https://www.faz.net/-gqe-98p41

Technologie-Kommentar : Wie mächtig ist zu mächtig?

Auch hier liegen Daten: Serverzentrum von Google in Oklahoma Bild: dpa

Die Kritik an Facebook, Google, Amazon & Co. wächst. So leichtfertig, wie derzeit sogar über Aufspaltung geredet wird, geht es aber nicht.

          Klar, es gibt erst einmal keinen Grund für Regierungen und Behörden, Tech-Konzerne wie Google, Facebook und Amazon anders zu behandeln als Unternehmen aus anderen Branchen. Sie verdienen keine andere Behandlung bloß weil ihre Gründer und Lenker gerade unter jungen Menschen oft Heldenstatus genießen, freiheitliche Werte propagieren und überaus erfolgreiche Unternehmer sind. Das verlangen sie aber auch überhaupt nicht.

          Sie wollen, dass Politiker und Wettbewerbshüter dieselben Maßstäbe an sie anlegen wie an alle anderen. Dazu gehört: Wer ihnen zu große Marktmacht vorwirft oder mangelhaften Umgang mit Daten, oder zu geringe Steuern zu zahlen, muss auch sagen, wie er darauf kommt und was er konkret meint. Das gilt für den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, wenn er in nie dagewesener Weise den amerikanischen Onlinehändler Amazon angeht – was ist das eigentlich für ein Vorwurf in einer Marktwirtschaft, Konkurrenten aus dem Markt zu drängen? Und wer erhebt denn Steuern und macht Steuergesetze und lässt womöglich zu, dass sich die Steuerlast durch bestimmte Paragraphen so stark variieren (also verringern) lässt?

          Das gilt auch für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der nun in einem Interview darüber nachdenkt, ob Google und Facebook zu groß sind (oder es erst noch werden), um regiert werden zu können. Ja, er legt diese Gedanken anderen in den Mund, stellt sie faktisch aber eben doch selbst an. Was ist das denn für eine Situation, in der ein Unternehmen nicht regiert werden kann? Vermutlich gibt es dafür viele Vorstellungen und Haltungen – inklusive der, dass das vielleicht gar nicht so schlecht ist angesichts mancher Regierungsleistung.

          Viele neue Arbeitsplätze

          Klar sind der Umgang mit Daten und der Schutz derselben ein großes Thema. Weil es immer mehr Daten über jeden einzelnen geben wird, was große Chancen eröffnet (Stichwort Künstliche Intelligenz) und immense Risiken des Missbrauchs birgt. Und, da hat Macron recht, es ist wirklich eine „brandneue“ Situation; global präsente Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon und Apple gab es so wirklich nie zuvor. Die EU hat in punkto Datenschutz übrigens schon reagiert: Im Mai tritt die neuen Datenschutzgrundverordung (DSGVO) in Kraft – wäre es nicht ratsam, erst einmal abzuwarten, wie sie wirkt, bevor neue Regeln auf den Weg gebracht werden?

          Unbestritten ist auch, dass die großen Tech-Konzerne viele traditionelle Branchen aufwirbeln. Das ist in dieser Art und Weise eine neue Herausforderung, für die einzelne Länder wie Länderbünde einen Modus finden müssen. Übrigens, auch das wenig verwunderlich, gerade auch weil viele der betroffenen Unternehmen, Dienste und Erfindungen, um die es nun geht, sehr jung sind – und eben jetzt erst langsam sichtbar wird, wie sich all das auswirkt und warum. Der leitende Salesforce-Informatiker Vala Afshar hat gerade eine Liste zusammengestellt, was es erst seit dem Jahr 2003 gibt, dazu zählen: Facebook, Twitter,  iPhone und iPad,  Android,  Youtube, Airbnb, die Blockchain, Instagram, Snapchat und WhatsApp. Wenn Kartellwächter auf diesem Feld schon jahrzehntelange Erfahrung hätten, wer weiß, vielleicht hätten sie gegen die Milliarden-Übernahme von WhatsApp durch Facebook wirklich Bedenken angemeldet, oder gegen den Instagram-Kauf.

          Es ist auch nicht so, dass sich die Tech-Unternehmer per se gegen neue Gesetze wehren und alles verdammen würden, was mit Regulierung zu tun hat. Allzu leichtfertig macht derzeit allerdings dann irgendwie doch die Idee die Runde, Google, Facebook und Co. könnten oder sollten doch aufgespalten werden. Das wäre schon ein sehr starker Eingriff, die extremste staatliche Einmischung in den Wettbewerb überhaupt. Wer darüber nachdenkt, muss sehr starke Argumente haben und sie auch vor Gericht vorbringen können. Dazu zählt zum Beispiel, einen spürbaren Schaden nachzuweisen gerade für die Verbraucher. Klassischerweise sind das (zu) hohe Preise. Was aber ist das im Falle von Diensten, die ihre Nutzer kein Geld kosten, sondern Daten? An dieser Stelle geht dann auch der immer wieder vorgebrachte Vergleich mit John D. Rockefellers Öl-Imperium fehl.

          Und nachzuweisen wäre außerdem, dass wirklich zu wenig Wettbewerb herrscht auf den entsprechenden Technologie-Märkten. Wer die verbale Ohrfeige des Apple-Vorstandsvorsitzenden Tim Cook an Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hört oder das zunehmende Kräftemessen zwischen Amazon und Google darüber, wer den besten digitalen Assistenten anbietet, oder Apples neues Bildungs-iPad betrachtet, findet aktuell drei Beispiele für durchaus lebhafte Konkurrenz.

          Und schließlich: Ja, der Erfolg der großen Tech-Konzerne vernichtet Arbeitsplätze in anderen Branchen und auch Börsenwert für die Anteilseigner ebenjener Unternehmen. Auf der anderen Seite sind indes Zigtausende neue Stellen entstanden und eine Milliarden-Marktkapitalisierung, die sich in den Pensionsplänen vieler Amerikaner durchaus bemerkbar macht. Auch das sollte in der Diskussion nicht so einfach unter den Teppich gekehrt werden, wie das gerade offenbar geschieht.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.

          Nach Contes Rücktritt : Linke Regierung in Rom möglich

          Die Sozialdemokraten und die Fünf-Sterne-Bewegung erwägen eine gemeinsame Regierungsarbeit – unter fünf Bedingungen. Staatspräsident Mattarella hat für Dienstag die nächsten Konsultationen angesetzt.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.