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Schlaue Stromspeicher : Wie ein deutsches Start-Up Elon Musk deklassierte

Adelaide von oben: So viele Batterien haben die deutschen Tüftler schon in der Region aufgestellt. Bild: Sonnen

In Südaustralien startet ein riesiges Projekt zur Erprobung intelligenter Stromspeicher. Ganz vorne mit dabei: Ein Unternehmen aus dem Allgäu.

          Die Vorbereitungen für das Roden des Hambacher Forstes laufen auf Hochtouren, damit der Energiekonzern RWE den Abbau von Braunkohle für die Verstromung ausweiten kann. Derweil setzt die Regierung von South Australia einen neuen Meilenstein für den Ausbau regenerativer Energien – und das mit Hilfe des Unternehmen Sonnen aus dem Allgäu, das zugleich Tesla-Gründer Elon Musk deklassiert hat.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Die Regierung des südlichsten Bundesstaates des australischen Kontinents hat den Aufbau der größten virtuellen Batterie für regenerativen Strom aus Sonne beschlossen. Die Allgäuer sind für kurze Zeit Partner und profitieren vom Förderprogramm. Am Montagabend teilte die Regierung in der Hauptstadt Adelaide mit, in den nächsten vier Jahren 40.000 Haushalte mit intelligenten Stromspeichern auszurüsten, die Strom aus Photovoltaikanlagen aufnehmen.

          Diese Batterien werden durch entsprechende Software miteinander vernetzt, womit ein riesiges virtuelles Kraftwerk entsteht. Es soll eine Leistung von rund 150 Megawatt bereitstellen können, was einem kleinen Gaskraftwerk entspricht. Die Fördermittel betragen 100 Millionen australische Dollar (umgerechnet 60 Millionen Euro). Bis zu 6000 Dollar kann ein Haushalt erhalten. Die virtuellen Energiespeicher sind teurer und können bei größeren Speicherkapazitäten mehr als 10000 Dollar kosten.

          Das Allgäuer Unternehmen Sonnen ist Teil des Projekts in Südaustralien.

          Für das 2010 gegründete Unternehmen Sonnen aus Wildpoldsried, oft noch als Start-Up betitelt, zeichnet sich wegen der Dimensionen und womöglich auch wegen des Signalcharakters des Projektes auf dem Kontinent eine Zäsur ab. Es ist als einziger Batteriehersteller Partner des Programms. In den ersten neun Wochen, beginnend im Oktober, werden nur Speicher der Marke Sonnen gefördert. Erst danach wird der Markt für Wettbewerber geöffnet – wenn es diese gibt.

          Elon Musk, Gründer und Vorstandschef des Elektroauto-Herstellers Tesla, ist erst einmal auf Distanz gehalten. Er hegt zwar Pläne, 50.000 Haushalte über Stromspeicher zu vernetzen, ist damit noch nicht so fortgeschritten, um von Anbeginn in das Förderprogramm aufgenommen zu werden. Dabei ist Musk in South Australia bestens bekannt. Er hatte nämlich dort 2017 das größte Batteriesystem der Welt mit einer Gesamtleistung von 129 Megawatt in Betrieb genommen, das an ein Windkraftwerk angeschlossen worden ist. Mit LG arbeiten auch die Koreaner an einer Netzwerktechnologie.

          Sonnen hat somit zumindest einen zeitlichen Vorsprung von neun Wochen. Voraussetzung für die Förderung ist der Aufbau einer lokalen Fertigung. Die wird Anfang Oktober in Adelaide auf dem ehemaligen Werksgelände des von General Motors geschlossenen Autoherstellers Holden eröffnen. Insgesamt sollen einmal 450 Mitarbeiter beschäftigt werden; gegenwärtig beträgt die Gesamtbelegschaft von Sonnen mitsamt einer Produktion in Atlanta in den Vereinigten Staaten 500 Beschäftigte. In Adelaide werden jährlich 10000 Batterien hergestellt.

          Australisches Projekt könnte Signalwirkung haben

          Die Dimension des australischen Projektes zeigt sich auch an einer anderen Zahl: In Deutschland sind bisher nur rund 30.000 Haushalte mit einer virtuellen Sonnen-Batterie vernetzt. Würde das Unternehmen alle 40.000 Anschlüsse in Südaustralien installieren, käme ein Umsatzvolumen von umgerechnet 150 bis 200 Millionen Euro über die vier Jahre zusammen. Im vergangenen Jahr erreichte der Gesamtumsatz 65 Millionen Euro, wobei wegen der Anlaufkosten ein Verlust vor Steuern von 26 Millionen Euro entstanden.

          Über Investitionen macht das Unternehmen keine Angaben. Im Vorfeld eines absehbaren Großgeschäftes haben die Allgäuer in einer weiteren Finanzierungsrunde 60 Millionen Euro eingesammelt. Neu im Kreis der Investoren ist der britisch-niederländische Ölkonzern Shell, der sich zu drei Venture-Capital-Fonds, General Electric aus Amerika, Windradbauer Envision aus China sowie dem Energieversorger CEZ aus Tschechien gesellt hat. Das australische Projekt könnte für den Kontinent, ebenso aber für Wachstumsmärkte in Europa (Italien, Deutschland), Amerika und Asien Signalwirkung haben.

          Eine weitere Bedingung der Regierung ist es gewesen, dass jeder Stromspeicher Teil des virtuellen Kraftwerks, also vernetzt sein muss. Der hohe Strompreis ist im südlichsten Bundesstaat zum Politikum geworden. Dieser kann durch die stärkere Nutzung der Energie aus Sonne und Wind gesenkt werden. Zudem amortisiert sich die Installation einer Photovoltaikanlage schneller.

          Stromnetz gleicht Schwankungen aus

          Mit der Teilnahme am Stromhandel wird nämlich gespeicherte Energie in Spitzenlastzeiten zu höheren Preisen abgegeben. „In Südaustralien findet die Umstellung auf erneuerbare Energien gerade im Zeitraffer statt“, sagt Sonnen-Vorstandsvorsitzender Christoph Ostermann. „Da die Entwicklung vor allem von Privathaushalten getragen wird, steigt die Nachfrage nach Stromspeichern für den Eigenverbrauch rasant.“

          Wichtig ist ebenso die Versorgungssicherheit. Spitzen im Verbrauch können durch Abgabe von Batteriestrom ausgeglichen, zu viel produzierte Mengen gespeichert werden. Das entlastet die Stromnetze und gewährleistet Stabilität. Die Schwankungen von wetterabhängigem Wind- und Sonnenstrom können durch das virtuelle Großkraftwerk aufgefangen werden.

          Es kann wesentlicher Bestandteil für eine künftige Grundlastversorgung aus regenerativen Energien werden. Südaustralien hat den dreckigen Kohlestrom verbannt und setzt bei konventionellen Energien nur noch auf das sauberere Gas. Anfang des Jahres wurde das letzte Kohlekraftwerk vom Netz genommen.

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