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Warum IBM nun Red Hat kauft : 34 Milliarden Dollar für offene Software

Red-Hat-Chef Jim Whitehurst (dritter von rechts) mit Mitarbeitern im Halloween-Kostüm - das Datum hat für das Unternehmen eine besondere Bedeutung Bild: Jim Whitehurst auf Twitter.com

IBM zahlt einen Rekordbetrag für Red Hat, um sich im Cloud-Geschäft besser aufzustellen. Das hat der Technikkonzern auch bitter nötig. Für die Open-Source-Szene könnte der Zukauf ein Segen sein.

          IBM ist 107 Jahre alt, aber so viel Geld hat das amerikanische Technologieunternehmen noch nie in seiner Geschichte ausgegeben. Für 190 Dollar je Aktie und damit insgesamt gut 34 Milliarden Dollar möchte IBM das Unternehmen Red Hat übernehmen. Das ist ein Paukenschlag für die Technologiebranche – und das liegt nicht nur an dem hohen Preis. Denn es könnte den Wettbewerb im Cloud Computing verändern, also der Verlagerung von IT-Infrastruktur ins Internet.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Diese Geschäftssparte wächst derzeit ungemein, weil immer mehr Unternehmen zumindest Teile ihrer IT in die Cloud verlagern. Google, Microsoft oder Amazon erzielen Quartal für Quartal erhebliche Wachstumsraten mit ihrem Cloud-Geschäft. Und genau dort kennt sich auch Red Hat ziemlich gut aus, wenngleich es viel kleiner ist. Dafür ist es hochspezialisiert.

          Das Unternehmen aus North Carolina hat sich nämlich auf Linux fokussiert, also auf offene Software, und hat daraus seit seiner Gründung im Jahr 1993 ein Geschäftsmodell rund um sogenannte Open-Source-Projekte geschaffen. In den vergangenen Jahren ist es vor allem im Cloud-Geschäft gewachsen, weil viele Unternehmen nicht gleich ihre gesamte Informationstechnik in die Cloud legen wollen, sondern auch gerne noch Inhalte, die für sie besonders schützenswert sind, auf eigenen Servern speichern. Hybrid-Cloud nennt sich dieser Ansatz und besonders in der Verknüpfung der verschiedenen Anbieter kommt offene Software zum Einsatz, wie sie Red Hat vertreibt.

          IBM hat zuletzt schwer gelitten

          „Die Akquisition von Red Hat ist bahnbrechend. Das verändert alles im Cloud-Geschäft“, sagte Ginni Rometty, die Vorstandsvorsitzende von IBM. Unternehmen würden bislang nur ein geringes Potential der Cloud nutzen, etwa um Kosten zu sparen. „Das nächste Kapital wird sich darum drehen, das Wachstum zu treiben und einen echten Geschäftswert zu schaffen“, sagte Rometty. Was die IBM-Chefin dort als Chance für ihre Kunden anpreist, kann man durchaus auch auf IBM selbst beziehen.

          Der Konzern hat zuletzt schwer gelitten: Das traditionelle Geschäft mit Hardware wie etwa Computerprozessoren oder Servern schwächelt, und auch mit neuen Geschäftsfeldern wie dem Cloud Computing kam noch nicht das erwartete Wachstum. In den drei Monaten bis Ende September sanken die Erlöse im Vergleich zum Vorjahr um gut 2 Prozent auf 18,8 Milliarden Dollar, das Cloud-Geschäft schaffte zwar ein Umsatzplus von 10 Prozent auf 4,5 Milliarden Dollar, blieb damit aber deutlich hinter dem Anstieg von 20 Prozent im Vorquartal zurück.

          Seit Jahresanfang ist IBMs Aktienkurs um mehr als 20 Prozent gesunken. Auch der Investor Warren Buffett vertraute dem Unternehmen zuletzt nicht mehr: Seine Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway reduzierte ihren Anteil an IBM um 94 Prozent und setzte stattdessen viel stärker auf steigende Kurse von Apple.

          Ein hoher Preis für Open-Source

          Die Ankündigung des Zukaufs konnte die Anleger am Montag ebenfalls nicht richtig überzeugen: Der Aktienkurs sank um bis zu 4,7 Prozent. „Wir erwarten skeptische Investoren rund um das Geschäft angesichts der Mitteilung von IBM, dass es sich in der Transformation auf gutem Wege sieht“, sagte etwa Jim Suva, Analyst der Citigroup. Der Kurs von Red Hat hingegen stieg am Montag drastisch an, um zeitweilig fast 50 Prozent auf 174 Dollar. Mit 190 Dollar je Aktie lag das Übernahmeangebot von IBM fast zwei Drittel über dem Schlusskurs vom vergangenen Freitag.

          Red Hat erwartet in diesem Jahr ein Ergebnis vor Steuern von rund 475 Millionen Dollar und will erstmals die Grenze von 3 Milliarden Dollar Umsatz erreichen. Dass IBM dafür 34 Milliarden Dollar bezahlen will, spricht also dafür, dass es große Wachstumsmöglichkeiten sieht. Als Vergleich kann man den Kauf des deutschen Red-Hat-Konkurrenten Suse durch den schwedischen Finanzinvestor EQT betrachten, wenn auch in kleinerem Maßstab. Der Open-Source-Spezialist ist EQT 2,5 Milliarden Dollar wert, was etwa dem achtfachen Umsatz entspricht.

          Industrie erkennt Wert von offener Software

          Red Hat ist nach Github das zweite Unternehmen in kurzer Zeit, das auf Open-Source basiert und von einem Großkonzern geschluckt wurde. Microsoft hat 7,5 Milliarden Dollar für Github bezahlt. Rafael Laguna, Gründer des Unternehmens Open-Xchange und einer der wichtigsten Fürsprecher von offener Software in Deutschland, sieht das positiv. „Die Riesenübernahmen zeigen nun, dass mit Open Source erhebliche Werte geschaffen werden, und das ist eine gute Sache.“

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          Obwohl es in der Szene der Entwickler für offene Software häufig Widerstand gegen Übernahmen durch Großkonzerne gibt, findet Laguna, dass man IBM eine Chance geben sollte. Das Unternehmen habe seit einigen Jahren viel Geld in offene Software investiert und unterhält eine lange Partnerschaft mit Red Hat. Die versprochene Eigenständigkeit, die die Open-Source-Tochtergesellschaft behalten soll, könnte man IBM durchaus abnehmen. „Ich bin froh, dass die Industrie die strategische Bedeutung dieses Ansatzes mittlerweile erkannt hat“, sagt Lagune. Vielleicht würden sich in diesem Umfeld zudem nun mehr Unternehmen überlegen, auch diesen Weg zu gehen – also verstärkt auf Open-Source zu setzen. Das sei gut für die gesamte Szene. „Außerdem lockt das neue Investoren an, was auch junge Projekte voranbringen kann.“

          Mit dem Kauf von Red Hat holt sich IBM indes auch eine neue Kultur und einen neuen Geschäftsansatz ins Haus. Produkte, die auf offener Software basieren, geben Kunden nämlich eine größere Transparenz und Wahlfreiheit. Theoretisch kann jeder Kunde alles selbst nachbauen, weil der Quellcode offenliegt; er muss nicht einmal um Erlaubnis bitten. Genauso können Kunden den Dienst wechseln, etwa wenn IBM nun die Preise stark anheben würde, um die teure Akquisition zu refinanzieren. Bislang konnte sich Red Hat in dem Geschäft gut behaupten. Das könnte eine Chance auch für IBM sein.

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