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Alles vernetzt : Warum das Internet der Dinge Angst macht

Einsteigen, bitte: Das Internet der Dinge wird unter andrem virtuelle Probefahrten möglich machen. Bild: Bloomberg

Physische und virtuelle Gegenstände miteinander vernetzen: Die Zukunftsaussichten dafür sind nach Ansicht von Fachleuten rosig. Aber die Unternehmen fühlen sich mit dem Internet der Dinge bisher nicht wohl.

          Das Internet der Dinge (IoT) boomt – und gibt den Unternehmen dennoch viele Rätsel auf. Das zeigen neue Umfragen und Studienergebnisse des Digitalverbandes Bitkom und der Beratungsunternehmen Deloitte und Bain. So ist die Zukunft grundsätzlich rosig: In den kommenden drei Jahren wird der Markt – die Vernetzung unzähliger Sensoren und Aktoren, von Haushaltsgeräten und Industrieanlagen auf der ganzen Welt – möglicherweise auf ein Volumen von rund 470 Milliarden Dollar wachsen. Besonders stark entwickelt sich das IoT-Geschäft in den Unternehmen. Dort prognostiziert die Managementberatung Bain für das Jahr 2020 Umsätze von 331 Milliarden Dollar. Der Bereich Industrie 4.0, also Anwendungen im verarbeitenden Gewerbe, macht dabei 85 Milliarden Dollar aus.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Noch aber haben sich laut einer Bain-Studie die meisten der am Internet der Dinge interessierten Unternehmen nicht für einen Technologie-Partner entschieden. Der Befragung von rund 500 Industriekunden und 150 Technologielieferanten zufolge diskutieren zwar mehr als 60 Prozent der Interessenten derzeit ihre Planungen in diesem Zukunftsfeld. Aber die Unsicherheit ist groß – und damit steigt der Zeitdruck. Spätestens 2025, so heißt es bei Bain, werden fast alle Investitionsentscheidungen gefallen sein. Der Kuchen ist also noch gar nicht gebacken, wird aber schnell verteilt. Mit Blick auf das Rezept der Unternehmen im Umgang mit dem noch weithin unbekannten Internet der Dinge wiederum werden die sogenannten „digitalen Zwillinge“ immer wichtiger.

          Effizienz, Transparenz und Flexibilität

          Diese virtuellen, computergestützten Abbilder eines Produktes, Prozesses oder Dienstes werden künftig die reale und die virtuelle Welt noch stärker miteinander verbinden. Noch gibt es den digitalen Zwilling oder „Digital Twin“ vornehmlich in der Produktion, im Anlagenbau oder bei sogenannten „High Value Assets“. Im Zuge der Digitalisierung fast aller Lebensbereiche werden „Digital Twins“ nach der Ansicht von Fachleuten jedoch auch im Alltagsleben der Verbraucher eine immer größere Rolle spielen, sei es im Haushalt, im Auto oder im Gesundheitswesen.

          „Digital Twins“ sorgten für Effizienz, Transparenz und Flexibilität, während sie auf der anderen Seite wirksam Risiken mindern und Qualität sichern können. Wie der Report „Grenzenlos vernetzt – Smarte Digitalisierung durch IoT, Digital Twins und die Supra-Plattform“ des Beratungsunternehmens Deloitte zeigt, bedarf es aber einer übergreifenden Plattform sowie einer Standardisierung von Datenformaten, um das Potential digitaler Zwillinge über Insellösungen und geschlossene Plattformen hinaus gänzlich ausschöpfen zu können. Auch hier gibt es also erheblichen Nach- oder Aufholbedarf.

          Unternehmen müssen zahlreiche Hürden überwinden

          „Ein anschauliches Beispiel für den ganz konkreten Nutzen eines digitalen Zwillings im Alltagsleben der Verbraucher wäre etwa eine virtuelle Probefahrt, wie sie vermutlich schon im kommenden Jahr zum Angebot von Automobilherstellern gehören wird. Hierbei können zukünftig mit Hilfe eines ,Digital Twin‘ realistische Fahrmanöver im Grenzbereich simuliert und beispielsweise über Virtual Reality visualisiert werden“, wird Milan Sallaba, Partner und Leiter Technology Sector von Deloitte, in einer entsprechenden Mitteilung zitiert. Bis 2020 gebe es voraussichtlich mindestens 20 Milliarden IoT-Endpunkte auf der Welt, rund 4,5 Milliarden davon in Europa, die „Digital Twins“ potentiell mit den erforderlichen Daten versorgen, um sie damit zu Bausteinen der intelligenten Digitalisierung machen zu können.

          Im Alltag des Jahres 2017 allerdings sehen die Dinge anders aus: Noch müssen die Unternehmen Hürden auf ihrem Weg ins Internet der Dinge nehmen. Sie sorgen sich um die Sicherheit der Systeme und fürchten den Einbau der Software in ihre bestehende Technikwelt. Viele fragen sich auch, ob ihnen das teure Projekt tatsächlich einen geschäftlichen Vorteil bringt. Angesichts dieser Bedenken haben die großen IoT-Pioniere Schwierigkeiten, ihre Kunden zufriedenzustellen. „Alle Anbieter kündigen umfassende IoT-Plattformen an, aber die Resonanz potentieller Kunden fällt sehr unterschiedlich aus“, sagt Bain-Technologiefachmann Hans Joachim Heider.

          Die Entscheidungsfindung ist nicht frei von Angst. Denn es kommt hinzu, dass jedes vierte Unternehmen seine Existenz durch die Digitalisierung gefährdet sieht; 60 Prozent sehen sich bei der Digitalisierung als Nachzügler. Ähnlich viele (57 Prozent) geben an, dass Wettbewerber aus der Internet- und IT-Branche auf ihren Markt drängen. Zugleich sagt nur jedes fünfte Unternehmen, dass es in diesem Jahr gezielt in die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle investiert. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage zum Stand der Digitalisierung der deutschen Wirtschaft unter 505 Unternehmen ab 20 Mitarbeitern im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Insofern ist die Zukunft vielleicht rosig. In der Gegenwart aber haben die Unternehmen vor allem große Fragen rund um die Digitalisierung.

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