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Technisierung von Unternehmen : Die Produktionshalle wird vernetzt

Auslastung optimierbar: Auch Paketdienste profitieren von der Digitalisierung. Bild: AFP

Das Internet der Dinge macht Abläufe schneller, günstig und transparenter. Die Zutaten dafür liefern Unternehmen wie Zebra Technologies.

          Wenn ein Mitarbeiter im Volkswagenwerk in Osnabrück seinen Schlagschrauber ansetzt, um Schrauben und Muttern an einem Porsche festzuziehen, dann fließt erst Strom durch das Werkzeug, wenn es 30 Zentimeter von der Schraube entfernt ist. Mit genauer Lokalisierung des Werkzeugs und dem jeweiligen nächsten Arbeitsschritt will der Autohersteller somit die Abläufe in dem Werk besser steuern. So wird nämlich verhindert, dass die falschen Schrauben gelöst oder angezogen werden oder das Auto zur falschen Zeit zusammengesetzt wird. Andere Produktionsgeräte funken an die Cloud, wenn der Druck sinkt oder die Batterien langsam schwächer werden, damit sich gleich ein Techniker darum kümmern kann. Eine moderne Fabrik ist heute ausgestattet mit Tausenden Sensoren.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Die Technik für diese Erkennung im VW-Werk kommt von einem amerikanischen Unternehmen namens Zebra Technologies. Kaum jemand kennt den Namen hierzulande, aber fast jeder hat schon einmal ein Produkt von Zebra in der Hand gehabt: Denn das im Jahr 1969 gegründete Unternehmen hat schon im Jahr 1982 einen Barcode-Drucker entworfen und sich seitdem Stück für Stück zu einem Dienstleister für das Internet der Dinge entwickelt. Heute kommt etwa jeder Barcode auf Tickets der Deutschen Lufthansa von Zebra, 95 Prozent der Fortune-500-Konzerne sind Kunden des börsennotierten Unternehmens. Das bereinigte Ebitda, also der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen betrug zuletzt 655 Millionen Dollar. Zebra hat einen bequemen Platz in der Nische gefunden. Freilich hat es auch viele namhafte Konkurrenten in verschiedenen Bereichen, wie Siemens, ABB oder General Electric. Doch auch solche spezialisierten Unternehmen wie Zebra bilden das Rückgrat der zunehmenden Vernetzung der Wirtschaft im Internet der Dinge. „Industrie 4.0 bedeutet für viele Unternehmen immer noch den Schritt vom Bleistift ins Digitale“, sagt Alexander Honigmann, der sich für Zebra in Deutschland um Industrie- und Logistikkunden kümmert. Am schnellsten reagiere der Handel, berichtet Honigmann. Doch erstaunlich viele Unternehmen würden noch gut ein Drittel ihrer Geräte kaum nutzen und wüssten in großen Fabriken zum Teil gar nicht, wo sie stehen.

          RFID sagt, wo Gegenstände sind

          Abhilfe schafft da eine Technik namens RFID, was für Radio Frequency Identification steht und es möglich macht, Objekte zu lokalisieren, ohne sie berühren zu müssen. Die Erkennung erfolgt mittels elektromagnetischer Wellen. Die Technik ist alt, schon Ende des Zweiten Weltkriegs wurde RFID eingesetzt, doch besonders in den vergangenen 15 Jahren hat sich die Leistung der Sensoren deutlich verbessert, weshalb sie zunehmend wichtiger in der Industrie wird. Fraßen Inventuren früher meist die Zeit eines ganzen Wochenendes auf, können die Lesegeräte heute schon fünf Barcodes auf Lieferscheinen gleichzeitig erkennen. Alles wird schneller und effizienter und vor allem rund um die Uhr gemessen.

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          Klebten die RFID-Tags früher eher nur auf Büchern in Bibliotheken oder auf Etiketten in Wäschereien, hängen sie heute auch an Rückspiegeln von BMW-Autos in München. In der dortigen Niederlassung, der größten des Konzerns überhaupt, nutzt der bayerische Autohersteller solche Tags, um jederzeit zu wissen, wo die Autos der Kunden stehen. 300 bis 400 Autos durchlaufen die Werkstatt an jedem Tag. „Den Standort und den Bearbeitungsstand eines Fahrzeug in Echtzeit ermitteln zu können gibt uns eine nie dagewesene Transparenz über unsere internen Abläufe“, sagt Arthur Schmidt, der in der BMW-Niederlassung die IT leitet.

          „Smart Pack Trailer“ hilft, Lastwagen zu beladen

          Noch einen Schritt weiter gehen die Logistiker, die mit 3D-Kameras und einer Technik, die sich Smart Pack Trailer nennt, ihre Laster ausmessen, um nicht nur herauszufinden, wo sie Platz verschenken, sondern auch um sie effizienter zu beladen. Ein „großer Paketdienstleister aus Nordamerika“, wie Honigmann ihn nur nennen darf, rüstet nach einer Testphase nun alle seine Ladetore damit aus. Bei gut 38.000 Lastern macht es schon einen Unterschied, ob die Transporter vorher im Durchschnitt nur zu 68 Prozent gefüllt waren.

          In Zukunft bekommen die Schichtleiter noch Heads-up-Displays, also Datenbrillen, mit denen sie die Beladung an den Toren noch besser steuern sollen. Auch hier gilt: Alles wird schneller. Was für Mitarbeiter freilich auch eine andere Belastung ergibt. So sind manche Aufgaben vielleicht leichter als früher, dafür kommen in der Arbeitswelt von heute mehr verschiedene Aufgaben auf die Mitarbeiter zu – die mitunter zur Qualitätssicherung auch deutlich stärker überwacht werden. „Der Ablauf wird schneller, genauer, günstiger oder transparenter, irgendein Mehrwert muss für den Kunden erkennbar sein, sonst ergibt es keinen Sinn, solche Technik zu nutzen“, sagt Honigmann.

          Wie genau die Lokalisierung funktioniert, zeigt sich im Handel. Dort kann der Kaufhausdetektiv gleich erkennen, wo im Geschäft sich die drei Lederjacken bewegen und warum sie plötzlich schnell Richtung Ausgang getragen werden. Mitarbeiter können mit den RFID-Tags messen, in welcher Umkleide vielleicht noch Kleider liegen, die anderswo fehlen. Und das Marketing kann erkennen, wohin der Kunde geht, der gerade die Hose anprobiert hat – führt der nächste Weg zu den Pullovern oder doch in die Unterwäscheabteilung? Aus solchen Daten können die Planer viel herauslesen.

          Auch Sportunternehmen machen sich das zunehmend zunutze: Die nordamerikanische Football-Liga NFL hat unter den Schulterpolstern der Spieler Sensoren einbauen lassen, die Leistungsdaten erfassen. Laufwege, Geschwindigkeit, auch der Ball wird getracked, wenn er durch das Stadion fliegt oder getragen wird. Die Investition für die NFL hat sich schnell ausgezahlt, denn die Fans sind verrückt nach solchen Statistiken, weshalb Fernsehsender viel Geld für solche Informationen zahlen. Auch im Fußball wird die Vermessung des Sportlers immer wichtiger. Da unterscheidet er sich gar nicht so sehr vom Schlagbohrer.

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