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Adbusting : Wenn Unternehmen unfreiwillig gegen die AfD werben

So sah das Plakat aus Bild: Stay Behind Foundation

Erst Coca-Cola, nun Nutella: Beim „Adbusting“ werden Wahlplakate gefälscht. Die Fotos verbreiten sich rasend schnell im Netz. Was steckt dahinter?

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          Plötzlich ist selbst Brotaufstrich politisch. „Lieber braun auf‘s Brot als braun im Kopf!“ steht auf dem Plakat nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Berliner Breitscheidplatz. Und weiter: „Gegen Rassismus, Intoleranz und die rechte Hetze der AfD!“ Dazu ein Glas mit Nutella, einer der bekanntesten Marken des Ferrero-Konzerns.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Obwohl die Farbwahl zur Marke passt, überrascht der Ton der Botschaft – auch deshalb verbreitet sich das Foto schnell in den sozialen Netzwerken. Mögen an dem Plakat auch nur eine Handvoll Menschen vorbeilaufen, im Internet erreicht die Botschaften schnell Zehntausende Menschen. Die „Stay Behind Foundation“, eine Aktivistengruppe, die von sich selbst sagt, dass sie „Unruhe stiftet, wann und wo immer es uns notwendig erscheint“, hat ein Foto davon auf Facebook und Twitter gepostet. Ob sie auch dahinter steckt, lässt sie freilich offen.

          Denn das Plakat ist natürlich eine Fälschung, auch wenn das nicht jeder der Betrachter im Netz direkt versteht. Ferrero bestätigt auf Nachfrage, dass das Plakat nicht von dem Unternehmen sei. Der Fall werde untersucht, heißt es knapp aus der Deutschlandzentrale des italienischen Süßwarenherstellers, der für Produkte wie Kinder-Schokolade, Milch-Schnitte oder Rocher bekannt ist.

          Die Aktivistengruppe #AfDentskalender veröffentliche die falsche Coca-Cola-Aktion auf Twitter, die AfD reagierte.

          Adbusting, eine Kreuzung aus den englischen Begriffen „ad“ für Anzeige und „to bust“ für kaputtmachen, heißt diese Form des Aktionismus. Sie ist eng mit dem Sprayertum verbunden, nur werden dabei Werbeplakate verfremdet. Neu ist das nicht, erfunden wurde es wohl Ende der Siebziger Jahre von einer Gruppe namens „Billboard Liberation Front“. Die wollten sich wehren gegen blinkende Botschaften im öffentlichen Raum, ihre Neuschöpfung der Werbung sollte möglichst nicht von der eigentlichen Kampagne unterscheidbar sein. So gähnte plötzlich der Cowboy in der Marlboro-Plakatwerbung, weil er in immergleichen Kampagnen cool aussehen und dabei rauchen sollte.

          Ist Adbusting Kunst?

          Das kann auf der einen Seite ein Angriff auf den Werbenden sein: So wurden vor zwei Jahren Plakate der Bundeswehr für eine Internet-Serie zum Mali-Einsatz an vielen Stellen verändert. Oder es ist, wie im Fall von Ferrero, ein Mittel zum Zweck mit bekannten Marken eine ganz andere Botschaft zu transportieren.

          Die Interpretation des „Adbustings“ geht freilich auseinander. Die Aktivisten sehen das meist als künstlerische Äußerung, die betroffenen Unternehmen und Plakatanbieter als Sachbeschädigung. Der Außenwerber Wall Decaux, dessen Vitrine geöffnet und mit der gefälschten Nutella-Werbung plakatiert wurde, teilt mit, dass das Plakat in weniger als zwei Stunden entfernt wurde. „Sogenannte Adbustings sind sehr selten und werden unverzüglich entfernt“, sagt ein Sprecher auf Anfrage. „Juristische Schritte prüfen wir im Einzelfall.“ Auch der Wettbewerber Ströer handhabt solche Fälle ähnlich.

          Dass Adbusting nicht legal ist, wissen die „Künstler“: Im Internet gibt es Anleitungen, wie abgeschlossene Vitrinen geöffnet werden, in einem Flugblatt mit dem Titel „Schöner Kleben: Subversion statt plumper Vandalismus“ geben die Aktivisten Tipps. „Nix mitschleppen, was zusätzlich kriminalisierbar ist (Dope, Aktionspläne usw.)“ – und neben den Drogen sollten sie am besten auch den Personalausweis zuhause lassen. Aufgeklärt werden solche Fälle nur selten, meist lohnt sich der Aufwand für die Verfolgung kaum – auch weil die Plakate schnell verschwinden.

          Betroffene Unternehmen sind in der Regel zurückhaltend, weil sie fürchten, dass die falschen Botschaften an ihnen hängen bleiben könnten. Auch deshalb sorgte zuletzt der Getränkehersteller Coca-Cola für Aufmerksamkeit. In der vergangenen Woche tauchte ein gefälschtes Cola-Plakat mit der Botschaft „Für ein besinnliches Weihnachten – sag nein zur AfD“ auf. Der Leiter der Unternehmenskommunikation von Coca-Cola verbreitete es mit dem Kommentar „Nicht jedes Fake muss falsch sein“, der deutsche Coca-Cola-Account teilte das Bild auf Twitter. Als ein Anhänger der Alternative für Deutschland ein gefälschtes Plakat des Wettbewerbers Pepsi mit dem Slogan „Sag Ja zur Afd“ veröffentlichte, distanzierte sich Pepsico. Auf das gefälschte Nutella-Plakat reagierte die AfD noch nicht.

          Das falsche Pepsi-Plakat sagt: „Für eine besinnliche Zeit: Sag ja zur AfD!“

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