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Batteriezellfabrik in Erfurt : Warum die Chinesen sich ausgerechnet Thüringen ausgesucht haben

Wirbeln die deutsche Autoindustrie durcheinander: Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee und Robin Zeng, Vorstandsvorsitzender von CATL Bild: dpa

Klingt komisch: Chinesen bauen eine Batteriezellfabrik ausgerechnet in Thüringen. Wenn man näher hinguckt, ergibt die Standortwahl aber durchaus Sinn.

          Es klingt erst einmal überraschend: Der chinesische Konzern CATL investiert 240 Millionen Euro in eine hoch moderne Autobatteriefabrik in Thüringen. Thüringen – das war doch dieses Billiglohnland, durch das man fahren muss, wenn man von Berlin nach München möchte. Warum also bauen die Chinesen jetzt in Thüringen das Herz der Autos der Zukunft?

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein Grund ist die Lage: Thüringen liegt mitten in Deutschland. Zum BMW-Werk in Dingolfing bei München sind es auf der Straße vier Stunden, zur Batteriefabrik von Daimler in Kamenz (Sachsen) drei. BMW hat schon bestätigt, dass die CATL-Batterien aus Thüringen einige seiner Elektroauto-Modelle antreiben werden. Die Batteriezellen, die die Münchner aus Thüringen kaufen wollen, haben einen Gesamtwert von 1,5 Milliarden Euro. Auch mit Daimler sind die Chinesen im Gespräch.

          CATL schaut aber auch Richtung Wolfsburg. Sollte sich VW irgendwann für die chinesisch-thüringischen Batterien interessieren, wäre der Weg von Erfurt nach Wolfsburg auch in drei Stunden zurückzulegen. Würde man einen Kreis zeichnen wollen, der durch Dingolfing, Kamenz und Wolfsburg gehen soll, müsste man den Zirkel ziemlich genau in Erfurt einstechen.

          Thüringer Forschungslandschaft

          Ein weiterer Standortfaktor ist die Bildungs- und Forschungslandschaft in Thüringen. Laut Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) ist das Bundesland führend, wenn es um den Anteil von Absolventen in den für die Industrie besonders wichtigen Studienfächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik geht, den sogenannten MINT-Fächern. 40 Prozent der Absolventen in Thüringen machen ihren Abschluss in MINT-Fächern. Deutschlandweit liegt der Anteil bei 35 Prozent. Dem Bildungsmonitor 2017 zufolge liegt Thüringen beim Anteil der Ingenieursabsolventen an allen Uni-Absolventen auf Platz zwei hinter Sachsen. Das Land hat also die Ingenieure zu bieten, die eine solche Batteriefabrik braucht.

          Kriegt bald Zuwachs aus China: Das Gewerbegebiet Erfurter Kreuz

          Vom Gewerbegebiet Erfurter Kreuz, dem Standort der geplanten chinesischen Batteriefabrik, sind es auch nur 30 Kilometer zur Technischen Universität Ilmenau, 60 Kilometer zur Universität Jena. Beide sind Standorte von Fraunhofer-Instituten. Der Standort in Ilmenau hat einen Forschungsschwerpunkt im Bereich E-Mobilität. In Ilmenau steht außerdem das Thüringer Innovationszentrum Mobilität, das einen Forschungsschwerpunkt auf hybride Antriebskonzepte legt. Die Universitäten in Weimar und Erfurt sind noch näher.

          Idyllische Revolution: Hier wird bald die neue chinesische Autobatteriefabrik gebaut.

          Die Fabrik wird also nicht in einem Elektroauto-Vakuum stehen. Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee betont laut Nachrichtenagentur dpa stattdessen, dass sich die Fabrik in der Forschungslandschaft einbringen wird. An dem neuen Standort solle daher nicht nur produziert, sondern auch Forschung betrieben werden.

          Auch die Politik hilft mit

          Lage und Know-How sind wichtige Faktoren für Unternehmen. Doch die siedeln sich nicht einfach so an. Stattdessen müssen auch Länder und Regionen für sich werben. Im Fall von CATL haben die bundeseigene Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade and Invest und die landeseigene Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen mit den Chinesen verhandelt. Tiefensee lobt deren Arbeit: Das schnelle Handeln habe den Ausschlag für die Entscheidung für Thüringen gegeben.

          Obendrein können sich die Chinesen über EU-Gelder für regionale Wirtschaftsförderung freuen. 7,5 Millionen Euro erhält das Unternehmen laut Nachrichtenagentur dpa. Den finalen Ausschlag hat dann möglicherweise aber die deutsche Politik gegeben. Tiefensee hat die Batteriefabrik zur Chefsache gemacht, ist selbst nach China gereist, um für den Standort zu werben. Seine Avancen haben offenbar geholfen.

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