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Von Streaming überholt : Die CD stirbt

Die Zukunft: Spotify-App auf einem Handy. Bild: dpa

Lange war sie beliebt, nun ist ihre Blütezeit vorbei: Die CD wird als umsatzstärkstes Musikmedium abgelöst. Denn: Die Musikbranche hat sich verändert.

          Der Berliner Rapper Capital Bra ist vorlaut, rüpelhaft und derzeit die größte Hoffnung der deutschen Musikindustrie. Denn er beherrscht das Geschäft wie kein anderer. Mit vier Single-Auskopplungen in kurzer Zeit ist er an die Spitze der deutschen Charts geklettert; das hat vor ihm noch keiner geschafft. Auf Spotify überspringen seine Lieder oft innerhalb von nur 24 Stunden die Abspiel-Marke von einer Million.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Während andere Rapper ihre Alben in teure Deluxe-Boxen packen, weil die Chartplatzierung nach Umsatz berechnet wird, fährt Capital Bra eine andere Strategie. Er nutzt die Aufmerksamkeit auf seinen Kanälen in den sozialen Medien für die Dauerbeschallung seiner Fans. Jeden Tag bittet er darum, dass sie seine Lieder in einer Wiederholungsschleife laufen lassen sollen auf Apple Music, Spotify oder der Videoplattform Youtube.

          Seine Bitten sind den Fans Befehl und der Rapper, der vor Kurzem noch auf kleinen Bühnen um Aufmerksamkeit buhlte, deckt sich nun mit Schmuck und Gucci-Kleidung ein. Auch das dokumentiert er täglich auf seinem Instagram-Profil.

          Musikstreaming schlägt CD

          Der Erfolg von Capital Bra zeigt, wie sich die Musiklandschaft verändert. Am Mittwoch hat der Bundesverband Musikindustrie mitgeteilt, dass in Deutschland zum ersten Mal mehr Umsatz mit Musikstreaming als mit der CD erzielt wurde.

          In Schweden, dem Mutterland von Spotify, war das schon vor fünf Jahren so, die Amerikaner zogen im Jahr 2015 nach – jetzt haben sich auch die Deutschen daran gewöhnt. Mit 47,8 Prozent Marktanteil liegt der Musikabruf aus der Cloud sogar deutlich vor der CD, die noch auf 34,4 Prozent des Umsatzes kommt. Während das Audio-Streaming um 35,2 Prozent zulegte, verlor die silberne Scheibe fast ein Viertel.

          Seit fast 30 Jahren war sie das beliebteste Kaufobjekt der Deutschen, nun ist ihre Zeit wohl vorbei. 1981 wurde sie auf der Berliner Funkausstellung vorgestellt, erfunden hatten sie zuvor der niederländische Konzern Philips und Sony aus Japan. Heute haben wenige Neuwagen noch einen CD-Spieler.

          Keine Schallplatten-Renaissance

          Auch die ältere Schwester der CD, die Schallplatte, deren Renaissance häufig beschworen wurde, ist höchstens noch ein Liebhaberobjekt. Sie bringt hierzulande weniger als 5 Prozent der Umsätze ein. Das Streaming verdrängt auch zunehmend die Downloads von Musik; sie verloren im Halbjahresvergleich mehr als 23 Prozent an Marktanteil.

          Wie sich dort die Verhältnisse verschieben, ist auch an Amazon zu beobachten. Der amerikanische Onlinehändler hatte lange auf Downloads gesetzt und seine Kunden zum Digitalen erzogen: Wer etwa eine CD kaufte, bekam die digitale Kopie umsonst dazu.

          Inzwischen investiert Amazon vor allem in das Streaming. Mit seinem Sprachassistenten „Echo“ will Amazon in möglichst viele Wohn- und Schlafzimmer vordringen; die Musik auf diesen Geräten wird auch gestreamt. Besonders beliebt sind bei Alexa und Co. jedoch nicht die Chartstürmer, sondern Klassiker wie Abba, Michael Jackson oder Queen.

          Youtube soll auch zahlen

          Was die Musikhörer in Zeiten von Smartphones und Bluetooth-Boxen offenbar kaum umtreibt, ist die Klangqualität, die beim Streaming mitunter schlechter ist als früher. Da schlägt der Komfort des Streamings das Hantieren mit physischen Tonträgern.

          So kommt das Wachstum für den Musikmarkt neben dem Audio-Streaming auch einzig durch das Video-Streaming: Es legte um 27,2 Prozent zu, macht mit 2,2 Prozent aber noch einen geringen Teil des Gesamtumsatzes aus. Insgesamt hat die deutsche Musikindustrie in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 727 Millionen Euro umgesetzt, 2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

          Plattformen wie Youtube will der Lobbyverband nun ins Blickfeld nehmen. Sie sollten stärker in die Verantwortung genommen werden. „Es muss endlich geregelt werden, dass sie am Markt Lizenzen erwerben müssen“, sagt Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie. Obwohl Youtube mit Werbung jede Menge Geld verdiene, zahle es nur einen Bruchteil dessen, was durch Spotify und andere Dienste eingenommen werde.

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