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Tempolimit-Debatte : Volvo drosselt alle Neuwagen auf 180 km/h

„Es gibt keinen Grund, warum man mit einem Volvo schneller als 180 Stundenkilometer fahren sollte“, sagt Volvo-Chef Hakan Samuelsson. Bild: dpa

„Ein Tempolimit reicht nicht“, findet Volvo. In naher Zukunft sollen Kameras den Fahrer auf Drogen prüfen und die Wagen automatisch vor Schulen bremsen.

          Mit einer bemerkenswerten Maßnahme schaltet sich der Autohersteller Volvo in die Debatte über ein Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen ein. Die Schweden verkündeten am Montag, vom nächsten Jahr an alle ihre Fahrzeuge nur noch mit einer auf 180 km/h herabgesetzten Höchstgeschwindigkeit auszuliefern. Die Drosselung wollen sie als „starkes Zeichen gegen zu schnelles Fahren“ verstanden wissen.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Hausinterne Forschungen hätten ergeben, dass vor allem drei Gründe dem Ziel des Konzerns entgegenstünden, dass künftig kein Mensch mehr in einem neuen Volvo getötet oder schwer verletzt werde. Zu schnelles Fahren habe einen „besonders negativen Einfluss“, ferner nennt der Hersteller alkoholisierte Fahrer sowie Ablenkung, etwa durch ein Handy.

          „Wir wollen eine Diskussion darüber starten, ob Automobilhersteller das Recht oder vielleicht sogar die Pflicht haben, Technik in ihren Autos zu installieren, die das Verhalten der Fahrer verändert und Fehlverhalten verhindert“, schreibt der Konzern. Wobei Volvo-Chef Hakan Samuelsson das Ergebnis der Diskussion vorwegnimmt: „Ein allgemeines Tempolimit reicht nicht aus. Wir sollten vielmehr alles in unserer Macht stehende tun, selbst wenn wir dadurch nur ein einziges Menschenleben retten.“ Und weiter: „Es gibt keinen Grund, warum man mit einem Volvo schneller als 180 Kilometer je Stunde fahren sollte.“

          „Wir werden mehr Käufer anlocken, als wir verlieren“

          Dass der schwedische Konzern, der sich preislich am deutschen Audi-Konzern orientiert, durch das voreingestellte Geschwindigkeitslimit viele Kunden verprellt, glaubt Samuelsson nicht: „Wir werden mehr Käufer anlocken, als wir verlieren.“ Auch die Diskussion, ob sich der Konzern damit zu einem überwachenden großen Bruder („big brother“) aufschwinge, werde man gerne führen. Überhaupt sind die Pläne des Konzerns umfassender. Seine Ingenieure arbeiten gerade an Möglichkeiten, mithilfe von intelligenten Kameras und Geofencing zu einer automatischen Geschwindkeitsbegrenzung zu kommen. „Wir fangen mit der Höchstgeschwindigkeit an, wollen aber weitergehen“, erklärt ein Konzernsprecher auf Nachfrage. Ziel sei es, dass Kameras am Auto automatisch die Temposchilder am Straßenrand erkennen und der Bordcomputer prüft, ob man gerade in der Nähe einer Schule, eines Kindergartens oder eines Krankenhauses fährt (Geofencing). Dann soll das Auto automatisch die Schilder befolgen und beispielsweise auf Schrittgeschwindigkeit herunterbremsen.

          Volvo-Chef Samuelsson denkt sogar noch weiter: Künftig werde es Kameras geben, die in der Lage sein würden, Gesichtszüge zu lesen und so zu erkennen, ob der Fahrer gerade Alkohol getrunken oder Drogen genommen habe. Diese Sicherheitsrisiken könne Volvo dann auch angehen.

          Jenseits der offiziellen Ziele weisen Autofachleute darauf hin, dass eine Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf 180 Sachen auch Kostenvorteile in der Produktion mit sich bringe. Die Bremsanlage und die Aerodynamik müssten nicht mehr ganz so ausgefeilt sein, manches thermische Problem löse sich von alleine und vor allem könne der Motor kleiner dimensioniert und damit preiswerter gebaut werden. Etwas überspitzt ausgedrückt: Volvo verkaufe eine Kostensenkungsmaßnahme als großen Schritt für die Menschheit.

          Nur ein PR-Trick?

          Für Stefan Bratzel, den Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, hat die Ankündigung von Volvo vor allem symbolischen Wert. „Sie zahlt auf das Sicherheitsimage von Volvo ein“, sagt er. Ein kleiner Hersteller müsse sich gegenüber der Konkurrenz abgrenzen, das mache Volvo „ganz geschickt“. Vor kurzem erst hatten die Skandinavier den Abschied vom Diesel verkündet. Ansonsten spielten die 180 Kilometer je Stunde außerhalb Deutschlands kaum eine Rolle, weil in den meisten Ländern bereits Tempolimits gelten. Und mit der zunehmenden Elektrifizierung habe sich die Frage ohnehin bald erledigt. „Hohe Geschwindigkeiten fressen auf Dauer zu viel Strom“, sagt Bratzel. Außer kurzen Beschleunigungen seien mit solchen Fahrzeugen Reisegeschwindigkeiten von etwa 120 angebracht. „Wer einmal auf der Autobahn hinter einem Tesla hergefahren ist, weiß das.“

          Genau genommen ist eine limitierte Spitzengeschwindigkeit auch keine Weltneuheit. Einige deutsche Hersteller haben eine freiwillige Begrenzung ihrer Fahrzeuge auf 250 unterschrieben. Auch gibt es einzelne Modelle, die in einzelnen Staaten bereits gedrosselt ausgeliefert werden. Zudem gab es in Japan einmal eine freiwillige Begrenzung der Motorleistung auf 280 PS. Dass ein großer Hersteller aber alle seine Modelle global drosselt, ist bislang einzigartig.

          Die Konkurrenz aus Deutschland reagierte auf den Volvo-Vorstoß schmallippig. Porsche teilte lediglich mit, dass man als Hersteller von sportlichen Fahrzeugen keine Abriegelung der Höchstgeschwindigkeit plane. Audi erklärte, man werde den rein elektrischen E-Tron bei 200 km/h abriegeln, ansonsten aber „vermindern wir an unseren Fahrzeugen grundsätzlich keine Leistungen“. Der ADAC sah sich wegen der Ferien in Bayern nicht zu einer Stellungnahme fähig. Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) wollte sich nicht an der von Volvo geforderten Diskussion über die Pflichten von Autoherstellern beteiligen.

          In einer Branchenumfrage der Beratungsfirma PWC zeigte sich die Mehrheit der etwa 200 Befragten durch die Diskussionen über ein Tempolimit allerdings beunruhigt. Jeder zweite gab an, dies wäre ein Hemmnis für sein Geschäftsmodell. Nur knapp jeder dritte sieht darin eine Chance, etwa um die Motoren zu verkleinern.

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