https://www.faz.net/-gqe-9557h

Idagio : Das Spotify für Klassik-Fans

Till Janczukowicz, 50, ist Pianist und nun unter die Gründer gegangen. Bild: Andreas Pein

Musikmanager Till Janczukowicz hat einen Streaming-Dienst gegründet – nur für klassische Musik. Jetzt geht kein Konzert mehr verloren.

          Fünfzig ist eigentlich kein adäquates Alter für Start-up-Gründer. Normalerweise ist man in dem Milieu deutlich früher dran. Wer es sich im zweiten Drittel seines Lebens noch einmal antut, ein Unternehmen aus dem Boden zu stampfen, bei Investoren um Geld zu betteln und in der Anfangsphase umsonst zu arbeiten, der muss schon ein Überzeugungstäter sein. Till Janczukowicz ist so einer. Seit vielen Jahren mischt er im Klassik-Business mit, jetzt mischt er die Branche auf.

          Inge Kloepfer

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Ich habe nie vorgehabt, mit über 40 Jahren noch ein Start-up ins Leben zu rufen“, sagt der spätberufene Gründer. 25 Jahre lang war er im Management von Künstlern aktiv, hat lange für Superstars wie die Dirigenten Christian Thielemann und Seiji Ozawa oder den Pianisten André Previn gearbeitet, Karrieren aufgebaut, betreut und Konzertreihen organisiert. Doch trieb ihn dabei immer wieder dieselbe Frage um: „Wie bringen wir die junge Generation zur klassischen Musik, während wir mit Technologieunternehmen wie Netflix oder Facebook in einem gnadenlos digital geführten Wettbewerb um die Aufmerksamkeit unserer Hörer stehen?“

          Chance für die klassische Musik-Industrie

          Seit nunmehr zwei Jahren baut der gebürtige Aachener und Wahlberliner ganz offiziell an einem Streaming-Dienst ausschließlich für klassische Musik. Er tut dies gemeinsam mit seinem Mitgründer Christoph Lange, der mit 37 Jahren zumindest vom Alter her besser in das Umfeld der Gründerszene passt. In Anlehnung an die musikalische Tempo-Bezeichnung Adagio (langsam, gemütlich) hat Janczukowicz das Unternehmen Idagio genannt, so dass jeder gleich vermuten kann, womit er es zu tun hat. Nur gemütlich geht es bei ihm überhaupt nicht zu: „Ich möchte den ultimativen Streaming-Dienst für klassische Musik weltweit anbieten“, sagt er vollmundig. Idagio wächst derzeit kräftig, die Berliner Altbauräume platzen aus allen Nähten. Die 43 Mitarbeiter, die derzeit wöchentlich rund 15.000 Klassik-Titel zu den schon bestehenden 540.000 auf die Plattform hochladen und katalogisieren, sitzen dicht gedrängt. Neue Räume sind angemietet.

          News per Whatsapp, Telegram und Messenger
          News per Whatsapp, Telegram und Messenger

          Ab sofort versorgen wir Sie über Ihren Lieblingsdienst mit den Themen des Tages.

          Jetzt anmelden

          Ein Streaming-Dienst ist nichts Neues. Mit Spotify, Napster, Apple Music und anderen gibt es das längst. Allerdings ist keine von diesen Plattformen ausschließlich auf Klassik spezialisiert. Für wahre Klassik-Hörer sind sie deshalb unbefriedigend – vor allem, weil man wissen muss, was man sucht, und Glück haben muss, um es zu finden. Dass man auf Werke und Künstler stößt, die man vorher nicht im Blick hatte, ist eher selten. Den großen Streaming-Diensten kann man das nicht zum Vorwurf machen: Die Klassik ist mit einem Anteil von durchschnittlich fünf Prozent am gesamten Tonträgermarkt weltweit eine Nische. Die großen Anbieter sind auf die Bedürfnisse der Hörer anderer Genres angelegt.

          Idagio soll nach den Vorstellungen von Janczukowicz nun genau in diese Lücke stoßen. Inspiriert haben ihn vor allem zwei Dinge: Erstens werde irgendwann der Zeitpunkt kommen, an dem das Repertoire, das nicht gestreamt werden kann, für die Kunden auch nicht existiert. Zweitens schafft die Digitalisierung gnadenlose Transparenz, die auch die klassische Musik-Industrie als Chance nutzen könnte. Übersetzt auf die Möglichkeiten des Portals, heißt das: Wer Beethovens Klaviersonate Nummer 17 von Alfred Brendel hören will, dem werden gut 50 andere Einspielungen bekannter und eben auch unbekannter Künstler im direkten Vergleich angeboten. Kleine Labels werden sichtbar, was den Riesen auf lange Sicht die Marktmacht nehmen könnte.

          Weitere Themen

          Ausstand bei Amazon Video-Seite öffnen

          Tarifkonflikt seit 2013 : Ausstand bei Amazon

          Der Tarifkonflikt bei Amazon dauert in Deutschland bereits seit 2013 an. 300 Mitarbeiter sind am Dienstag wieder in Werne auf die Straße gegangen. Die Kunden müssten sich keine Sorgen um ihre Geschenke machen, erklärte das Unternehmen.

          Topmeldungen

          Umweltschutz : EU verbietet Einweg-Plastik

          Riesige Mengen Plastikmüll landen jedes Jahr in den Ozeanen. Nun plant die Europäische Union drastische Gegenmaßnahmen. Etliche Alltagsprodukte sollen verschwinden.

          F.A.Z. exklusiv : VW streicht seinen Managern individuelle Boni

          Ab dem nächsten Jahr will Volkswagen die Boni seiner Top-Manager am Konzernergebnis und am Aktienkurs ausrichten. Bei Verstößen gegen die Unternehmenskultur soll es zudem möglich werden, gezahlte Vergütungen zurückzufordern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.