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Wird das Videoportal gelöscht? : So wiegelt Youtube die Kinder auf

Wie Artikel 13 letztlich aussehen wird, ist indes noch gar nicht klar. Nach der Abstimmung im Parlament hat der „Trilog“ mit der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten begonnen, die ihrerseits Vorschläge auf den Tisch gelegt haben. Dieser Trilog soll bis zum 13. Dezember abgeschlossen sein. Wenn ein gemeinsamer Vorschlag steht, werden darüber im Januar der Rechtsausschuss des Parlaments und im Februar das gesamte Europaparlament abstimmen. Auch die Mitgliedstaaten müssen ihre Zustimmung erteilen, damit die Richtlinie in Kraft treten kann. Und die Pläne stoßen nicht nur auf Youtube auf Ablehnung. Es finden sich viele Politiker, die einzelne Punkte der Reform des Urheberrechts ändern wollen.

„Die Jugendlichen werden missbraucht“

Youtube-Promis wie Luca verweisen deshalb auf eine Petition im Internet, die sich gegen Artikel 13 richtet. Fast zwei Millionen Menschen haben sich dem Aufruf „Stoppt die Zensurmaschine – Rettet das Internet!“ angeschlossen: Wenn die Parlamentarier nicht dagegen stimmen, heißt es dort, werde die Meinungsfreiheit eingeschränkt und die heutige Art der Kommunikation unmöglich gemacht.

Das ist harter Tobak. Der Europaabgeordnete Axel Voss hält die Vorwürfe für maßlos übertrieben. Der CDU-Politiker ist zuständiger Berichterstatter des Europäischen Parlamentes für die Reform des Urheberrechts und steht im Zentrum des Proteststurms. Unter den Zuschriften sind Beleidigungen und sogar Drohungen, neuerdings besonders oft von Jugendlichen, deren Alter Voss auf 13 bis 17 Jahre schätzt. „Die Jugendlichen denken, dass wir innerhalb Europas nur Mist machen“, sagt er. „Das ist keine Graswurzelbewegung. Die Jugendlichen werden missbraucht, um die Geschäftsinteressen der Plattform zu verteidigen.“

Zu den Verfechtern der Reform zählen die Konkurrenten von Youtube aus der Medienbranche, die sich von der derzeitigen Rechtslage benachteiligt fühlen. So klagt Claude Schmit, Geschäftsführer des Kinderfernsehsenders Super RTL: „Alles, was wir tun, wird streng kontrolliert, aber die können scheinbar machen, was sie wollen.“ Für Super RTL ist Youtube ein Konkurrent um Werbeeinnahmen und gleichzeitig ein Partner, auf dessen Portal der Privatsender auch Videos verbreitet. Dass Youtube selbst sich nicht als Veranstalter des Programms sieht und sich damit auch nicht für verantwortlich für die Urheberrechtsverletzungen fühlt, hält Schmit für eine Farce. „Ich sage denen, Freunde, das ist doch nicht euer Ernst“, sagt er. „Ihr habt Youtube Kids, das wird kuratiert, also seid ihr genauso Veranstalter wie wir.“

Die Diskussion mit all den halbgaren Interpretationen eines unfertigen Gesetzes droht aus dem Ruder zu laufen – und Youtube läuft Gefahr, als ein Konzern dazustehen, dem Urheberrechte herzlich egal sind. Dabei investiert der Konzern schon längst viel Geld in die Rechte der Urheber. Schon vor zehn Jahren führte er eine Technologie ein, mit der Rechteinhaber die Plattform danach durchforsten können, ob andere ihre Werke illegal nutzen. Mehr als 100 Millionen Dollar hat das gekostet. Außerdem rühmt sich die Youtube-Muttergesellschaft Google, schon mehr als drei Milliarden Dollar an Rechteinhaber ausgezahlt zu haben. Die Musikindustrie allein soll davon mehr als 1,8 Milliarden Dollar von Oktober 2017 bis September 2018 erhalten haben.

Wesentlich günstiger ist der Kampf gegen die geplante Verschärfung des Urheberrechts zu haben. Die Empörungswelle, die gerade durch Youtube schwappt, kostet den Konzern keinen Cent, im Gegenteil: Die Videos der Stars, die um ihre Zukunft bangen, liegen voll im Trend und werden hunderttausendfach angeklickt. Das wiederum bringt Werbeeinnahmen, an denen Youtube und die Videomacher kräftig verdienen. Mögen LeFloid, Rayfox, Luca und Rebekah Wing in ihren Clips noch so verzweifelt wirken, ihre Kanäle werden so schnell nicht verschwinden – und schon gar nicht wegen der EU.

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