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Digitalisierung : Wer künftig das Ohr der Kanzlerin hat

Künftig Acatech-Präsident: Karl-Heinz Streibich Bild: Marcus Kaufhold

Henning Kagermann gibt sein Amt als Präsident der Akademie der Technikwissenschaften ab. Sein Nachfolger wird ein guter Bekannter aus der Softwarebranche: Karl-Heinz Streibich von der Software AG muss sich künftig um Künstliche Intelligenz und Sprunginnovationen kümmern.

          Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften Acatech mit Sitz in München bekommt einen neuen Präsidenten. Zum Nachfolger des ehemaligen SAP-Vorstandsvorsitzenden Henning Kagermann soll nach Informationen dieser Zeitung am 8. Mai Karl-Heinz Streibich gewählt werden. Er wird dann Ko-Präsident neben Dieter Spath. Kagermann verlässt das geschäftsführende Präsidium nach neun Jahren. Im Jahr 2009 war er berufen worden.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Die Acatech ist ein Netzwerk von Wissenschaftlern, die sich vor allem Zukunftsthemen widmen wie der Biotechnologie, der Energie, dem Thema Gesellschaft und Technik, der Mobilität oder der Nanotechnologie. Kagermann hat gemeinsam mit Wolfgang Wahlster, dem Präsidenten des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz DFKI im Jahr 2011 den Begriff „Industrie 4.0“ geprägt.

          Die Akademie hat mit zahlreichen Studien die Entwicklung der Digitalisierung in der Industrie beflügelt. Auf der Hannover Messe in der kommenden Woche stellt sie eine Studie vor, wie sich wandlungsfähige Produktion organisieren lässt. Kagermann wird ebenfalls auf der Hannover Messe als Vorsitzender des Nationalen Plattform Elektromobilität über die Zukunft der Mobilität in Deutschland diskutieren. Das zeigt, dass der 1947 geborene Physiker und Manager nach wie vor ein gefragter Mann der Wissenschaften ist: Kagermann leitet unter anderem den Steuerkreis des „Innovationsdialogs“ zwischen der Bundesregierung, Wirtschaft und Wissenschaft.

          Der ehemalige SAP-Vorstandsvorsitzende: Henning Kagermann

          Was dabei wichtig ist: Kagermann hat das Ohr der Kanzlerin. Der Physiker wird von der Physikerin um Rat gefragt – und Kagermann weiß Bescheid. Im Mai trifft die Kanzlerin nun noch einen anderen alten Bekannten, wenn sie die Acatech besucht: Karl-Heinz Streibich kennt sie von diversen Begegnungen in seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender der Darmstädter Software AG. Und wenn sie mag, kann sie Streibich künftig in einer ganz neuen Funktion an der Acatech-Spitze kennenlernen.

          Für Streibich steht damit ein Jahr des Wechsels bevor. Im Mai ein Neubeginn, im Ende Juli ein Abschied. Dann scheidet Streibich aus seinem Amt als Chef der Software AG aus – und übergibt nach gut 15 Jahren sein Amt an den Indien geborenen bisherigen IBM-Manager Sanjay Brahmawar. Das steht schon seit einiger Zeit fest, und auch der Wechsel von Kagermann zu Streibich in der Acatech ist seit Monaten vorbereitet. Erst Ende Juni vergangenen Jahres war Streibich dort ins Präsidium gewählt worden. Thematisch wird es in den kommenden Monaten für Streibich und die Acatech unter anderem um die Frage künftiger europäischer Kooperation in Fragen der Künstlichen Intelligenz gehen, aber auch um die im Koalitionsvertrag vorgesehene Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen, die jüngst ein großes Thema auf dem Deutschen Forschungsgipfel in Berlin war. 

          Die Software AG hatte Streibich in den vergangenen Jahren nicht nur neu ausgerichtet, er hat es auch fit für die Zukunft gemacht. Als er seinen Posten 2003 antrat, hatte er schon eine ansehnliche Karriere mit Stationen bei ITT, Daimler und T-Systems hinter sich. Die Software AG jedoch stand kurz vor dem Absturz. Ihre Produktpalette war veraltet, die Kundschaft unzufrieden, die Konkurrenz übermächtig. Der Kurs der Aktie an der Börse befand sich im Sinkflug. Streibich stabilisierte erst das bestehende Geschäft und baute dann neue Sparten auf.

          Schließlich ging der diplomierte Nachrichtentechniker auf Einkaufstour. Er kaufte eine Handvoll Großunternehmen und ein Dutzend kleinerer Firmen zu, verankerte das Darmstädter Softwarehaus mit einer Dependance im Silikon Valley, verdoppelte den Umsatz, Vervielfachte den Gewinn und ließ den Aktienkurs steigen. Einen nachhaltigen Sprung über die Umsatzgrenze von einer Milliarde Euro allerdings schaffte er nicht. Streibich hat sich früher auch schon mal einen „Unruheherd“ genannt. Das stimmt wohl. Mit 65 Jahren schlägt er nun noch einmal ein neues Kapitel auf. Es geht um Dinge, die getan werden müssen – nun in etwas größerem Stil als „nur“ in Darmstadt.

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