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Umgang mit Profilen von Toten : Wenn Facebook zum Friedhof wird

  • -Aktualisiert am

Facebook hat weltweit Milliarden Nutzer, doch eine steigende Zahl der Profile gehört Verstorbenen. Bild: dpa

Die Zahl der Verstorbenen, die zu Lebzeiten ein Facebook-Profil hatten, wächst. Schon bald könnte es auf dem Sozialen Netzwerk mehr Profile von Toten als von Lebenden geben. Die Menschheit ist darauf nicht vorbereitet, warnen Forscher.

          Vor 15 Jahren ging Facebook erstmals online. In dieser Zeit sind Milliarden Menschen dem sozialen Netzwerk beigetreten. Mancher ist seit der Kindheit dabei und inzwischen erwachsen. Und andere sind mit dem Netzwerk alt geworden. Facebook will eine Plattform für das ganze Leben seiner Nutzer sein – und darüber hinaus. Im April erweiterte das Unternehmen die Funktionen für Hinterbliebene, die die Profile von verstorbenen Nutzern weiterführen möchten. Schon länger ist es möglich, einen anderen Nutzer zu benennen, der nach dem eigenen Ableben Zugriff auf das Facebook-Profil erhalten soll und dieses in eine Gedenkseite umwandeln kann. Freunde und Verwandte können dann dort Erinnerungen und Beileidswünsche veröffentlichen.

          Facebook-Managerin Sheryl Sandberg sagte dazu: „Menschen wenden sich Facebook zu, um Gemeinschaft in guten und in schlechten Zeiten zu finden. Wir wissen, dass der Verlust eines Freundes oder Familienmitgliedes verheerend sein kann, und wir wollen, dass Facebook ein Ort ist, an dem Menschen sich gegenseitig unterstützen und die Erinnerung an geliebte Menschen in Ehren halten können.“

          Die Toten bleiben uns also virtuell erhalten. Doch was passiert, wenn Facebook langsamer wächst als bisher und gleichzeitig die Nutzer immer älter werden? Eine Studie des Oxford Internet Institute hat sich erstmals quantitativ mit dem Phänomen des „Online-Todes“ beschäftigt. Demnach werden in den nächsten Jahrzehnten hunderte Millionen Facebook-Nutzer sterben. Noch in diesem Jahrhundert könnte Facebook den Punkt erreichen, an dem es mehr Profile von Toten als von Lebenden gibt.

          Profile von Verstorbenen als „kulturelles Erbe“

          Wie schnell dieser Zeitpunkt erreicht ist, hängt von der Nutzungsentwicklung des Netzwerks ab. Unter der eher unrealistischen Annahme, dass Facebook ab sofort keine neuen Nutzer gewinnt, gäbe es ab dem Jahr 2060 mehr als 500 Millionen Toten-Profile. Schon in 50 Jahren würden die Toten dann die Lebenden überholen. Nimmt man hingegen an, dass Facebook konstant weiter wächst, bis alle Menschen auf der Welt ein Profil haben – auch das halten die Forscher für unrealistisch – würde die Zahl der Toten die der Lebenden im frühen 22. Jahrhundert übersteigen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Bewegen wir uns online also schon bald auf einem digitalen Friedhof?

          Die Autoren der Studie, Carl Öhmann und David Watson, betonen, dass es ihnen nicht um eine konkrete Prognose gehe, sondern darum darauf hinzuweisen, dass „eine kritische Diskussion des Online-Todes und seiner Auswirkungen dringend nötig“ sei. Denn bisher gebe es nur wenige Überlegungen darüber, wie wir mit den großen Mengen an Daten von Millionen Verstorbenen umgehen sollen. Es sei zum Beispiel unklar, was mit den Daten passiere, wenn Facebook plötzlich zerschlagen würde oder aus anderen Gründen den Betrieb einstellen müsste. Auch eine starke Verschiebung des Geschäftsmodells, die mit der Nutzung als Gedenk-Plattform inkompatibel ist, könnte die Angehörigen vor schwierige Fragen stellen.

          Öhmann und Watson sehen die Sammlung von Toten-Profilen als „gemeinsames kulturelles Erbe“ der Menschheit. Dieses zu bewahren sei nicht nur für Historiker, sondern auch für zukünftige Generationen wichtig als „Teil ihres Selbstverständnisses“. Auch wenn digitale Informationen den Eindruck erweckten, sie seien für immer verfügbar, sind sie tatsächlich sehr fragil: Durch Änderungen von Dateiformaten oder Hardwarestandards kann es schon heute sehr schwierig sein, ältere digitale Informationen zu lesen.

          Orwell warnt

          Auch neue ethische Fragen ergeben sich aus einem solchen Datenfriedhof, schreiben die Autoren. Facebook zeige zwar auf den Gedenkseiten direkt keine Werbung an. Doch indirekt profitiere das Netzwerk davon, dass die Profile von Verstorbenen deren Freunde auf die Seite lockten und ihnen einen Grund gäben, auf der Plattform zu verweilen. Und was passiere eigentlich, wenn der ökonomische Wert der Gedenkseiten ins Negative rutsche? Facebook könne diese jederzeit löschen, wenn sie sich betriebswirtschaftlich nicht mehr rechneten.

          Weder die Verstorbenen noch die zukünftigen Generationen, die ein Interesse an der Bewahrung von Erinnerungen haben, so die Autoren, könnten für ihre Rechte einstehen oder Anreize schaffen, damit diese Informationen geschützt werden. Und das Recht auf Privatsphäre sei schon bei lebenden Nutzern eine komplexe Materie; bei Toten werde es umso schwieriger, zu entscheiden, was im Interesse des Verstorbenen privat bleiben oder gelöscht werden solle.

          All dies stellt die Menschheit vor neue Herausforderungen bei der Bewahrung einer kollektiven Erinnerungskultur. Öhmann und Watson glauben, es sei wichtig, die Kontrolle über digitale Überreste zu dezentralisieren. Wenn die Erinnerungen an Verstorbene in den Händen einiger weniger Plattformen konzentriert würden, viele davon Teil eines einzigen Konzerns, könne uns eine dystopische Zukunft drohen. Denn – zitieren die Forscher den britischen Schriftsteller George Orwell – „wer unseren Zugang zur Vergangenheit kontrolliert, der kontrolliert auch, wie wir die Gegenwart wahrnehmen“.

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