https://www.faz.net/-gqe-9ps8n

Takeaway und Just Eat : Ein großer Dienst für ganz viel Hunger

Was in Deutschland Lieferando ist, heißt international Takeaway.com. Bild: Takeaway

Die Lieferando-Muttergesellschaft und ein Dienst aus Großbritannien formen den größten Essenslieferdienst Europas. Den Vorständen geht es dabei vor allem um Kapital für weiteres Wachstum.

          Der moderne, urbane Mensch des 21. Jahrhunderts hat wenig Zeit zum Kochen. So oder so ähnlich könnte man den Grund für den Erfolg der digitalen Essenslieferdienste beschreiben, die seit rund zehn Jahren einen Boom erleben und nicht nur in Deutschland und Europa frischgekochtes Essen an Millionen Wohnungstüren liefern – von Burgern und Pizza bis zu asiatischem Essen in Restaurantqualität.

          Bastian Benrath

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit dem aus früheren Zeiten bekannten Telefonanruf beim Pizzaservice hat das nicht mehr viel zu tun: Die Besteller erhalten auf ihr Smartphone umfangreiche Speisekarten mit Hochglanzfotos und bestellen per Fingertipp. Da die Kreditkarte in der App hinterlegt ist, entfällt die Suche nach passendem Bargeld, der Bestellvorgang geht schneller – und die Nutzer merken nicht mehr so sehr, wie viel Geld sie ausgeben.

          Auf dem boomenden Markt der Essenslieferdienste steht nun eine große Fusion kurz vor dem Abschluss. Die vor allem in Zentraleuropa starke, niederländische Plattform Takeaway.com – Muttergesellschaft der in Deutschland bekannten Marke Lieferando – will die britische Plattform Just Eat übernehmen. Die Dienste des ursprünglich aus Dänemark stammenden Unternehmens sind vor allem in Westeuropa, Skandinavien und auf den britischen Inseln verbreitet. Die Vorstände beider Unternehmen einigten sich am Montag auf die Details der Fusion, wie sie bekanntgaben.

          Takeaway-Aktionäre gehen in die Minderheit

          Demnach sollen die Aktionäre von Just Eat je Anteil 0,09744 Aktien des zusammengeführten Konzerns erhalten. Je Aktie erhielten sie so einen Gegenwert von 7,31 Pfund, rund 15 Prozent mehr als der Schlusskurs der Aktie vor gut einer Woche, bevor Gerüchte über die Fusion erstmals bekannt wurden. Damit hätte die Fusion einen Wert von rund 5 Milliarden Pfund (knapp 5,5 Milliarden Euro). Mit gut 52 Prozent erhielten die Just-Eat-Aktionäre eine Mehrheit an dem neuen Unternehmen, während die bisherigen Takeaway-Aktionäre mit knapp 48 Prozent in die Minderheit gingen. Der neue Konzern soll „Just Eat Takeaway.com“ heißen. Die Anteilseigner der Unternehmen müssen der Transaktion noch zustimmen.

          „Wir sind sehr froh, dass es geklappt hat“, sagte Jörg Gerbig, Chef des operativen Geschäfts (COO) von Takeaway und seinerzeit Gründer von Lieferando, FAZ.NET. „Wir schaffen durch die Fusion nach Umsatz die größte Plattform der Welt außerhalb Chinas. Das wird uns insbesondere Kapital für weitere Investitionen geben.“ Er rechnet vor, dass durch die Fusion ein Konzern mit 1,2 Milliarden Euro Umsatz entstehe. Im vergangenen Jahr hätten Takeaway und Just Eat zusammen 355 Millionen Bestellungen mit 7,3 Milliarden Euro vermitteltem Bestellvolumen abgewickelt. Der neue Konzern sei dann in 23 Ländern präsent, in denen aber teils nur 10 Prozent der Menschen seine Dienste bislang nutzten – Raum für weiteres Wachstum sei also gegeben.

          Goldgräberstimmung in der Branche

          Im vergangenen Jahr sind Takeaway und Just Eat nach Umsatz beide um jeweils 42 Prozent gewachsen. Das illustriert, welche Goldgräberstimmung auf dem Lieferdienstemarkt herrscht. Alle Unternehmen versuchen aggressiv zu wachsen – denn Untersuchungen des Konsumentenverhaltens zeigen, dass Nutzer meist bei dem Lieferdienst bleiben, für den sie sich beim ersten Mal entschieden haben.

          In einer Befragung von McKinsey sagten 80 Prozent der Bestellenden, sie verließen gar nicht oder nur in Ausnahmefällen die Plattform, auf der sie zum ersten Mal bestellt hätten. „Das ist ein Winner-takes-most-Markt“, sagt Gerbig. Folglich sind Übernahmen und Verkäufe an der Tagesordnung. Beispielsweise verkaufte der größte deutsche Lieferdienst, Delivery Hero aus Berlin, im Dezember sein Deutschlandgeschäft an Takeaway, das die Marken Lieferheld, pizza.de und Foodora enthielt.

          Zwei Geschäftsmodelle

          Unter den Lieferdiensten gibt es zwei unterschiedliche Geschäftsmodelle. Die einen stellen primär einen Online-Marktplatz mit App-Anbindung zur Verfügung, in den Restaurants ihre Angebote einstellen können. Die Plattform übernimmt Abwicklung und Bezahlung der Bestellung, geliefert wird von einem Kurier des Restaurants.

          Das andere sogenannte Logistikmodell fußt darauf, dass die Plattform zusätzlich noch selbst liefert, während das Restaurant nur kocht. Dieses Modell verfolgen etwa Foodora und der aus Großbritannien stammende Dienst Deliveroo, der in Deutschland auch sehr verbreitet ist. Das Problem: Das Prinzip ist hochgradig verlustträchtig. Die Takeaway-Marke Foodora habe im vergangenen Jahr 20 Millionen Euro Verlust erwirtschaftet.

          „Als eigenständiges Geschäftsmodell ist das Logistik-Prinzip in unseren Märkten nicht profitabel“, sagt Gerbig. „Das Geschäftsmodell der Zukunft ist eher ein hybrides Modell zwischen Marktplatz und Logistik, in dem einige Bestellungen von uns geliefert werden, aber nicht alle.“ Da Takeaway in Deutschland 95 Prozent seiner Bestellungen über den Marktplatz ausliefere und nur 5 Prozent selbst, sieht er sich gut gerüstet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Plan für Klimaneutralität : Die Stunde der Klimaretter

          Am Freitag will die Regierung den Plan für ein klimaneutrales Deutschland beschließen. Was kommt da auf uns zu? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.