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Künstliche Intelligenz : Wie Microsoft mit Chinas Militär kollaboriert

Microsoft ist natürlich auch in Peking mit einem Büro vertreten. Bild: Reuters

Soll ein amerikanischer Tech-Konzern gemeinsam mit chinesischen Wissenschaftlern schlaue Computer erforschen? Die Kritik daran ist groß.

          Kooperiert Microsoft mit Chinas Militär? Diesen Verdacht legen drei wissenschaftliche Aufsätze aus der Volksrepublik nahe. Geschrieben wurden sie im vergangenen Jahr zum einen von Wissenschaftlern, die für den amerikanischen Technologiekonzern tätig sind – und zum anderen von Wissenschaftlern, die an der Nationalen Universität für Verteidigungstechnologie forschen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Letztere ist in Changsha in der südlich-zentralen chinesischen Provinz Hunan beheimatet, in der Republikgründer Mao Tse-tung geboren wurde. Die Universität untersteht dem direkten Befehl der Zentralen Militärkommission, dem höchsten militärischen Führungsorgan der Volksrepublik.

          Thema aller Aufsätze ist das „maschinelle Leseverständnis“: in Zukunft sollen Computer sämtliche Informationen im Internet lesen können – und sie anschließend für den Menschen so klug zusammenfassen können, dass sich so zum Beispiel ein Arzt über ungewöhnliche Krankheitssymptome informieren kann.

          Allerdings könnte die Technologie laut Fachleuten auch für die Zensur von Gesprächen und Beiträgen im Internet eingesetzt werden. Genau dies ist das Ziel der zentralen Internetregulierungskommission, deren Vorsitzender Staatspräsident Xi Jinping ist. Dieser steht auch der Zentralen Militärkommission vor.

          Eine der besten Unis des Landes

          Dass Microsoft in China gemeinsam mit dem Militär forscht, hatte am Mittwoch zuerst die „Financial Times“ berichtet. Das Unternehmen aus Seattle hatte sein größtes Forschungszentrum außerhalb der Vereinigten Staaten 1998 in Peking errichtet.

          Im September des vergangenen Jahres kündigte der Konzern an, daneben auch in Schanghai einen zweiten Forschungsstandort in China zu eröffnen. Für Microsoft arbeiten in China 200 Wissenschaftler. Dazu kommen 300 Gastprofessoren und Studenten.

          Aus der Zusammenarbeit mit der chinesischen Militäruniversität hat Microsoft bisher kein Geheimnis gemacht. Der Name des Konzerns taucht auf den Titelseiten der Aufsätze direkt neben der Institution aus Changsha auf, an der rund 2000 Wissenschaftler arbeiten und die in China offiziell zu den vier besten Universitäten des Landes gezählt wird.

          Unter Xi „zunehmend problematisch“

          Mit dieser Unbekümmertheit dürfte es nun vorbei sein. Bereits im Januar des vergangenen Jahres hatte das amerikanische Verteidigungsministerium in seiner „nationalen Verteidigungsstrategie“ China neben Russland als größte Bedrohung für Amerika bezeichnet, das mit seinem autoritären Herrschaftsmodell überall auf der Welt die Interessen der Vereinigten Staaten bekämpfe. Im Oktober hatte Vizepräsident Mike Pence in einer feurigen Rede China als größten Feind des Landes dargestellt und sogar behauptet, Peking betreibe die Ablösung des Präsidenten Donald Trump.

          Eine führende Technische Hochschule Amerikas, das Massachusetts Institute of Technology, das zusammen mit der Harvard Universität in Cambridge an der Ostküste liegt, hatte vor einer Woche angekündigt, die Zusammenarbeit mit den chinesischen Netzwerkausrüstern Huawei und ZTE zu beenden. Besonders Huawei wird von den Vereinigten Staaten Spionage vorgeworfen; Washington versucht, befreundete Länder wie Deutschland zu überzeugen, den Anbieter aus Shenzhen vom Bau des neuen 5G-Funknetzes auszuschließen.

          Nachdem die Zusammenarbeit von Microsoft mit Chinas Militär bekannt geworden ist, gibt es nun viel Kritik an dem Internetkonzern. Bill Bishop, ein viel beachteter Kenner von China und dessen Technologieszene, schrieb in seinem Newsletter, Microsoft habe „Generationen von Technologen“ ausgebildet, von deren Arbeit „Volksbefreiungsarmee und Sicherheitsdienste“ Chinas profitierten. „Vielleicht war das in einer früheren Ära in Ordnung“, schreibt Bishop. In der „neuen Ära“ Xi Jinpings sei dies jedoch „zunehmend problematisch“.

          Seit dem Jahr 2007, rechnet die Denkfabrik Australian Strategic Policy Institute vor, habe die Volksbefreiungsarmee mehr als 2500 militärischen Wissenschaftlern und Ingenieuren ein Studium im Ausland finanziert. Und Beziehungen mit Forschern und akademischen Institutionen überall auf der Welt entwickelt.

          Microsoft teilte mit, dass seine Forschung überall auf der Welt dem „amerikanischen und lokalen Recht“ entspreche. In der Forschungsarbeit des Konzerns geht es auch um das Analysieren menschlicher Gesichter mithilfe Künstlicher Intelligenz.

          Auch dies ist eine Technologie, die sich Chinas Staat bei der Verfolgung von Regimegegnern zunutze macht. Alleine in der nordwestlichen Provinz Xinjiang, deren muslimische Bevölkerung von der Regierung immer stärker überwacht und in Umerziehungslagern schikaniert wird, werden die Bewegungen von Millionen Menschen mithilfe Künstlicher Intelligenz pausenlos verfolgt. Das belegt bekannt gewordenes Material aus staatlichen Datenbanken.

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