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Neue Faktenprüfer : Wie Facebook sich auf den Europawahlkampf vorbereitet

Vor den Wahlen zum europäischen Parlament weitet Facebook im Kampf gegen Fake News sein Faktenprüferprogramm in Deutschland aus. Bild: AFP

Ob in den Wahlkämpfen in Amerika oder in Brasilien, beim Brexit oder den „Gelbwesten“ – immer wieder gab es Vorwürfe, dass Facebook Falschnachrichten nicht schnell genug bekämpfte. Im Europawahlkampf soll das anders werden.

          Ende Mai wählen die Europäer das Europaparlament. Manche sehen darin eine Schicksalswahl für die EU. Doch die Wahl wird noch in einer anderen Hinsicht richtungsweisend: Ist die EU in der Lage, den Wahlkampf vor Falschnachrichten und ausländischer Einflussnahme zu schützen? Schließlich kann inzwischen niemand mehr behaupten, von Versuchen, die öffentliche Stimmung zu beeinflussen, überrascht zu werden.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das gilt auch für Facebook, den Digitalkonzern, der mit seinen Plattformen Facebook, Whatsapp und Instagram im Zentrum vieler Kontroversen steht. Deshalb scheint das Unternehmen denen nun zuvorkommen zu wollen, die mit Trollfarmen und Fake Accounts versuchen, die Wahlen zu beeinflussen. Oder zumindest versucht die Facebook-Managerin Tessa Lyons bei einem Treffen mit Journalisten am Montag in Berlin diesen Eindruck zu erwecken. Sie wird als „Head of Newsfeed Integrity“ vorgestellt. Sie ist also, so könnte man das übersetzen, für die Richtigkeit dessen zuständig, was die Nutzer auf Facebook sehen.

          Presseagenturen als Faktenprüfer

          Auf dem Treffen teilt sie beispielsweise mit, dass die Deutsche Presse-Agentur von nun von Facebook als Faktenprüfer geführt wird. Die dpa ist nach dem Journalismus-Projekt Correctiv die zweite Organisation in Deutschland, die in Kooperation mit Facebook Nachrichten auf ihre Richtigkeit überprüft. International zählt das Programm 43 Organisationen, darunter die Presseagentur Associated Press und AFP. Die Organisationen werden bezahlt, den Betrag geben die Partner aber nicht bekannt.

          Tessa Lyons, „Head of Newsfeed Integrity“ des Facebook-Konzerns

          Die dpa will nicht viel sagen zu der Kooperation. Der Sprecher sagt weder, von wem die Initiative für die Kooperation ausging, noch wie viele Behauptungen sie überprüfen werden, nur dass sich dpa zu keiner bestimmten Anzahl verpflichtet hat. Zudem will die dpa für die Faktenüberprüfungen keine weiteren Leute anstellen: „Das macht das bestehende Team“, sagt der Sprecher.

          Correctiv war lange Deutschlands einziger Facebook-Faktenprüfer. Das Journalismus-Projekt betont, dass man die Fakten nicht für Facebook prüfe, sondern Faktenchecks mache, „wenn wir meinen, die zu prüfenden Behauptungen haben eine gewisse Relevanz für die Gesellschaft“, so ein Sprecher gegenüber FAZ.NET. Die Ergebnisse dieser Überprüfung würden sie dann auf Facebook veröffentlichen und „dort mit Falschbehauptungen oder gezielter Desinformation“ verknüpfen, erläutert der Sprecher. Vier Angestellte seien im Kernteam, dazu kämen einige Freiwillige, die sie für die Europawahl ausbilden würden. Er schätze, dass sie bisher einige Hundert Behauptungen überprüft hätten. Wenn sich eine dieser geprüften Aussagen als falsch herausgestellt hat, würde die danach um durchschnittlich 80 Prozent weniger verbreitet, gibt Facebook an.

          Facebook macht Fortschritte

          Das Programm ist nicht unumstritten. Im Dezember gab es eine Kontroverse, als die Faktenüberprüfungs-Webseite Snopes die Kooperation mit Facebook aufkündigte. Der Vorwurf stand im Raum, Facebook betreibe das Programm nur, um darauf bei negativer Berichterstattung verweisen zu können. Facebook wies die Anschuldigungen zurück und führt stattdessen einige Studien an, die nahelegen, dass die Verbreitung falscher Nachrichten zwischen der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 und den Kongresswahlen 2018 deutlich zurückgegangen ist. Allerdings gab es während der Präsidentschaftswahl in Brasilien abermals Berichte über eine starke Verbreitung von Falschnachrichten. Das gleiche gilt für die Bewegung der „Gelbwesten“ in Frankreich. Dort sollen Falschnachrichten laut einem Bericht der Organisation Avaaz allein auf Facebook mehr als 105 Millionen Mal angesehen worden sein.

          Doch auch der Correctiv-Sprecher attestiert dem Digitalkonzern Fortschritte und zeigt sich zufrieden mit der Kooperation: „Mein Eindruck ist, dass Facebook sich bemüht, das Problem einzugrenzen und aus Fehlern zu lernen.“ Das passiere zwar nicht immer so schnell, wie sie sich das wünschten. Aber man bewege sich in die richtige Richtung.

          Tessa Lyons, die Facebook-Managerin, die sich um den Newsfeed kümmert, sieht das ähnlich. Das Unternehmen habe in den vergangenen zwei Jahren große Fortschritte gemacht beim Schutz von Wahlen und im Kampf gegen Fake News. Innerhalb von drei Monaten habe man 750 Millionen Fake-Konten gelöscht, 99 Prozent davon ohne dass Facebook benachrichtigt worden sei, und die allermeisten, bevor sie überhaupt online gingen. Die Zahl der Angestellten, die sich mit „Safety and Security“ beschäftigen, habe sich zudem fast verdreifacht. Bis Ende dieses Jahres soll die Zahl auf 30.000 steigen.

          Datenbank für politische Werbung

          Wie viele Angestellte sich direkt mit dem Europa-Wahlkampf beschäftigen, will sie auf Nachfrage nicht angeben. Die Programmierer, die Facebook generell weniger anfällig für Falschnachrichten machten, ließen sich ja nicht einfach dem Team zurechnen, das sich um den Europa-Wahlkampf kümmere. Immer, wenn in einem Land Wahlen stattfänden, würde Facebook aber ein eigenes lokales Team zusammenstellen, das sich nur mit den dortigen Wahlen beschäftige. Das für die Europawahl sitze in Dublin, wo Facebook seinen Europasitz hat. Das gleiche gälte für die Wahlen in Indien.

          Als weitere Maßnahme schaltet der Digitalkonzern Ende März seine Datenbank für politische Werbung auch in Europa frei. Das hat er schon Ende Januar angekündigt. Dort können Nutzer einsehen, wer hinter politischen Anzeigen steht, wie viel Geld die Werbenden ausgeben und an welche Bevölkerungsgruppe sich die Anzeige richtet.

          Während sich die Falschnachrichten in Amerika vor allem auf Facebook verbreiteten, gab es in Indien eher Probleme mit Whatsapp, wo Nutzer Nachrichten an ihre Freunde weiterverbreiteten, ohne dass jemand außer den Nutzern das mitgekriegt hätte – auch Facebook nicht, weil Whatsapp Ende-zu-Ende verschlüsselt ist. Seitdem könnten Nutzer Nachrichten nur noch fünfmal weiterleiten, die zudem als weitergeleitete Nachrichten markiert würden, sagt Lyons. Faktenprüfer seien auch auf Whatsapp aktiv, allerdings erst, wenn Nutzer Behauptungen infrage stellen und sich meldeten. Das sei halt so mit der Verschlüsselung, meint Lyons. Allerdings würden sie die verschiedenen Konten der Nutzer auf den Plattformen Facebook, Instagram und Whatsapp ja verknüpfen. Wenn ein Nutzer oder eine Seite auf einer Plattform viele Falschnachrichten verbreite, dann wirke sich das auch auf die Reichweite auf den anderen Plattformen aus.

          Gegen Ende des Gesprächs kommt Tessa Lyons noch auf den Terroranschlag in Christchurch in Neuseeland zu sprechen. Der mutmaßliche Terrorist hatte eine Kamera getragen und die Attacke live auf Facebook veröffentlicht. Sie fragt sich, ob das Unternehmen schnell genug reagiert habe. Das Video habe sich schnell verbreitet, sei immer wieder hochgeladen worden, mehr als anderthalb Millionen Mal hätten sie es aber geblockt, bevor es veröffentlicht worden sei. Ob das gut oder schlecht sei, könne sie nicht sagen.

          Allerdings habe es in diesem Fall erstaunlich wenig Falschnachrichten und Gerüchte gegeben. Bei anderen Anschlägen und Attentaten seien das mehr gewesen. Lyons spekuliert, dass das daran liegen könne, dass die Motivation des Täters klar gewesen sei. Da hätten sich keine Gerüchte verbreiten können.

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