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Geschichte des Wissensdursts : Wie die Neugier die Welt erobert

Gesichtserkennung auf einer Messe in Schenzhen, China Bild: Reuters

Neugier ist der Treiber von Wachstum und Wohlstand: Ohne sie hätten wir weder Wissenschaft noch Technik. Doch dank Big Data kennt sie keine Grenzen – wie können wir uns davor schützen?

          Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an diesem Sonntagmorgen allein im Café. Ein Fremder tritt an Ihren Tisch, macht ein Foto von Ihnen – und spricht Sie daraufhin mit vollem Namen an. Sollen Sie sich freuen oder gruseln?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sogenannte Gesichtserkennungs-Software hat ihren Siegeszug längst angetreten. Die App „Findface“, produziert von russischen Softwareentwicklern, benötigt nur ein einziges Foto von jemandem, um ihn dann im Internet wiederzufinden. Die „New York Times“ hat den Amazon-Dienst „Rekognition“ jüngst verwendet, um die Hochzeitsgäste von Meghan Markle und Prinz Harry zu identifizieren.

          Google ist voll von solch verführerischen Angeboten. Hier ein Zufallsfund: „Gesichtserkennung auf Freeware.de: Mit dieser Top Software schnell & einfach Gesichter erkennen, scannen und analysieren. Jetzt kostenlos herunterladen!“

          Jeden Tag verarbeitet Google 3,5 Millionen Suchanfragen. Gegoogelt wird buchstäblich alles: Lebensläufe, Krankheiten, sexuelle Vorlieben, Tatpläne. Auch diese Information über das Googeln lässt sich googeln. Künstliche Intelligenz (KI) macht es möglich, dass wir Gesichter auf Fotos nicht nur zutreffend identifizieren, sondern unserer Neugier freien Lauf lassen können: Daten aus sozialen Netzwerken, Partnersuche-Apps oder dem persönlichen Kalender geben ein differenziertes Bild eines Menschen, den wir erst Sekunden vorher zum ersten Mal getroffen haben. Wir lernen seine Eltern und Geschwister kennen, seine erste Freundin, seine spätere Ehe- und heutige Ex-Frau oder seinen Boss aus der Firma, ein Ekel. Nie hatte es die Neugier so einfach wie heute.

          Big Data befriedigt die Neugier

          Wer neugierig ist, gilt als empathisch, wissensdurstig, lernfähig, der Welt und den Menschen zugewandt. Wer sich interessiert, will Anteil nehmen. Fragt man Journalisten, warum sie gerade diesen Beruf ergriffen haben oder welche Tugend in ihrem Beruf besonders gefordert sei, werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit die Neugierde nennen. Fragt man den Software-Ingenieur oder den theoretischen Physiker, könnte er ähnlich antworten.

          Noch Ende des 20. Jahrhunderts, so erzählt man im Berner Oberland, habe ein Kind seine Mutter gefragt, ob jenseits des nächsten Tobels wohl auch Menschen lebten. Darauf habe die Mutter geantwortet: „Mir wei nid grüble“ – frei übersetzt: „Wir wollen das nicht weiter ergründen.“ Nicht Hinterwäldlertum spricht aus der Antwort der Mutter, sondern die Scheu vor dem Vorwitz und der Respekt vor dem Geheimnis der Schöpfung.

          In unseren Tagen des Datenkapitalismus und der Künstlichen Intelligenz klingen solche Geschichten wie Märchen aus längst vergangenen Zeiten. Big Data ist das Paradies der Neugierigen. Und alle können befriedigt werden. Wir wissen soviel voneinander wie noch nie zuvor. Und wir geben es in den meisten Fällen gerne preis, aller Schreckensrhetorik der strengen Datenschutzgrundverordner zum Trotz.

          Intimität bleibt auf der Strecke

          Unsere Welt ist bevölkert von Millionen von Voyeuren und Exhibitionisten, mal befinden wir uns in der einen, mal in der anderen Rolle. Wir schämen uns nicht dafür. Die Befriedigung der allumfassenden Neugierde ist die Voraussetzung des gelungenen Matchings: der perfekten Paarung der Liebespartner, der exakten Passung von Angebot und Nachfrage auf dem Markt.

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