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Weniger provokative Inhalte : Facebooks Algorithmus kommt an die kurze Leine

Facebook-Chef Mark Zuckerberg im Mai in Paris Bild: AFP

Facebook sperrt schon lange Inhalte, die gegen den Verhaltenskodex verstoßen. Jetzt geht das Netzwerk noch weiter: Posts, die an der Grenze zum Verbotenen sind, werden seltener gezeigt. Facebook soll gesünder werden.

          Mit einem neuen System will Facebook künftig verstärkt gegen provokative Inhalte auf seiner Plattform vorgehen. Das gab der Chef des größten sozialen Netzwerkes der Welt Mark Zuckerberg am Donnerstag in einem Blog-Post bekannt. Ziel der Maßnahme sei demnach nicht nur, das Clickbaiting – so nennt sich die Methode von Medien, mit überspitzten Schlagzeilen im Internet gezielt Klicks zu generieren – einzudämmen, sondern insbesondere die Verbreitung von Falschinformationen und problematischen Posts auszubremsen. Dabei sollen ab sofort auch solche Inhalte im Fokus stehen, die auf Basis der bestehenden Verhaltensregeln des Netzwerkes nicht gesperrt werden können.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Zuckerberg begründet den Schritt mit der Erkenntnis, dass Menschen von Natur aus von provokativen Themen angezogen werden – und die Aufmerksamkeit umso größer ist, je näher sich der Inhalt an der Grenze des Verbotenen bewegt. Gleichzeitig höre er oft, dass negative Posts Facebooks Service schlechter machten. Deshalb bringe es nichts, die Regeln zu verschärfen und den Kreis der verbotenen Inhalte auszuweiten.

          Neuer Algorithmus gegen Borderline Content

          Stattdessen soll der Algorithmus, der für die Verbreitung von Posts zuständig ist, geändert werden. Inhalte, die von einer Künstlichen Intelligenz als unnötig provokativ eingestuft werden, sollen künftig weniger stark verbreitet werden. Zuckerbergs Hoffnung: Die Maßnahme soll Nutzer demotivieren, Inhalte dieser Art überhaupt erst zu erstellen und den Austausch auf der Plattform „gesünder und weniger polarisierend“ machen. Bislang filtern laut Facebook 30.000 Mitarbeiter mithilfe von Computersystemen verbotene Inhalte aus der Plattform heraus.

          Zuckerberg bezeichnet die Inhalte, die von der neuen Richtlinie betroffen sein werden, als „borderline content“ (zu Deutsch: grenzwertiger Inhalt). Als Beispiel nennt der Facebook-Chef „Fotos an der Grenze zur Nacktheit, etwa mit sexuell anzüglicher Kleidung oder Körperhaltung“ und „Posts, die unsere Definition von Hassrede nicht erfüllen aber dennoch anstößig sind“.

          Zuckerberg erwähnt ausdrücklich, dass der Algorithmus hinsichtlich Nacktheit verschärft worden sei, ähnliches gilt aber wohl auch für Nachrichten und andere Inhalte. Zudem sollen „polarisierende Gruppen und Seiten“ Nutzern seltener empfohlen werden.

          Im Einklang mit Facbeook-Prinzipien

          Die zusätzliche Kontrolle soll standardmäßig in den Profilen der Nutzer eingestellt sein. Nutzer würden automatisch weniger Inhalte sehen, die „nah an der Grenze“ sind, selbst wenn diese die Facebook-Standards eigentlich nicht verletzen. Ganz entzieht Facebook den Nutzern aber dann doch nicht die Kontrolle über ihre Seite: Diejenigen, die selbst entscheiden möchten, welche Inhalte sie sehen wollen und welche nicht, sollen diese Wahlfreiheit weiterhin haben, weil die Inhalte ja nicht auf der schwarzen Liste stehen. So könnten die Facebook-Prinzipien der freien Meinungsäußerung und Sicherheit für alle in Einklang gebracht werden. Wie genau diese Selbstkontrolle funktionieren soll, wird in dem Blogeintrag nicht näher erklärt.  

          Bis Ende 2019, so erwartet Zuckerberg, seien die Systeme so gut trainiert, dass sie proaktiv und ohne menschliches Zutun den Großteil der problematischen Inhalte erkennen könnten. „Ich glaube, dass diese Bemühungen zu der wichtigsten Arbeit gehören, die in unserem Unternehmen geleistet wird. Wir haben schon viel erreicht, aber es gibt immer noch viel zu tun“, schrieb Zuckerberg.

          Vorwurf der Intransparenz und Falschinformation gegen Facebook

          In seinem Schreiben erklärt Zuckerberg außerdem, was es mit einer weiteren Neuerung in dem sozialen Netzwerk auf sich hat: Im kommenden Jahr will Facebook demnach ein unabhängiges Gremium schaffen, bei dem Nutzer Beschwerde gegen Entscheidungen der Moderatoren einlegen können. Gegen Ende des Jahres sollen die Systeme zudem so weit eingestellt sein, dass Facebook einen vierteljährlichen „Transparenz- und Vollstreckungsbericht“ herausbringen kann.

          „Ich halte es für wichtig, über diese Gemeinschaftsfragen in derselben Häufigkeit zu berichten, wie wir über unsere Umsätze und Geschäftsergebnisse berichten – weil diese Themen genauso wichtig sind“, schrieb Zuckerberg. Deshalb sollen die Ergebnisse der Transparenzberichte – ähnlich wie bei den Geschäftsberichten – öffentlich diskutiert werden.

          Risiken der Regulierung

          Facebook arbeitet laut Zuckerberg mit einigen Regierungen zusammen, um diese neuen Richtlinien zu etablieren. Als Beispiel nennt er Frankreich, wo am Montag der „Paris Call“, vorgestellt wurde, ein Aufruf, der Digitalkonzerne in die Pflicht nimmt, in der digitalen Welt für mehr Vertrauen, Sicherheit und Stabilität zu sorgen. Unterschieben haben den Paris Call mehr als 50 Regierungen, viele davon aus Europa, aber auch mehr als 150 Technologie-Unternehmen, darunter unter anderem Facebook. Und auch mit der EU will Zuckerberg entsprechende Rahmenbedingungen in den kommenden Jahren festlegen, wie er in dem Post verspricht.

          Zuckerberg sprach aber auch den Elefanten im Raum an: „Natürlich hat der Aufbau von Regulierung eindeutige Risiken und viele Menschen haben uns davor gewarnt, das zu unterstützen“. Doch die Unternehmen könnten und sollten die vielen Aspekte rund um freie Meinungsäußerung und öffentliche Sicherheit nicht alleine stemmen: „Das erfordert eine Zusammenarbeit über Industriezweige und Regierungen hinweg, um eine Balance und die richtigen Lösungen zu finden“, so Zuckerberg.

          Zuckerberg veröffentlichte den Beitrag einen Tag, nachdem ein großer Enthüllungsbericht der „New York Times“ Schlagzeilen machte, wonach Facebook aggressive Taktiken eingesetzt hat, um Stimmung gegen Kritiker und Wettbewerber zu machen. Mithilfe einer PR-Agentur sollen auf einem konservativen Internetportal Dutzende kritische Artikel über Facebook-Konkurrenten wie Apple und Google veröffentlicht worden sein. Zuckerberg will von diesen Vorgängen aber nichts gewusst haben.

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