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Technologie : Wo steht Europa in der Daten-Welt?

Kanzlerin Merkel am Dienstag auf dem Tech-Gipfel des Vodafone Institute in Berlin Bild: Kloubert

Auf einer Tech-Konferenz mit Kanzlerin Merkel in Berlin wird klar: Europas Industrie muss sich mehr trauen.

          Wo steht Europa? Sind die Unternehmen zu klein, die Regeln zu streng, die Menschen zu vorsichtig? Tom Enders zumindest sorgt sich. „Die Amerikaner sind experimentierfreudiger“, sagt der Vorstandsvorsitzende des Flugzeugherstellers Airbus. In einer Welt, in der sich Technologie so schnell weiterentwickelt wie derzeit, könne nicht jede Idee auf alle ihre möglichen Auswirkungen hin überprüft und moralisch abgewogen werden, bevor jemand sie ausprobiere. „Wir dürfen Innovationen nicht von Beginn an strangulieren.“ Der technische Fortschritt ist auch keine Wahlmöglichkeit, betont der deutsche Spitzenmanager während einer Tech-Konferenz des Vodafone Institutes in Berlin: „Big Data ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit.“

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Dann verdeutlicht er das an einem Beispiel aus dem von ihm geführten Konzern. „Bis vor nicht allzu langer Zeit haben wir allerdings 95 Prozent aller unserer Daten einfach weggeworfen.“ Den Großteil also all der Daten, welche die zigtausend Sensoren generieren, die in ein Airbusflugzeug eingebaut sind. Dann ist Airbus eine Partnerschaft eingegangen mit dem wohl geheimnisvollsten Unternehmen des Silicon Valleys, dem Softwarehersteller Palantir. Gemeinsam mit dessen Fachleuten hat Airbus die Plattform Skywise eingerichtet, auf der alle möglichen Daten rund um das Fliegen und die eingesetzten Flugzeuge gesammelt und ausgewertet werden. Noch in diesem Jahr werde die Zahl der Kunden auf mehr als 100 wachsen, sagt Enders voraus.

          Geschäftsmodelle nicht kopieren

          Fliegen werde dadurch effizienter und sicherer, weil Wartung, Reparaturen, Treibstoffverbräuche und vieles mehr besser vorhergesagt werden können. „Ich verstehe nicht, was ihr macht, aber ich sehe die Ergebnisse“, schmunzelt er in Richtung desjenigen, der das weiß: Alexander Karp. Er sitzt auf dem Podium neben Enders, ist der Chef von Palantir und hat die Softwareschmiede im Jahr 2004 gemeinsam mit dem deutschstämmige Investor Peter Thiel gegründet.

          Karp, der nach seinem Studium in den Vereinigten Staaten vorübergehend in Frankfurt lebte, um sich bei dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas zu promovieren, spricht zurückhaltend, ruhig. Vorstellen könne man sich das so, als würde jeder Sensor Daten in einer eigenen Sprache erschaffen. Die Palantir-Fachleute erdenken Software, die ermöglicht, sie sinnvoll zu aggregieren und zu kombinieren. Die Daten seien sozusagen der Treibstoff und die Software der Motor, erklärt er. Dafür wird die Palantir-Software geschätzt: Für ihre Fähigkeit, verschiedenste Daten zu verknüpfen und in gewaltigen Datenmengen für Menschen alleine nicht zu erkennende Muster zu identifizieren.

          Airbus-Chef Tom Enders (l) und Palantir-Chef Alexander Karp am Donnerstag auf dem Tech-Gipfel des Vodafone Institute

          Welche Geheimdienste alle zu den Kunden gezählt haben oder zählen, das verrät Karp naturgemäß nicht. „Wir arbeiten mit nahezu jeder westlichen Demokratie zusammen“, genauer wird er nicht. Dass auch Ermittler des Landes Hessen dazugehören, ist bekannt, die Partnerschaft mit Airbus und anderen namhaften Unternehmen ebenfalls. Wenn es um Europas Chancen in der Digitalisierung geht, ist er durchaus zuversichtlich. Sehr gut ausgebildete Menschen gebe es, „vielleicht die meisten kreativen Denker auf der Welt“. Aber eben auch zu wenige, die sich trauten, ein Unternehmen zu gründen. Da seien die Amerikaner häufig selbstbewusster, aggressiver – und besser darin, ein Geschäftsmodell zu erdenken, mit dem sie den Wettbewerb gewinnen. Er selbst bezeichnet sich gar als eigentlich „unwahrscheinliche Selektion“, um ein Unternehmen zu gründen.

          Europa solle nicht versuchen, die Geschäftsmodelle der großen amerikanischen und chinesischen Internetunternehmen zu kopieren, sagt wiederum der Vodafone-Vorstandsvorsitzende Nick Read. Vielmehr sollte der Staatenbund auf die Stärken gerade der Industrie setzen und „Fabriken in digitale Champions“ transformieren.

          Sind europäische Unternehmen zu klein?

          „Wir müssen unsere eigenen Antworten mit eigenen datengetriebenen Geschäftsmodellen finden“, betont Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Dafür brauche es „global verlässliche Rahmenbedingungen“, und eigentlich sei die Gruppe der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) der geeignete Ort, um entsprechende Regeln herauszuarbeiten. Allerdings sei das nicht realistisch momentan, weil die Ansichten über das Nutzen von Daten zu weit auseinanderlägen. Europa befinde sich „zwischen zwei Polen“, einerseits den Vereinigten Staaten, wo viele Daten in privater Hand liegen, und andererseits China, wo der „staatliche Zugriff auf Daten selbstverständlich“ sei.

          Merkel geht auch auf die seit dem vergangenen Jahr geltende Datenschutzgrundverordnung ein, für die es „außerhalb Europas mehr Lob gibt als innerhalb“. Der Ansatz sei richtig, allerdings müsse gerade in diesem Bereich schneller dazugelernt und wenn nötig nachgebessert werden. Zur Diskussion um ein neues Urheberrecht für Europas sagt die Kanzlerin: „Das Internet kann kein Raum sein, in dem geistiges Eigentum nicht geschützt wird.“ Sie hebt aber auch hervor, dass in dem gefundenen Kompromiss bestimmte Ausnahmen für Start-ups berücksichtigt worden seien und darauf weiterhin zu achten sei.

          Mit Blick auf die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Industrie wiederum zweifelt Merkel daran, dass einige Unternehmen groß genug sind, um auch langfristig im Wettstreit mit China und Amerika zu bestehen. Airbus-Chef Enders wird konkreter: Dass die EU-Kommission den avisierten Zusammenschluss von Siemens und Alstom untersagt hat, sei „verrückt“. Enders mahnt zudem, noch mehr zu tun für eine bessere Aus- und Weiterbildung. Airbus bilde Tausende Mitarbeiter fort, auch mit der Hilfe von Palantir. Zugleich müssten sich Arbeitgeber zusehends bewusst sein, dass immer mehr Menschen heute „nicht mehr eine lebenslange Anstellung suchen, sondern einen spannenden Job für zwei oder drei Jahre“ – auch das sei eine Facette des technischen Wandels.

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