Doch in der aktuellen Pisa-Studie liegen die südkoreanischen Schüler klar vor den Deutschen, sowohl in Mathematik und Naturwissenschaften als auch im Leseverständnis. Dabei müsste Deutschland doch in den vergangen Jahren in allen Bildungsvergleichen Spitzenplätze einnehmen - denn die Pisa-Studie 2003 kam zu dem Ergebnis, dass hierzulande unter allen Industriestaaten der Computer am seltensten als Lerninstrument eingesetzt wird.

Richtig ist: Computer machen nicht per se dumm oder schlau, genauso wenig wie Fernseher, Zeitungen oder Bücher. Auch Literatur kann verdummen, und nicht jede Zeitschrift macht ihre Leser klüger. Es kommt auf den Inhalt und die Nutzung an - wie beim Computer. In der Schule muss deshalb unbedingt Medienkompetenz vermittelt werden. Schon wer einen Ausbildungsplatz sucht, wird es ohne solche Kenntnisse schwer haben. Was heißt das praktisch? Es geht eben nicht darum, den Kindern das „Googeln“ als vermeintlich schnelle und einfache Alternative zum Nachschlagen im Lexikon beizubringen, sondern ihnen die Funktionsweise einer Suchmaschine zu erklären. Spitzer bezweifelt, dass „Medienkompetenz überhaupt zu irgendetwas gut ist“. Wer dem folgt, will die Schüler dumm halten, damit sie nicht dumm werden. Er wird damit genau jene Entwicklung erzeugen, die er so lautstark kritisiert.

3. Die Welt wird komplexer - Computer helfen, sie zu verstehen

Die Vorstellung, man könne Kinder von Computern fernhalten, zeugt von erstaunlicher Weltfremdheit. Es geht nicht mehr um den Heimcomputer, der irgendwo im Arbeitszimmer steht. Heute besitzt jeder Bundesbürger im Schnitt zwei bis drei Computer: PC, Laptop, Net- oder Ultrabook, Spielkonsole, Tabletcomputer, Smartphone. Jedes Gerät hat ein Vielfaches der Rechenleistung der Computer von 1984 und meist einen mobilen Internetzugang. Elektronische Bücher werden auf E-Readern gelesen, Fotos entstehen digital und werden ins Netz geschickt. Immer mehr Großeltern machen Bildtelefonie via Skype, um den Nachwuchs auch zwischen Geburtstag und Weihnachten häufiger zu sehen.

Der Fernseher ist mit dem Internet verbunden. Über den hat Spitzer vor sieben Jahren übrigens ähnlich geurteilt wie heute über PCs: „Fernsehen macht dick, dumm, gewalttätig.“ Den Fernseher hat er damit nicht abgeschafft, und auch PCs werden mit der aktuellen Diskussion nicht verschwinden. Ob es einem nun gefällt oder nicht: Computer sind mit der Welt des 21. Jahrhunderts untrennbar verbunden und werden es auf absehbare Zeit bleiben. Sie öffnen uns neue Dimensionen der Kommunikation, bringen uns mit Menschen zusammen und helfen uns, die immer komplexere Welt besser zu verstehen. Analoge Ignoranz ist auch nicht besser als digitale Demenz.

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